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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Das wichtigste Album der Pop-Geschichte

01.07.07 (Helmut Hein) -

Die „Swinging sixties“ waren ein rasches Jahrzehnt. In kürzester Zeit veränderte sich fast alles. Es kam zwar nicht zur großen Revolution, von der manche ein wenig leichtsinnig träumten, aber Lebensformen, Alltagskultur, Kunst machten eine so heftige Metamorphose durch, dass, wer 1965 für einen langen Schlaf die Augen schloss, 1968 das meiste nicht wiedererkannt hätte.

Der „ewige Gärtner“ Jochen Distelmeyer: 15 Jahre „Blumfeld“ haben die deutsche Pop-Musik verändert

01.06.07 (Helmut Hein) -

Adoleszente haben sich mithilfe von Jochen Distelmeyers Lyrik eine verzweifelt-euphorische Identität zurechtgebastelt. Professoren dekonstruierten auf Germanisten-Kongressen in wild durchtanzten „Blumfeld“-Partynächten ihr mühsames Erwachsenen-Dasein und entdeckten die Geheimnisse der ewigen Jugend und die Schlangengrube der Interpretation. Nach fünfzehn Jahren und sechs heftig umstrittenen Alben macht jetzt die Band, die wie keine andere das Pop-Verständnis hierzulande verändert hat, plötzlich Schluss. Ein Rückblick auf die Frontmänner der „Hamburger Schule“.

Je besser, desto schlechter

01.05.07 (Helmut Hein) -

Eine Frau von 50 Jahren fährt, zunehmend panisch, mitten in der Nacht Dutzende von Kilometern zu ihrer alten Mutter, die seit Stunden telefonisch nicht zu erreichen ist. Sie befürchtet das Schlimmste. Endlich angekommen, trifft sie ihre Mutter, ähnlich aufgeregt und aufgelöst, die gerade vom Nachbarn kommt. Was ist passiert? Nun ja, der Fortschritt hat zugeschlagen. Wer heutzutage ein Telefon möchte, mit dem man nichts kann als anrufen und Anrufe entgegen nehmen, der gilt als so verrückt, dass man seine Wünsche ohne Weiteres ignorieren kann. Als „schlichtes“ Modell gilt ein Telefon, das nicht mehr als hundert Grundfunktionen hat. Die Skeptiker beruhigt der stolze Fachmann mit dem Hinweis, was man gerade partout nicht wolle oder brauche, könne man ja, von Fall zu Fall, „wegprogrammieren“. Auch das gebe dieser Apparat her. Im vorliegenden Fall hatte die Kundin – auf welche Weise lässt sich bei dem entfesselten OrgienMysterienTheater namens avancierte Technik nicht mehr so ohne weiteres nachvollziehen – offenbar eine Funktion in Gang gesetzt, die, wenn man gerade nicht da ist, die Nummern aller Anrufer speichert. Solange dieser Service aber nicht aktiviert oder zumindest desaktiviert ist, verhindert sie allerdings auch, dass man anrufen oder angerufen werden kann. Nur ein kleines Lichtlein blinkt. Wahrscheinlich eine „schlaue“ Funktion, die ausschließen soll, dass man über diese wunderbaren Informationen gedankenlos hinweggeht. Der Nachbar wusste schließlich Rat. Es waren nur fünf Tasten, wenn auch in der richtigen Reihenfolge, zu drücken, dann war das Malheur beseitigt. Und der Fachmann sagte am nächsten Tag: Wo ist das Problem? Sie haben doch eine ausführliche Gebrauchsanleitung.

Hauptsache vernetzt!

01.04.07 (Helmut Hein) -

Hauptsache vernetzt? Das denken zumindest Studenten, denen man von Kindesbeinen an beigebracht hat, dass zuviel Wissen nur Ballast ist, dass einer allein ohnehin nie so viel wissen kann wie alle zusammmen, dass folglich die Kunst der Zukunft darin besteht, wie und wo man das Wissen der anderen findet und für sich nutzbar macht. In Vor-Web-Zeiten nannte man das „Know how“ oder, noch ein wenig verschämt, „das Lernen lernen“. Heutzutage ist es nicht so schlimm, wenn eine Studentin über all dem Alltags-Stress ihr Referat vergessen hat. Bei Wikipedia findet sich alles Wissenswerte kurz und knapp. Nur schade, dass man die rechte Intonation nicht mehr einstudieren konnte!

Kitsch-Kulturen

01.03.07 (Helmut Hein) -

Wer zum wiederholten Mal bei sich steigerndem Genuss das d-moll-Konzert von Sibelius mit der jungen Geigerin Julia Fischer hört und sich en passant daran erinnert, dass dieser Grenzgänger zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert für Adorno einst die Verkörperung des Bösen in der Musik war, der tönende Kitsch-Mensch, der muss davon ausgehen, dass die Musik-Philosophie mitten im europäischen Bürgerkrieg und angesichts der Vernichtungslager auf beiden Seiten der Front zumindest von klaren Gegnerschaften profitierte. Wenn man Hitler schon nicht zu fassen bekam, dann wenigstens Sibelius, dessen „Verbrechen“ für Adorno in der entschiedenen Ferne zur Avantgarde bestand, im Beharren auf einer Erfahrung und einer Sehnsucht, das der kritische Theoretiker längst als gegenstandslos, als bloßes Symptom des Verfalls diagnostiziert hatte.

