Keine elitäre Arche

Zehn Jahre „Alte Musik“ an der Leipziger Musikhochschule


(nmz) -

Mit einem Fest „Alte Musik“ beging die Leipziger Hochschule für Musik und Theater Ende Oktober das zehnjährige Jubiläum der Fachrichtung. Ein Dezennium ist im Leben einer fast 160 Jahre alten Hochschule nicht eben viel, gibt jedoch Anlass zur Standortbetrachtung.

Ein Artikel von Sigrid Neef

Mit einem Fest „Alte Musik“ beging die Leipziger Hochschule für Musik und Theater Ende Oktober das zehnjährige Jubiläum der Fachrichtung. Ein Dezennium ist im Leben einer fast 160 Jahre alten Hochschule nicht eben viel, gibt jedoch Anlass zur Standortbetrachtung.Alte Musik“ – geliebt, zelebriert, heftig umstritten und unterdessen als respektable Größe etabliert, das ist in Leipzigs HMT nicht anders als anderswo. Und doch war einiges anders: Bei der Neustrukturierung der Hochschule zur politischen Wende ergriff man die Chance, einzelne Fächer mit exotischen Instrumenten auf den festen Boden einer Fachrichtung „Alte Musik“ zu stellen. Die Ursprünge gingen in DDR-Zeit zurück, als oft misstrauisch beäugte Individualisten unermüdlich für quellenorientiertes Verständnis und Aufführungspraxis kämpften. Als an der Leipziger Hochschule 1988 zum Cembalo- und Generalbassunterricht der Korrepetitionsstudenten auch eine Hauptfachklasse Cembalo bei Christine Schornsheim eingerichtet wurde, unterrichtete Siegfried Pank bereits vier Jahre Viola da Gamba. Die Grundpfeiler zur Erarbeitung einer Studien- und Prüfungsordnung waren so mit der Wende bereits verankert. Mit dem Wintersemester 1990 existierte die Fachrichtung offiziell, als „Diplomstudiengang Instrumente/Gesang des 17./18. Jahrhunderts“.

Der umfassende Studiengang bietet heute alle repräsentativen Instrumente einschließlich Gesang zuzüglich der dazugehörenden Wissenschafts- und Spezialfächer an. Prof. Pank sieht die Zukunft der Fachrichtung im Vermitteln fundierten Rüstzeugs für ein dynamisches Wirken junger Musikerinnen und Musiker in einer sich verändernden Musiklandschaft: „Die Tendenzen im internationalen Musikleben weisen darauf hin, dass die Trennung ‚historisch – spätromantisch‘ abnimmt, dass Solisten, Dirigenten und Orchester sich um beide Richtungen ernsthaft bemühen.“ Dass die Fachrichtung keine Arche für den elitären Genuss Eingeweihter an Barockmusik ist, unterstreicht Prof. Christine Schornsheim. Sie bemüht sich um den Abbau immer noch gärender Schwellenangst auf beiden Seiten: „Es gibt bei uns kein Inseldasein. Ich möchte ein kritisches Herangehen an jede Art von Musik, an jeden Notentext.“

Zusammen mit den Blockflöten waren Violoncello/Viola da Gamba und Cembalo/Hammerflügel anfangs das Herzstück der Fachrichtung. Heute gibt es eine vierte Professur für Barockvioline/Kammermusik. Alle anderen Fächer werden mit Enthusiasmus und deutlicher Unterbezahlung über Lehraufträge abgedeckt. Die aus der Situation erwachsende Fluktuation bringt mehr Unruhe als Kontinuität. Fachrichtungsleiterin Schornsheim setzt auf den nötigen Dialog: „Ich wünsche mir ein Aufeinanderzugehen der verschiedenen Fachrichtungen. Langfristig könnte ein Kollege aus einer anderen, ein Bindeglied zu unserer werden.“ Eine Vision, die bereits das humorige Feuilleton des Berliner HdK-Professors Christoph Rueger zur festlichen Eröffnung widerspiegelte, nahezu eine Agenda für die „produktive und ergänzende Koexistenz von Alter und Neuer Musik, von Musik als Verwalter seelischer, emotionaler und geistiger Vollkost.“

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