Kitsch-Kulturen


(nmz) -

Wer zum wiederholten Mal bei sich steigerndem Genuss das d-moll-Konzert von Sibelius mit der jungen Geigerin Julia Fischer hört und sich en passant daran erinnert, dass dieser Grenzgänger zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert für Adorno einst die Verkörperung des Bösen in der Musik war, der tönende Kitsch-Mensch, der muss davon ausgehen, dass die Musik-Philosophie mitten im europäischen Bürgerkrieg und angesichts der Vernichtungslager auf beiden Seiten der Front zumindest von klaren Gegnerschaften profitierte. Wenn man Hitler schon nicht zu fassen bekam, dann wenigstens Sibelius, dessen „Verbrechen“ für Adorno in der entschiedenen Ferne zur Avantgarde bestand, im Beharren auf einer Erfahrung und einer Sehnsucht, das der kritische Theoretiker längst als gegenstandslos, als bloßes Symptom des Verfalls diagnostiziert hatte.

Ein Artikel von Helmut Hein

Glückliche Zeiten selbst noch in der allgegenwärtigen Grausamkeit! Mittlerweile hat der Kitsch längst den Alltag des bürgerlichen Bewusstseins erreicht und bestimmt ganz selbstverständlich die Praxis der westlichen Demokratien. Was Adorno mit überwachen Sinnen in Sibelius‘ Musik erahnte, dass es nämlich eine Idee des Heils gibt, die das vollkommen Heillose begleitet, ja überhaupt erst möglich macht, das ist mittlerweile die triviale und allgegenwärtige Realität von Gesetzgebungsprozess, Regierungshandeln und einer Öffentlichkeit, der es, wenn das „Gute“ auf dem Spiel steht, nie rasch und weit genug gehen kann. Die lautstark beschworene Humanität ist dabei nur noch, was schon Adorno in ihr sah, die Maske einer entfesselten Bestialität. Zur „größtmöglichen“ Brutalität ist bereit, wer die Parole des Tages an die Stelle des Gedankens setzt und heftiges, nein: hysterisches Mitgefühl angesichts auch nur drohender Blessuren des eigenen Daseins mit entschiedener Mitleidlosigkeit dem fremden Leben gegenüber verbindet.

Der Kitsch, der um sich greift und sich schließlich als Gewalt(bereitschaft) entlädt, zeigt sich in der manichäischen Zweiteilung der Welt in Gut und Böse und in einem Größenwahnsinn, der in der Apokalypse seine letzte Zuflucht findet. Die Anmaßung, die Welt, wenn schon nicht beherrschen, so doch zumindest zerstören zu können, nimmt dabei zunehmend die Gestalt von Farce oder Satyrspiel an: Wenn etwa ein Minister, ökologisch korrekt, mit der Bahn reist, seinen gepanzerten Dienstwagen mit Chauffeur aber nachkommen lässt, damit ihm am Bestimmungsort nichts passiert.

Dramatischer wird es, wenn sich die Kitsch-Kulturen mit ungehemmter Aggressivität und entschiedenem Geschäftssinn paaren. In den USA werden so genannte „Triebtäter“ nicht nur seit längerem an den Internet-Pranger gestellt; neuerdings sollen Kinder vor ihnen auch durch „Schutzzonen“ geschützt werden. Weil Kinder aber fast überall (gefährdet) sind, nicht nur in Schulen und Kindergärten und Sportzentren, sondern auch an Bushaltestellen und die Phantasien des Heils beziehungsweise seiner Gefährdung durch das Böse sich keine Grenze setzen (können), sind manche US-Städte, weil all diese Schutzzonen sich so wunderschön überlappen und durchdringen, längst triebtäterfrei. Der Verdächtige, auf den sich die allgemeine Angst projiziert, ohne dass er etwas dagegen tun könnte, wird zwar nicht liquidiert, aber im Wortsinn zum Verschwinden gebracht.

Was ist dagegen der voll emanzipierte bundesdeutsche Kitsch, der das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ des Kindes ausgerechnet dann entdeckt, wenn es darum geht, betrügerische Frauen und marode Staatskassen zu schützen und zahlungskräftige Väter, die gar keine Väter sind, weiter in Pflicht zu nehmen. Dieselbe „informationelle Selbstbestimmung“, die nicht die mindeste Rolle spielt, wenn wieder mal ein heilssüchtiger Staatsanwalt Hunderttausende zum Massen-Gentest ruft oder ein findiger Chef-Ermittler 20 Millionen Kreditkarten durchcheckt.

Kitsch ist neuerdings der Vernichtungswille im Namen des Guten, der folglich keinen Widerspruch duldet. Und nicht mehr die gute alte Sibelius-Sehnsucht nach einer Welt, die utopisch, also „ortlos“ ist, weil sie, dem Adorno-Diktum zufolge, nicht dem neuesten Stand des „Material-Bewusstseins“ entspricht.

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