Meinungsstarke, vereinigt Euch!

01.02.07 (Helmut Hein) -

Der moderne Journalismus fordert von denen, die ihn erfolgreich betreiben wollen, vor allem eins: Meinungsstärke. Den meinungsstarken Journalisten erkennt man daran, dass er von der Sache, über die er so entschieden urteilt, keine Ahnung haben muss. Deshalb können seine Sätze knapp und klar und unmissverständlich daherkommen. Der Meinungsstarke ist nicht in Gefahr, sich in Hypotaxen zu verheddern – wie all die, die partout das Für und Wider erwägen und auch noch darstellen wollen. Der Meinungsstarke, so vermuten zumindest die Medien-Manager, ist der Freund des Lesers, dem er ähnelt; in seinen Bedürfnissen genauso wie im Stand des Wissens. Der Meinungsstarke ist die engagierte, mit jedem Mainstream mitschwimmende Nachfolge-Version seines zynischen Vorgängers. Dessen Devise lautete: Nur nicht zu genau recherchieren, sonst geht die ganze schöne Geschichte kaputt.

Die totale Gesellschaft

01.12.06 (Helmut Hein) -

Vor kurzem drohte ein Leserbriefschreiber im „Spiegel“, er werde jetzt Kindergeld beantragen. Denn das stehe ihm zweifellos zu. Zwar habe er keine Kinder, aber die „Geräte“ dafür stünden bereit. Das war, natürlich, an die Adresse der GEZ („Schon GEZahlt?“) und der Medien-Politiker gerichtet. Die nämlich sind unendlich einfallsreich, wenn es darum geht, Gebühren für Leistungen einzutreiben, die man gar nicht in Anspruch nimmt und an denen man auch nicht interessiert ist. Die Gesellschaft ist längst so „total“ geworden und der Bürger so sehr einem Normalisierungszwang unterworfen, dass der Andersdenkende und -lebende in ihren Konzepten gar nicht mehr vorkommt und sich jeder, der abweicht, bloß einem bösen Verdacht aussetzt: Der profane Gebühreneintreiber und seine „Zentrale“ können sich einfach nicht vorstellen, dass es ein Leben ohne Fernsehen geben kann. „Total“ ist die Gesellschaft mittlerweile auch in anderer Hinsicht. Wer ein schlichtes Telefon möchte, mit dem man anrufen und Anrufe entgegen nehmen kann, der ist gezwungen, ein paar hundert Funktionen mitzukaufen, welche die Hersteller offenbar für unverzichtbar halten. Der „user“ wird da gar nicht gefragt. Fatal könnte sich das für die auswirken, die einen PC haben, um mit ihm zu arbeiten (schreiben, archivieren), jetzt aber erfahren müssen, dass es sich in Wahrheit um einen Fernseher oder zumindest um ein Radiogerät handelt, für das man Gebühren entrichten muss. Denn es kommt nicht darauf an, was man tut, sondern was man tun könnte. Der „Spiegel“-Leser hat das begriffen: Nicht nur Kinder, die man hat, sondern auch Kinder, die man haben könnte, begründen einen Kindergeldanspruch. Weil „die“ Wirtschaft auf die Gebührenpflichtigkeit von PCs eklig reagiert, gehen die Medienpolitiker gleich einen ganzen gewaltigen Schritt weiter und sehen den „Stein der Weisen“ in einer veritablen Gebühren-Revolution: Jede Person, jeder Haushalt muss zahlen. Diese universelle Medienabgabe befreit sich vom letzten Erdenrest („Vorrätighalten“ eines wie immer gearteten Geräts, ganz gleich, ob und wie man es nutzt) und geht davon aus, dass, „im Prinzip“, jeder ein Mediennutzer ist. Und wenn er sich der „Nutzung“ eines Mediums verweigert, das der normale Bürger ganz selbstverständlich nutzt, dann darf er nicht auch noch einen „geldwerten“ Vorteil davon haben. Warum soll der gestresste Unternehmer für seine PCs zahlen und der Hartz IV-Empfänger nicht, bloß weil er sich darauf versteift, ausschließlich Bücher und Zeitungen zu lesen. Der Gedanke, der dahintersteckt, lautet in etwa: Öffentlich-rechtliche Medien sind eine feine Sache, für die Weiterentwicklung von Kultur, Demokratie etc unerlässlich und man muss deshalb dafür sorgen, dass die „Finanzierungsbasis“ nicht wegbröckelt. Der Einzelne mit seinen einsamen Entscheidungen (und merkwürdigen Vorlieben!) kann sich da nicht einfach aus der Verantwortung stehlen.

