Jeder hat das Recht auf die eigene Musikalität

Improvisation in der Hochschulausbildung: Kreativitätsförderung mit Methode? ·


(nmz) -

Moritz wäre für viele Instrumentallehrer ein Graus gewesen. Für einfache einstimmige Kinderlieder, die andere in kürzester Zeit auswendig spielen, brauchte er mehrere Wochen. Und auch nach vielen Jahren Klavierunterricht stolperte er immer noch mühsam von Note zu Note. Eigentlich ein typischer Abbrecher. Wäre da nicht das Improvisieren gewesen. Dabei stellte er sich nämlich sehr geschickt an, wurde rhythmisch immer souveräner, entwickelte geradezu virtuose Fähigkeiten und einen ganz eigenen Stil. Einer seiner Lieblingskomponisten ist Gershwin. Aus zwei Seiten Noten macht er ein sehr überzeugendes zehnminütiges Musikstück, in dem er die Themen und die typischen Harmoniefolgen nach eigenem Gusto verarbeitet, am einen Tag so, am nächsten ganz anders. Er ist ein wirklich musikalischer Mensch – wenn er nicht nach Noten spielen muss!


Bei Michael verhielt es sich ein wenig anders. Er hatte es leichter mit vorgegebener und notierter Musik. Trotzdem: wenn er improvisierte, glaubte man einen Schüler vor sich zu haben, der mehrere Jahre weiter war als der Michael, der nach Noten spielte. Als ich wegzog, wechselte er zu einer Lehrerin, die nur das Spielen nach Noten akzeptierte. Nach kurzer Zeit brach er den Unterricht ab.

Improvisieren ist für viele Menschen der entscheidende, für manche sogar der einzig mögliche Zugang zur Musik. Sie spüren ihre Musikalität nur in der Situation des Musizierens. Ein Notentext, der erst decodiert und dann „richtig“ auf das Instrument übersetzt werden muss, spricht Seiten in ihnen an, die mit Musik nichts zu tun haben, lenkt sie von der Musik ab und lässt das Gefühl in ihnen entstehen, „unmusikalisch“ zu sein. In Wirklichkeit hat aber lediglich der Zugang über die Noten ihnen den für sie falschen Weg gewiesen, sie nicht zu ihrer eigenen Musikalität geführt. Ähnliches ist übrigens auch in der improvisatorischen Arbeit mit Gruppen musikalischer Laien zu beobachten. Viele, die sich bisher für unmusikalisch hielten, entdecken hier ungeahnte Fähigkeiten. Voraussetzung ist aber, dass ich als Lehrer keine Barrieren technischer Art aufbaue – Skalen, Harmonieschemata, Musiktheorie –, die nur ihre kognitiven Fähigkeiten (oder Unfähigkeiten) ansprechen, nicht aber ihr Hören und ihren unmittelbaren Klangsinn.

Was ist aus dem bisher Gesagten zu schlussfolgern? Zwei Feststellungen sind mir besonders wichtig:

  1. Jeder Schüler, jede Schülerin (instrumental, in einem Ensemble oder in der allgemeinbildenden Schule) hat das Recht, auf eine ihm oder ihr angemessene Weise an die eigene Musikalität herangeführt zu werden.
  2. Als Lehrer brauche ich sowohl die Fach- als auch die Methodenkompetenz, um dies in entsprechender Weise zu tun.

Fach- und Methodenkompetenz beschränken sich bei den meisten Lehrern auf den Umgang mit notierter Musik. So wichtig diese Fähigkeit zweifelsohne ist – sie genügt nicht! Lehrer müssen in der Lage sein, zu erkennen, ob ihre Schüler eher über den Weg der vorgegebenen oder der selbst entwickelten Musik, mehr über das Auge oder mehr über das Ohr, zu ihrer ihnen eigenen Musikalität finden. Und sie müssen in der Lage sein, auf dem als geeignet erkannten Weg kompetente Begleiter und Förderer zu sein.

Was heißt das für die Hochschulausbildung? Studentinnen und Studenten, der Instrumentalpädagogik ebenso wie der Schulmusik, müssen während ihres Studiums

so viel eigene Erfahrungen mit Improvisation sammeln, dass sie ihren Schülern selbst Vorbild sein und sie kompetent beraten können.
sich mit Methodik und Didaktik musikalischer (Einzel- und Gruppen-) Improvisation auseinandersetzen und lernen, wie unterschiedliche methodische Ansätze für unterschiedliche Schüler einzusetzen sind. Welcher Schüler benötigt einen spielerischen und angstfreien Einstieg, um sich beim Musizieren frei zu fühlen, wer braucht eher eine anspruchsvolle Aufgabe als Herausforderung?

So lobenswert es ist, dass derzeit immer mehr Hochschulen das Fach Improvisation in ihr Unterrichtsangebot aufnehmen, so notwendig ist es doch, darauf hinzuweisen, dass dies vorerst nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Im schlimmsten Fall kann sich eine zu oberflächliche Beschäftigung zu einem echten Eigentor entwickeln, wenn geschieht, was Richard Jakoby einst in einem beißenden Artikel der „Improvisationsflut“ der siebziger Jahre vorwarf, „die die Grenze zum Unseriösen, zum Kindischen, zur Scharlatanerie häufig überschritt und oft weder dem zu bildenden Schüler, noch der Sache Neue Musik gedient hat“. Ein individuelles Herumprobieren mit Improvisation, ohne die Basis fundierter künstlerischer Erfahrungen und methodisch-didaktischen Wissens kann genau dort enden. In den siebziger Jahren war Improvisation eine Modeerscheinung, die vermutlich an ihrer eigenen mangelnden Substanz zugrunde ging (womit die Verdienste Einzelner keinesfalls geschmälert werden sollen). Ein solcher Fehler darf sich eigentlich nicht wiederholen, schon gar nicht innerhalb solch kurzer Zeit! Eine Musizierform, die Jahrhunderte lang eine Selbstverständlichkeit für jeden Musiker war, muss ein angemessenes Gewicht in der musikalischen und musikpädagogischen Landschaft haben und in Ernst zu nehmender Weise mindestens in die musikpädagogischen – besser auch in die künstlerischen – Studiengänge aufgenommen werden. Bis die Hochschulen sich hoffentlich eines schönen Tages dieser Aufgabe in vollem Umfang annehmen (was bei der derzeitigen Haushaltslage noch lange dauern kann), sei einstweilen auf die zur Zeit noch wenigen Möglichkeiten hingewiesen, sich improvisatorisch intensiver fortzubilden.

Nach meiner Kenntnis bestehen derzeit folgende Aus-, Fortbildungs- und Informationsmöglichkeiten:

Musikhochschule Leipzig

Improvisation ist möglich als Zusatzstudium (Gruppen- und Einzelunterricht, Methodik, Lehrpraxis) oder im Rahmen des Aufbaustudiums Zeitgenössische Musik. Für alle DMP-Studierende ist es vier Semester lang Pflichtfach. Leitung: Tilo Augsten.

Kontakt: Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, Grassistr. 8, 04107 Leipzig, Tel. 0341/21 44-55, Fax: -503, E-Mail an Tilo Augsten: augton@web.de

Musikhochschule Dresden

Improvisation ist möglich als Wahlfach für Pianisten oder Zweitfach für DME-Studierende, außerdem ist es dreijähriges Pflichtfach für alle Klavierstudenten. Leitung: Prof. Ute Pruggmayer-Philipp.

Kontakt: Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“, Wettiner Platz 13, 01067 Dresden, Tel. 0351/49 23-634, Fax -657

Universität Siegen

Musikalisch-therapeutische Zusatzausbildung für Angehörige helfender Berufe (ein eher sozialpädagogisch ausgerichteter Studiengang, in dem musikalische Improvisation als Schlüsselkompetenz gelehrt wird). Leitung: Prof. Harmut Kapteina und andere.

Kontakt: Prof. Hartmut Kapteina, Universität Siegen, Hölderlinstr. 3, 57061 Siegen, Fax 0271/740 28 29, E-Mail: kapteina@musik.uni-siegen.de

Hochschule für Musik Basel

Nachdiplomkurs „Improvisierte Kammermusik/Freie Improvisation“. Leitung: Walter Fähndrich, Peter K. Frey, Christoph Baumann.

Kontakt: Hochschule für Musik Basel, Martina Pratsch, Leonhardstr. 6, CH-4003 Basel, Tel. +41-(0)61/264 57 33, E-Mail: martina.pratsch@musaka bas.ch oder wf@musicforspaces.ch

Deutsches Institut für Improvisation

Musik – Tanz – Theorie, zweijährige Ausbildung zur pädagogischen und künstlerischen Arbeit auf dem Gebiet der Improvisation (für Absolventen künstlerischer, pädagogischer oder therapeutischer Studiengänge). Leitung: Prof. Dr. Peter Jarchow und andere.

Kontakt: Deutsches Institut für Improvisation, Immanuelkirchstr. 3-4, 10405 Berlin, Tel. 030/99 26 13 46, Fax 030/44 35 17 70, E-Mail: info@impro institut.de

Internationale Tagung für Improvisation Luzern (alle drei Jahre, zuletzt 2002)

Sechstägige internationale Tagung mit Vorträgen, Workshops, Seminaren und Konzerten von international renommierten Musikern und Referenten. Leitung: Walter Fähndrich, Peter K. Frey, Christoph Baumann.

Kontakt: Peter K. Frey, Im Heugarten 45, CH-8617 Mönchaltorf, Tel./Fax +41-(0)1/948 06 44, E-Mail: info@ improvisation-luzern.ch

Ring für Gruppenimprovisation

  • Tagungen mit renommierten Dozenten
  • Herausgabe des „Ringgesprächs über Gruppenimprovisation“ der einzigen deutschsprachigen Zeitung über Theorie und Praxis musikalischer Improvisation
  • Herausgabe des Kurskalenders Musikalische Improvisation mit jährlich mehr als 100 Kurs- und Fortbildungsangeboten für musikalische Improvisation; auch unter www.impro-ring.de
  • Website mit Probeartikeln der Zeitung und kommentierter Literaturliste.

Kontakt: Ring für Gruppenimprovisation, c/o Matthias Schwabe, Wilskistr. 56, 14163 Berlin, Tel. 030/84 72 10 50, Fax 030/814 15 03, E-Mail: im pro-ring@impro-ring.de, www.impro-ring.de

Zuletzt möchte ich auf das in diesem Frühjahr von mir gegründete „exploratorium berlin“ hinweisen, ein Veranstaltungs- und Fortbildungszentrum, das sich ausdrücklich der improvisierten Musik widmet und zum Ziel hat, all das Potential zu aktivieren, das Improvisation als Musizierform zu bieten hat:

  • Kurse für musikalische Laien – auch ohne jegliche Vorkenntnisse –, für Kinder und für Menschen mit Behinderung, die eine Möglichkeit zum gemeinsamen Musizieren suchen
  • Fortbildungsangebote für Musikpädagogen/-therapeuten, Sozialpädagogen und andere, die für ihre berufliche Tätigkeit mit verschiedenen Zielgruppen künstlerische Erfahrung und methodisch-didaktisches Know-how über improvisierte Musik suchen
  • Kurse für lebendiges Musiklernen durch Improvisation, zum Beispiel im Bereich Musiktheorie
  • sogenannte „Offene Bühnen“: Treffpunkte für geübte improvisierende Musiker/-innen, die in verschiedenen Ad-hoc-Besetzungen miteinander improvisieren möchten
  • Auftrittsmöglichkeiten für unbekannte Improvisations-Ensembles
  • Konzerte mit arrivierten Ensembles, insbesondere solche, die selten zu hören sind. Ein erstes „Highlight“ war am 30. September Sofia Gubaidulinas Improvisationsensemble ASTRAEA.
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit mit improvisierenden Tänzerinnen, Bildenden Künstlern, Schauspielern
  • Ausbildung, insbesondere für musikpädagogisch Tätige, ist in Planung.
    Kontakt: exploratorium berlin, Mehringdamm 55, 10961 Berlin, Tel. 030/84 72 10 52, Fax 030/814 15 03, E-Mail: info@exploratorium-berlin.de

1 Richard Jakoby: Neue Musik und Musikerziehung, in: Musik und Bildung, 1991/4, S. 5-9

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