Jazz-Export-Weltmeister


(nmz) -
Die Wogen schlagen hoch bei den Mitgliedern der Bundeskonferenz Jazz. Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, hat am 11. August in einer Glosse die „Wahlprüfsteine Jazz“ der Bundeskonferenz aufs Korn genommen. Sinngemäß konstatiert Steinfeld, dass die Deutschen auch im Bereich des modernen Jazz Weltmeister im Vereine gründen und Gartenzwerge aufstellen seien.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Steinfelds Text über Vereinsmeierei im Kreativbereich liest sich aber nur für den lustig, der mit Jazz nichts am Hut hat. Wer die Realität des professionellen Jazzmusikers kennt, der muss sich mit den Jazzfunktionären wenigstens insoweit solidarisch erklären, dass er den Autor der Glosse auf einige sachliche Fehler hinweist. Steinfelds These, dass der Jazz eine Verjüngung brauche, beruht auf einer Statistik des US-amerikanischen „National Endowment for the Arts“. Dort wird aber nur die Anzahl der Konzertbesucher gemessen, die in einigen Altergruppen bis zu 30 Prozent rückläufig ist. Steinfeld ignoriert jedoch die Tatsache, dass in Deutschland zum Beispiel an 16 Musikhochschulen so viele junge Jazzmusiker wie noch nie ausgebildet werden, und dass die-se Musiker sehr wohl wissen, dass sie nicht in einen Arbeitsmarkt vergleichbar dem sinfonischer Musiker hineinstudieren, sondern in eine ungewisse Zukunft, die auch Angewandtes wie Filmmusik und Studioarbeit bereit hält.

Dennoch lieben immer mehr junge Leute Jazz und Improvisiertes, und wenn man – wie der Autor dieser Zeilen – in einer Jazzredaktion sitzt und täglich mit den CDs und Konzerthinweisen dieser jungen Könner konfrontiert ist, dann weiß man, dass diese Kunstform so lebendig ist wie eh und je. Da sie aber kein Massenphänomen wie in den 30er- und 40er-Jahren mehr ist, bleibt sie auf spezifische Förderung angewiesen und hat diese – analog zum klassischen Musikbetrieb – auch verdient. Noch eine Ungenauigkeit passiert Steinfeld, dieses Mal beim Thema Jazzexport. Er schreibt: „Der schönste Satz kommt am Ende des Bulletins, das die ‚Bundeskonferenz Jazz’ an die Presse verschickt: ‚Alle Parteien sprechen sich zudem für den Export von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern aus, dessen Förderung seiner Natur nach Bundesaufgabe ist.’ Der ‚Natur nach’! ‚Bundesaufgabe’! ‚Export von Jazzmusikerinnen‘!

Die erfolgreichsten Jazzmusiker, auch in Deutschland, kommen gegenwärtig immer noch aus den skandinavischen Ländern, vor allem aus Norwegen und Schweden. Jedes Kind erhält dort die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen, kostenlos. Aber eine Institution, die der ‚Bundeskonferenz Jazz’ entspräche, gibt es in keinem dieser Länder. Ob das miteinander zusammenhängt?“

Zunächst ist die Bundeskonferenz Jazz keine Behörde oder Institution, sondern ein Verein aus engagierten Musikveranstaltern und Lobbyisten. Dann der eigentliche Fehler: Die Musikförderung hört in Skandinavien eben nicht bei der Ausbildung auf. Wenn irgendwo auf der Welt seit Jahrzehnten in Kunst und Kultur, Jazz inbegriffen, investiert wird, dann in Norwegen und Schweden. Die Kulturpolitik skandinavischer Länder, inklusive der dazugehörigen Musikexportbüros, hat für Deutschlands „Jazzfunktionäre“ zu Recht Vorbildcharakter. Wenn Steinfeld ihnen einen Vorwurf machen kann, dann nur den, dass sie so lange brauchten, es den Skandinaviern endlich gleichzutun.

Die Antworten der Bundestagsparteien auf die Wahlprüfsteine Jazz finden Sie in der aktuellen Jazzzeitung September/Oktober 2009.

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