Die totale Gesellschaft

01.12.06 (Helmut Hein) -

Vor kurzem drohte ein Leserbriefschreiber im „Spiegel“, er werde jetzt Kindergeld beantragen. Denn das stehe ihm zweifellos zu. Zwar habe er keine Kinder, aber die „Geräte“ dafür stünden bereit. Das war, natürlich, an die Adresse der GEZ („Schon GEZahlt?“) und der Medien-Politiker gerichtet. Die nämlich sind unendlich einfallsreich, wenn es darum geht, Gebühren für Leistungen einzutreiben, die man gar nicht in Anspruch nimmt und an denen man auch nicht interessiert ist. Die Gesellschaft ist längst so „total“ geworden und der Bürger so sehr einem Normalisierungszwang unterworfen, dass der Andersdenkende und -lebende in ihren Konzepten gar nicht mehr vorkommt und sich jeder, der abweicht, bloß einem bösen Verdacht aussetzt: Der profane Gebühreneintreiber und seine „Zentrale“ können sich einfach nicht vorstellen, dass es ein Leben ohne Fernsehen geben kann. „Total“ ist die Gesellschaft mittlerweile auch in anderer Hinsicht. Wer ein schlichtes Telefon möchte, mit dem man anrufen und Anrufe entgegen nehmen kann, der ist gezwungen, ein paar hundert Funktionen mitzukaufen, welche die Hersteller offenbar für unverzichtbar halten. Der „user“ wird da gar nicht gefragt. Fatal könnte sich das für die auswirken, die einen PC haben, um mit ihm zu arbeiten (schreiben, archivieren), jetzt aber erfahren müssen, dass es sich in Wahrheit um einen Fernseher oder zumindest um ein Radiogerät handelt, für das man Gebühren entrichten muss. Denn es kommt nicht darauf an, was man tut, sondern was man tun könnte. Der „Spiegel“-Leser hat das begriffen: Nicht nur Kinder, die man hat, sondern auch Kinder, die man haben könnte, begründen einen Kindergeldanspruch. Weil „die“ Wirtschaft auf die Gebührenpflichtigkeit von PCs eklig reagiert, gehen die Medienpolitiker gleich einen ganzen gewaltigen Schritt weiter und sehen den „Stein der Weisen“ in einer veritablen Gebühren-Revolution: Jede Person, jeder Haushalt muss zahlen. Diese universelle Medienabgabe befreit sich vom letzten Erdenrest („Vorrätighalten“ eines wie immer gearteten Geräts, ganz gleich, ob und wie man es nutzt) und geht davon aus, dass, „im Prinzip“, jeder ein Mediennutzer ist. Und wenn er sich der „Nutzung“ eines Mediums verweigert, das der normale Bürger ganz selbstverständlich nutzt, dann darf er nicht auch noch einen „geldwerten“ Vorteil davon haben. Warum soll der gestresste Unternehmer für seine PCs zahlen und der Hartz IV-Empfänger nicht, bloß weil er sich darauf versteift, ausschließlich Bücher und Zeitungen zu lesen. Der Gedanke, der dahintersteckt, lautet in etwa: Öffentlich-rechtliche Medien sind eine feine Sache, für die Weiterentwicklung von Kultur, Demokratie etc unerlässlich und man muss deshalb dafür sorgen, dass die „Finanzierungsbasis“ nicht wegbröckelt. Der Einzelne mit seinen einsamen Entscheidungen (und merkwürdigen Vorlieben!) kann sich da nicht einfach aus der Verantwortung stehlen.

Kulturkämpfe, Staatsaktionen

01.11.06 (Helmut Hein) -

Die Fronten verkehren sich – und in den Köpfen geht es drunter und drüber. In Berlin wird eine „Idomeneo“-Inszenierung abgesetzt: aufgrund einer Ferndiagnose vom Hörensagen des LKA. Und prompt setzen sich die konservativen Kulturverteidiger und Werktreue-Freaks in Szene, die jahrzehntelang jedes barbusige Gretchen mit empörtem Gezeter begleiteten, und werfen sich für einen Alt-Heroen des Regie-Theaters wie Hans Neuenfels in die Bresche, wenn der als schöne Schluss-Coda mal eben den gründlich geköpften Propheten Mohammed vorführt. Die Freiheit der Kunst, die eben noch durch Regie-Berserker à la Neuenfels bedroht schien, muss jetzt um jeden Preis verteidigt werden. Die Frontlinie des neuesten Kulturkampfs verläuft auf der Opernbühne, komisch, deutsch oder wie auch immer. Und Polizeihundertschaften stören in diesen Zeiten den Kunstgenuss keineswegs; man fühlt sich beschützt und doch heroisch.

Die barfüßige Diva

01.10.06 (Helmut Hein) -
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