Klang in Bewegung

Die 30. Tage Neuer Musik in Weimar setzten im Jubiläumsjahrgang auf Mischformen von Performance und Installation


(nmz) -
An Luther war kein Vorbeikommen im Luther-Jahr, schon gar nicht in Thüringen, und auch nicht bei den diesjährigen Tagen Neuer Musik Weimar. So hatte auch das Ensemble für Intuitive Musik, das seit nun 30 Jahren die Musiktage standesgemäß eröffnet, ein Bündel Luther-Choräle im Gepäck, auf deren Grundlage diesmal die traditionelle Improvisations-Séance stattfand. Für dauerhafte Aufmerksamkeit in der Jakobskirche sorgte die Klanginstallation „Stimmen im Kirchenschiff“ von Hans Tutschku, die zur polyglotten Klangreise über den Globus einlud und Gebete, Gesänge und Sprachfragmente verschiedener Religionen und Kulturen zu einer universalen spirituellen Erfahrung zu transformieren suchte. Dünkt gerade relativ „modisch“, war jedoch im Resultat eindringlich, auch weil in Momenten babylonischer Dichte das Ganze eher apokalyptische, denn vordergründig kontemplative Züge entwickelte.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Unter der Maxime „Konzertinstallationen – Installationskonzerte“ zeigte sich das seit jeher grenz­überschreitend denkende Festival zum Jubiläum besonders vielfältig aufgestellt und verband Aspekte von Konzert, Performance, Installation und Ausstellung in ganz unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Programmatisch begann das mit Erwin Staches „Klangruck“ (2017). Stache hatte dazu einen sportlichen Parcour entworfen, wo einleitend Akteure mit „Klangrucksäcken“ als „lebende Lautsprecher“ durch das Publikum auf dem Vorplatz wuselten. Konzentrierter ging es dann auf der Bühne zu, wo Marie Nandico und Benjamin Stache mit den verschiedensten sensorgesteuerten Spielgeräten und Klangobjekten (Boxsäcke, Spielschachteln, Holzbretter als TT-Schläger …) Spaß am körperbetonten Klangaustausch demonstrierten. Stache selbst saß dabei am Klavier und reagierte impulsiv auf das Geschehen mit virtuosen Einwürfen oder reiner Bewegung, die wiederum in Klang transformiert wurde, am Ende spielten die Geräte einfach selbst. Staches akustischer Spielplatz zeigte sich gewohnt erfinderisch bestückt, sein Humorpotential allerdings ein wenig ausgetreten – der clowneske Spaß an Bewegungssensoren hält sich hartnäckig. Die Ambivalenzen von Mensch und Automat mitsamt ihren Mustern, Mechanismen und Fehlern (hierin sind Sport und Musik sich ja erstaunlich wesensverwandt) ist ein Kardinalthema Staches.

Auch im Weimarhallenpark luden mobile Stache-Geräte zur tätigen Verbindung von Klang und Fortbewegung ein: zwei „Klang-Droschken“ spielten Musik je nach Arbeitsgeschwindigkeit der Benutzer in unterschiedlichem Tempo, das „Verkehrsschilder“ regelten, die im Park aufgestellt waren.
Einen diametral entgegengesetzten Charakter zu Staches verspielt-verschmitzten Alltagsreflexionen besitzt die ebenfalls sehr körperbezogene Ästhetik Bernd Blefferts. Seine „Moments of Movement …“ verbanden Elemente von musikalischer Aktion, Installation und Tanz in einer dreiteiligen Performance, die von szenischem Minimalismus und existentieller Körperbezogenheit gleichermaßen geprägt war und dabei den Fokus auf den Klang und die Haptik von Naturmaterialien legte: Knochen, Stöcke, pendelnder Sand. Wer hier an Joseph Beuys dachte, lag nicht falsch, Blefferts ästhetischer Anachronismus kam jedoch nicht einem nostalgischen Ausflug ins Elementare gleich, sondern erschien in seiner Eindringlichkeit und Konzentration auf das Wesentliche geradezu wie ein Ruheraum im digital-elektronischen Getümmel allgegenwärtiger Hypermedialisierung von (Musik-)Kunst. In „Luftzug und Knochenarbeit“ lief der Trierer Klangperformer barfuß über eine Spur ausgeschütteter Tierknochen (klingt fies); in den „102 Moments of Movement“ baute er ein sperriges Bodenobjekt aus 102 Wanderstöcken, in das sich Tänzerin Annick Pütz anschließend mit beharrlicher Intensität hineinschraubte, um zusammen mit den ächzenden Verstrebungen eine amorphe Einheit aus Mensch und Objekt zu bilden – beeindruckend. Beinahe regungslos hingegen die „Sandstrahlen“, Ritual für einen Tisch, Sand und Sängerin. Ein akustisches Vanitas-Stillleben mit Mensch und Stimme, wenn man so will, wo Sopranistin Irene Kurka oft zum Zerreißen zerbrechlich zwischen sphärischen Vokalisen und wie erstickten, gruselig nach innen eingesogenen Erzählungen wechselte. Währenddessen triggerte ein pendelnder Sandstrahl unaufhörlich verschiedene kleinere Klangobjekte, deren Frequenz sich mit dem Verlöschen der Zeit intensivierte.

In guter Erinnerung bleiben wird das Konzert von Tim Helbig, der mit seinem Ensemble Syn:Klang in strukturierten Improvisationen ganz unterschiedliche Aspekte vokal-instrumentaler Interaktion und Live-Elektronik kurzweilig und intensiv zusammenbrachte. Die Vielseitigkeit des Jenaer Multitalents (als Improvisationsmusiker, Klangkünstler, Live-Elektroniker, Theaterkomponist …) spiegelte sich im Improvisations-Set gewinnbringend wider, wo Norico Kimura (Stimme), Nils Alf (Bassklarinette/Tenorsaxophon), Martin Hünniger (E-Gitarre/Elektronik) und Tim Helbig (experimentelle Instrumente/Elektronik) immer wieder zu überraschenden Konstellationen und atmosphärischer Dichte fanden, perkussiv und geräuschhaft, jazzig oder technoid, nie geschwätzig und stets auf den Punkt.

Gleich zwei Austellungen flankierten den Jubiläumsjahrgang mit der interdisziplinären Aufarbeitung der potentiellen Verbindungen von Klang und Visualität: Unter dem Titel „A Sort of Sound“ widmete sich die Galerie Eigenheim dem „Klang in der Bildenden Kunst“. Dort standen bisher noch nicht öffentlich gezeigte Druckgrafiken des Friedrichrodaer Künstlers Werner Schubert-Deister im Blickpunkt: Transformationen musikalischer Strukturen in greller Farb- und kantiger Formensprache der frühen 80er, die 1981 das erste Stockhausen-Konzert des Ensembles für Intuitive Musik in Erfurt inspirierten. Eine zweite Ausstellung in der Galerie Markt 21 widmete sich Klang-Installationen von Bernd Bleffert und Zeichnungen von Klaus Maßem, die mit Video und Licht als Zeichenmaterial arbeiteten. So präsentierte sich der 30. Jahrgang des traditionsreichen Fes­tivals, das 1988 programmatisch und politisch brisant mit der Realisierung von 22 Werken Karlheinz Stockhausens (!) begann, auch 2017 als ein höchst lebendiger Ort des Austausches zeitgenössischer künstlerischer Disziplinen. 

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