Klänge, Bilder und Texte, die uns bewegen

Die Weihnachtsgeschenk-Tipps der nmz-Redaktion 2011


(nmz) -
Vom Tango bis zur Musikgeschichte
Ein Artikel von nmz-red

Quadro Nuevo: Grand Voyage. Travel & Concert Film, DVD, GLM Music, FM 159-9

Kein filmisches Meisterwerk, aber ein sehr persönlicher Reisebericht des Quartetts, das inzwischen in der Besetzung Mulo Francel (Saxophon, Klarinette, Gitarre, Psalter), Evelyn Huber (Harfe, Hackbrett), Andreas Hinterseer (Akkordeon, Bandoneon, Vibrandoneon) und D.D. Lowka (Bass, Percussion) auf Konzertreise durch die ganze Welt unterwegs ist. Dabei wird eindrücklich zum Beispiel der Begriff „Weltmusik“ umschrieben, man begleitet die vier in ein Roma-Dorf in Rumänien und sieht Andreas Hinterseer beim Drachenfliegen zu. Der zweite Teil der DVD besteht aus einem Live-Konzert aus dem Münchener Lustspielhaus. Das weckt Fernweh und macht einfach Lust auf andere Länder und Kulturen…

Ursula Gaisa

17 Hippies: Phantom Songs, Hipster-Records/Soulfood 2011 HIP 014

Wer hier säuselnde Flower-Power-Romantik oder mildes Sponti-Chaos erwartet, der wird bitter enttäuscht. Auch auf ihrem 14. Album präsentiert diese sympathisch bunte Truppe mit Hauptsitz Berlin höchst abwechslungsreiche, ausgefeilte aber stets „musikantische“ Stücke. Es kommt Live-Feeling auf – bei aller interpretatorischer Präzision. Songs in etlichen Sprachen, Klangfarben aus aller Welt: Die Musik der 17 Hippies – eben kein billiger Mash-Up sondern ein ganz eigenständiges Wertpaket klingender Integration. Kontrastreiches zum Vor-Hören auf der Hippies-Webseite: „Ton étrangèr“ oder „Gimme dat harp boy“ unter www. http://17hippies.de/de/musik/phanto… – Ohren auf und zugegriffen! 

Theo Geißler

Albrecht Dümling: Die verschwundenen Musiker. Jüdische Flüchtlinge in Australien, Böhlau Verlag 2011, € 49,90, ISBN 978-3-412-20666-6

In jahrelanger akribischer Arbeit hat Albrecht Dümling die Schicksale jüdischer Musiker erforscht, die auf direktem oder indirektem Weg vor dem Nazi-Regime nach Australien flüchteten. Unter welchen Schwierigkeiten sie dorthin gelangten, wie sie – durchaus nicht besonders freundlich – in Australien empfangen wurden, welche musikalischen Wege sie dort – behindert durch eine extrem ausländerfeindliche Gewerkschaft – einschlugen: Das wird in Dümlings Buch höchst anschaulich und spannend beschrieben. Auch die Internierung der als „feindliche Ausländer“ eingestuften deutschen Juden spart das Buch nicht aus und vermittelt eine besondere Mischung aus Dankbarkeit für die Rettung dieser Musiker vor der Verfolgung einerseits und Melancholie über die be- oder gar verhinderte Entwicklung so vieler großer Musik-Talente – von der Klassik bis zur Unterhaltungsmusik – andererseits. 

Barbara Haack

Joana Sá und Daniel Neves: Through This Looking Glass, blinker, blink 001

Neue Klänge, neue Bilder. Es gibt nicht so sehr viele Filme, in denen musikalische und filmische Darstellung derart aufeinander bezogen sind und sich gegenseitig tragen. Die Performance der Pianistin Joana Sá ist ungemein aufregend, spektakulär und gleichwohl ohne Effekthascherei umgesetzt. Filmkunst wie man sie sich häufiger zu sehen wünschte. Eine schillernde Klangreise durch diverse Tasteninstrumente. Grandios.

Martin Hufner

Tango: An Anthology. 15 CDs. Sony 88697903342

Als Gegengift zur Flut an Pseudo-Tango-Veröffentlichungen und zur sicherlich in Vorbereitung befindlichen Bearbeitung von Piazzollas Jahreszeiten-Zyklus für Maultrommel und Tuba sei diese auch preislich attraktive Box empfohlen: Aus den Archiven der RCA Victor und weiterer traditionsreicher Tango-Labels bieten die knapp, aber informativ kommentierten 15 CDs einen schönen Überblick über die Historie des Genres von den 1920er-Jahren bis in die Gegenwart. Beinahe alle wichtigen Namen sind vertreten, die Klangqualität ist angesichts des Alters der Aufnahmen höchst erfreulich. Hören, Singen, Tanzen.

Juan Martin Koch

Armin Köhler (Hrsg.): Die Innovation bleibt immer auf einem Fleck – Die Donaueschinger Musiktage und ihr Metier – Begleitende Texte zum Festival, € 29,90, ISBN 978-3-7957-0790-3

Eine Sammlung von Programmhefttexten aus den Jahren 1993 bis in die Gegenwart zeichnen ein Bild der Ära des derzeitigen Festivalchefs Armin Köhler. Die Donaueschinger Musiktage werden aus den Blickwinkeln der Medientheorie, der Musiksoziologie, der Philosophie, der Musikwissenschaft, der Musikkritik sowie der Poetik gesehen. Überraschende und bekannte Blicke auf das ewig Neue in der Musik. 

Andreas Kolb

Mirjam Wiesemann: Auf den Flügeln in die Tiefe – Geschichten vom Aufwachsen, CYBELE SACD AB 007 (Hybrid SACD), ISBN-13: 978-3-937794-09-9

Wer ist während des Mathematikunterrichts nicht schon einmal in seine eigene Gedankenwelt abgeschweift? Und in die Welt der Klänge lässt es sich doch bes-tens abtauchen. Das zeigt uns Nachwuchsstar Sebastian Urzendowsky in Mirjam Wiesemanns experimentellem Hörbuch „Auf Flügeln in die Tiefe – Geschichten zum Aufwachsen“. Neben ihm nehmen uns Ulrich Tukur, Bastian Trost und die Autorin selbst auf eine Reise in die schwierige Welt des Erwachsenwerdens mit; begleitet von neuen und improvisierten Tönen. Dabei gehen die Geschichten mit der Musik eine einzigartige Symbiose ein. Nicht umsonst stehen Kontrabass, Inside-Piano, Orgel oder Vogelimprovisationspfeifen auf gleicher Stufe mit den Stimmen der Geschichtenerzähler. Eine hervorragende Instrumentierung, um in die Seelen heranwachsender Kinder zu schauen.

Barbara Lieberwirth

Winfried Bönig & Tilmann Claus: Einsteins Violine. Ein musikalisches Sammelsurium. C.H. Beck 2011, € 16,00, ISBN 978-3-406-60589-5

Auch ein Musik-Almanach, der aber auf nur 159 Seiten Antwort auf viele Fragen gibt, die sich des Musikrats Musik-Almanach noch nicht gestellt hat, Fragen, wie sie vielleicht im Musik-Abi oder bei Eignungsprüfungen begegnen oder die man sich auch ungefragt gerne beantworten lässt, erstaunt, bedenklich, schmunzelnd, einfach erfüllt von so viel hier entdecktem Musikwissen ohne Bachelor, Master oder Professur, zum Beispiel Kosten eines Flügels oder Geigenbogens, Tonnamen auf koreanisch oder griechisch, Filmmusiken, Grabstätten, Fälschungen, Repertoire-ideen, lockere Zungen braver Musiker, Wagners „Ring“ im Strafrecht und andere Highlights der Musikgeschichte – wahrhaft ein irres Sammelsurium, ein treffender Geschenk-Hit für Freunde der heiligen Caecilia.

Eckart Rohlfs

Laëtitia Devernay: Applaus, mixtvision Verlag, München 2011, 132 S., Euro 19,90, ISBN 978-3-939435-42-6

Musik schauen ohne Klang und Worte – Metamorphosen von Notenlinien in Bäume, aus deren Laub sich Vögel tanzend lösen, strömen, fließen, sich entfernen und wiederkehren, sich rückverwandeln in Blätter und Bäume – angeleitet von einem Dirigenten, dessen Stab am Ende in den Kreislauf eingeht und mit Vogelblättern aufblüht. Ein wunderbares Bilderbuch, das sich als neun Meter langes Leporello entfalten lässt, mit Tuschezeichnungen, deren poetische Kraft und dynamische Anmut Betrachter jeden Alters anspricht.

Michael Wackerbauer

 

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