„It must schwing“ auf individuellen Wegen

Das JazzFest Berlin 2009 bot dem begeisterten Publikum Vielfalt und gute Qualität


(nmz) -
Kontrastreich ging das JazzFest Berlin zu Ende: Mit dröhnenden Grooves ließen Booker T. und seine Band „The MGs” das Haus der Berliner Festspiele erzittern; im intimen Club „Quasimodo” bot das Paolo Fresu Devil Quartet um Mitternacht ungleich avanciertere, doch von italienischer Klangsinnlichkeit und Melodik gefärbte Klänge.
Ein Artikel von Isabel Herzfeld

Das Publikum begeisterte sich ebenso an der Vitalität und Einfachheit des einen wie an der Komplexität des anderen. Wieder ist Nils Landgren, zum zweiten Mal als künstlerischer Leiter verantwortlich, die Quadratur des Kreises gelungen: den Mainstream mit dem Unkonventionellen zu versöhnen, Altes und Neues, Anspruch und unmittelbare Verständlichkeit.

Dem schwedischen Posaunisten ging es nicht darum, neueste Entwicklungen zu zeigen oder gar durch seine Auswahl zu befördern. Unter dem Motto „It must schwing“ gedachte er des 70-jährigen Jubiläums des legendären Labels „Blue Note“, das von den beiden nach New York emigrierten Berliner Juden Alfred Lion und Francis Wolff gegründet wurde – eine noble und nötige Geste einer Berliner Institution inmitten der Mauerfall-Euphorie dieser Novembertage, die die Reichsprogromnacht fast vollständig ausblendet. Die Blue-Note-Stars von einst und jetzt zu präsentieren konnte natürlich nur heißen, Erfolgsgeschichten zu erzählen, statt irgendwelche Winkel nach dem noch nie Dagewesenen, Widerborstigen und Destruktiven abzusuchen – schließlich trug „Blue Note“ maßgeblich zum Aufblühen des Jazz in den Fünfziger Jahren bei; Stars wie John Coltrane, Miles Davis, Thelonious Monk und Herbie Hancock brachten hier ihre Aufnahmen heraus. Doch Landgren kombinierte so geschickt alte Größen mit neuen Hoffnungsträgern, hatte seine reiche, orthodoxe Grenzen sprengende Palette mit soviel Qualität bestückt, dass sich Fragen nach Fort- oder Rückschritt gar nicht mehr stellten. Zu erleben gab es schlicht „gute Musik“. Die macht Landgren erklärtermaßen für das Publikum – das durchweg begeistert reagierte – „und nicht für Journalisten“.

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum macht parallel dazu die große Zeit der „Blue Note“ anschaulich: Bis zum 7. Februar nächsten Jahres sind dort bisher unbekannte Fotos zu sehen, die Francis Wolff, gelernter Fotograf, während der Aufnahmesitzungen schoss. Es entstanden nicht nur aufschlussreiche Künstlerportraits, sondern auch faszinierende Ansichten der Jazz-Stadt New York. Auf einem Audio-Guide erklingt auch die komplette Musik der auf den Fotos abgebildeten Spielsituationen – die Ausstellung vermittelt so ein ganzes Stück Jazz-Geschichte. Vier junge Blue-Note-Pianisten kamen mit ihren Trios in den – leider akustisch nicht sehr günstigen – Glashof des Museums: Der Israeli Yaron Herman, ein Wanderer zwischen den Klangwelten und der Philosophie zuliebe eng mit Paris verbunden, bestrickte mit weichem, fast romantischem, klangfarblich hochdifferenziertem Spiel. Aaron Parks, als Jude in New York lebend, bot schärfere, vielleicht auch nüchternere Konturen auf. Ein wenig enttäuschend die Formation MST um den französischen Trompeter Erik Truffaz – zwar gab es hier jede Menge rockig harte Rhythmen, doch den bunten Laptop-Klängen haftete auch immer etwas Glattes und Beliebiges an. Ein Naturereignis dagegen die für Robert Glasper eingesprungene Japanerin Junko Onishi, deren umwerfendes Temperament sich mit Eleganz und Präzision paarte. Wenn so Klavier gespielt wird, kommt es fast nicht mehr darauf an, was gespielt wird – was aber nicht gegen die Kreativität der Anhängerin des großen Duke Ellington sprechen soll, deren Mitstreiter an Bass und Schlagzeug sich ebenfalls ideenreich ins Spiel brachten. 

Vor allem abseits der großen, Massenpublikum anziehenden Spielstätte, in den kleinen Clubs „A-Trane“ und „Quasimodo“, war Innovatives zu entdecken. Das britische Tim Garland’s Lighthouse Trio, das norwegische Matthias Eick Quartet, der vielseitige Sebastian Studnitzky an Piano und Trompete – sie alle zeichnen sich durch jeweils ganz individuelle Amalgame vorsichtig modernisierter Bestandteile aus Jazz-Tradition und dem riesigen Tonvorrat aus Rock, Pop, Weltmusik bis zu avancierter „E-Musik“ aus, begeistern durch riesengroßes Können und Kommunikationsfähigkeit. Eine Sonderstellung nahm das Barry Guy New Orchestra aus London ein, doch auch dessen dissonante, mit Buh-Rufen bedachte Free-Jazz-Anklänge gingen niemals so weit wie in den Siebziger Jahren, hielten sich an tradierten, bloß nicht-tonal gefassten Formen fest. Trotzdem ein erfrischender Coup gegen allzuviel Gefälligkeit.

Unangestrengter, spielerischer, echter kam das auf ganz andere Weise nur noch vom südafrikanischen Dizu Plaatjies Ibuyambo Ensemble – Farbigkeit und Ausdruckskraft der traditionellen Instrumente, Stimmen, Masken und Tänze waren nicht zu übertreffen. Am ehesten sprach die viel beschworene, so schwer erreichbare Authentizität denn doch noch aus dem Spiel der alten Blue-Note-Kämpen, egal ob sie ihre Posaune noch gerade halten können oder nicht: bei Curtis Fuller, dem unverwüstlich frischen Ella-Fitzgerald-Begleiter Hank Jones und bei John Scofield, der aus der Rückkehr zum Gospel Neues zu schöpfen wusste – Begegnungen voller Wärme, Witz und unverwüstlicher Lebenskraft. Ebenso überzeugte Terence Blanchard mit seinem Quintett sowie dem Filmorchester Babelsberg in „A Tale of God’s Will“ – als Requiem für die Opfer des Katrina-Wirbelsturms in New Orleans gedacht – zunehmend durch emotionalen Ernst und Tiefe und nicht zuletzt durch seinen unentrinnbar eindringlichen Trompetenton.

Der Klavier-Tausendsassa Jacky Terrasson dagegen fegte zwar in „A Blue Note Tribute to Horace Silver“ mit der seltsam grobschlächtig aufspielenden NDR-Bigband wie der Tornado persönlich über die Tasten, konnte den Charme und die Sensibilität der alten Silver-Standards aber keineswegs erreichen.

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