Kleine Musik

Cluster 2014/12 - Gordon Kampe


(nmz) -
Rosario, ein mittlerweile recht betagter Bergmann, hat an Weihnachten Geburtstag. Wie jedes Jahr wird ihm der Pastor gratulieren und ihm etwas schenken. Er wird aufstehen, dem Pastor ein paar Meter entgegenhumpeln und dann, wie an jedem gewöhnlichen Sonntag auch, wird er mit herrlichstem italienischem Akzent während des Vater Unsers – weil zu laut, zu schnell und stets außerhalb jeglicher metrischer Logik –, die Gemeinde völlig rausbringen. Ich sitze derweil auf der Orgelbank und freue mich heimlich über das liturgische Theater. (Und in diesem Jahr werde ich ihm das auch sagen.)
Ein Artikel von Gordon Kampe

Ich schlage vor, ein obligatorisches Praktikum bei Rosario einzuführen. Wie man unauffällig in große Gedankengebäude hineinhumpeln und mit Kleinigkeiten deren Statik nervös machen kann, das kann man bei ihm lernen. Sein Tun muss allgemeine Handlungsmaxime werden: Sofort eingeführt wird eine Serpent-Planstelle bei den Berliner Philharmonikern, zudem wird das komplette Internet von einem alltäglichen 17-Sekundenkonzert mit Elektro-Trumscheiten unterbrochen. Wir benötigen inmitten von Krabbelgruppen abgehaltene Ästhetik-Vorlesungen, ein Bundesbagatellenministerium sowie Komponisten, die überkomplexe Partituren in winzige Schiefertafeln einritzen.

Schließlich ersetzen wir unverzüglich den Tagesschau-Wetterbericht durch einen Kunstbericht und im kommenden Jahr machen wir hin und wieder einmal kleine Musik. Und dann legen wir die Marginalien unters Mikroskop und schauen nach, wie das alles geworden ist.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel