Knirschende Zeitebenen: Sean/Nua – Alt/Neu

Bericht zum 4. Sligo Festival für zeitgenössische Musik in Irland


(nmz) -

Am Atlantik im Nordwesten der Republik Irland knirschen nicht nur die Steine, wenn die starke Dünung über sie hinweg fegt. In Sligo knirschen auch die Zeitebenen: Monumente der Megalihtkultur und gotischer Baukunst bilden harsche Kontraste in der Muschelstadt (so die Übersetzung von „Sligo“). Wohl nicht zufällig hatte deshalb das „4. Sligo Festival für zeitgenössische Musik“ das Motto „Sean / Nua“: Alt / Neu. Das ist geradezu extravagant, wenn man bedenkt, dass es in Irland zwar eine lange Tradition der Folklore, aber keine Geschichte notierter Musik mit Klassik, Romantik et cetera gibt. Vom 24. bis 26 November 2000 hat der künstlerische Leiter dieses in und für Irland wachsenden Festivals, der in Hamburg lebende Komponist Frank Corcoran, versucht, Brücken über die historische Zeitkluft zu bauen. Indem er den örtlichen Barden Colm O’Donnell, der solo jahrhundertealte Melodien wie auch neue sang, und Schüler der St. Patrick’s National School zusammenbrachte. Der hoch motivierte Laienchor und Musiker der Sligo Town Band führten die von Corcoran und seinem Kollegen Jim Buckley komponierte „Queen Medb’s Megalithic Cantata“ auf.

Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Am Atlantik im Nordwesten der Republik Irland knirschen nicht nur die Steine, wenn die starke Dünung über sie hinweg fegt. In Sligo knirschen auch die Zeitebenen: Monumente der Megalihtkultur und gotischer Baukunst bilden harsche Kontraste in der Muschelstadt (so die Übersetzung von „Sligo“). Wohl nicht zufällig hatte deshalb das „4. Sligo Festival für zeitgenössische Musik“ das Motto „Sean / Nua“: Alt / Neu. Das ist geradezu extravagant, wenn man bedenkt, dass es in Irland zwar eine lange Tradition der Folklore, aber keine Geschichte notierter Musik mit Klassik, Romantik et cetera gibt. Vom 24. bis 26 November 2000 hat der künstlerische Leiter dieses in und für Irland wachsenden Festivals, der in Hamburg lebende Komponist Frank Corcoran, versucht, Brücken über die historische Zeitkluft zu bauen. Indem er den örtlichen Barden Colm O’Donnell, der solo jahrhundertealte Melodien wie auch neue sang, und Schüler der St. Patrick’s National School zusammenbrachte. Der hoch motivierte Laienchor und Musiker der Sligo Town Band führten die von Corcoran und seinem Kollegen Jim Buckley komponierte „Queen Medb’s Megalithic Cantata“ auf.Eine in Europa wohl einmalige Art der Musikförderung genießt das Vogler Quartett aus Deutschland, das in Sligo für drei Jahre zu Gast – in residence – ist. Es präsentierte Streichquartette aus Vergangenheit und Gegenwart, von Joseph Haydn das „Sonnenaufgang – Quartett“ op. 76 Nr. 4 und, als Gegensatz, „Wander Darkling“ von Ian Wilson aus Belfast. Wilson, der sich 1999 in Belgrad während der NATO-Angriffe aufhielt, reflektiert in dieser Musik seine bedrückenden Erlebnisse in grellen Vierteltonphrasen und schaurigen Momenten der Ruhe.

Dieser harte Kontrast von „alt und neu“ wurde von Beispielen der klassischen Moderne, Igor Strawinskys „Drei Stücke für Streichquartett“ und Anton Webern‘s „Opus 5“, sowie, als irischer Premiere, das „Quartett Nr. 1“ vom Zeitgenossen Wolfgang Rihm gemildert. Mit verblüffender Sicherheit meisterte das vielseitige Vogler Quartett diesen anspruchsvollen Gang durch die Musikgeschichte. Bis es die aktuelle Front, auch im Sinne einer Musikreflexion zum Thema Krieg und Frieden, erreichte. Denn das Finale war die Welturaufführung von „Mutiny of Angels“ (Meuterei der Engel). Das Werk von Eunan McCreesh gewann den 1. Preis für Neue Musik 2000 in Sligo und ist von der Offenbarung des Johannes inspiriert. In eine fast idyllische Tonwelt brechen Gewalt und Feindschaft, wohl bezeichnend für traumatische Erfahrungen in Irland, mit dramatischen tonalen und atonalen Bewegungen ein. In nur 15 Minuten hat McCreesh den Fall Luzifers, dessen Konflikt mit Gott in drei kleinen Klang-Szenen montiert.
Werke für Streichquartett bildeten einen Schwerpunkt des Sligo-Festivals, Werke für Holzblasinstrumente einen anderen. Das Daedalus-Quintett aus Dublin, das aus Solisten des Nationalen Symphonie Orchesters besteht und bereits über 20 Jahre zusammenarbeitet, erfreute das Publikum mit einer eleganten Interpretation der schon klassisch zu nennenden „6 Bagatellen für Bläserquintett“ von György Ligeti aus dem Jahre 1953. Sie prallten auf „Sweeny’s Wind – Cries“ (Sweeny’s Wind – Schreie) von Frank Corcoran, ein Auftragswerk des Arts Council und somit eine Weltpremiere. Elementare Naturlaute messen sich mit lyrischer Klangrede, die Register der Blasinstrumente werden in Extremen beansprucht, doch beruhigen sich die Schreie auch wieder. Doch das war nicht der einzige Auftritt des verrückten mittelalterlichen irischen Königs Sweeny. Dessen von Nobelpreisträger Seamus Heaney in Verse übertragene Geschichte hat Corcoran schon zu einem mehrteiligen Zyklus ausgebaut, der mit „Mad Sweeny“ für Kammerensemble und Sprecher beginnt. Beide genannten Kompositionen hatten in Sligo eine sehr positive Resonanz, weil sie nahtlos ins Konzept „alt / neu“ passten. Und zwar als Erfindung des Mittelalters in der Musik und als Vertonung des poetischen Erbes der Nationalliteratur. Wortkunst dieser Art war auch von Gabriel Rosenstock in seiner englisch/gälischen Lesung von „The Erotic Haiku of Cold Moon“ zu hören sowie in den wirbelnden Rezitativen „I am wind on Sea“, einer Komposition von Jim Buckley nach alten irischen Poemen. Judith Mok selbst sang diesen Part für Solo- Sopran und Perkussion wie eine Wasserfee: klar und wild.

„Wir glauben an die Wallfahrt“, meinte Una McCarthy, die für die Organisation verantwortlich war. Der Glaube allein hatte jedoch nicht Kraft genug, ein zahlreiches Publikum nach Sligo zu locken. Ein sehr kleines Festival an einem abgelegenen Ort, doch mit freundlichen, ja familiären Umgangsformen. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass viele junge Leute da waren, vor allem Studentinnen und Studenten aus Dublin. Sie waren als Instrumentalisten wesentlich an den Konzerten beteiligt.

Die „Sean / Nua“ Mixtur des Sligo- Festivals hatte sicher ein eigenständiges und eigenwilliges Profil, ein typisch Irisches übrigens, das international Beachtung und Anerkennung erwarten kann. Denn die Neue Musik in Irland ist von hohem Niveau, Komponisten und Interpreten haben begonnen, eine haltbare Brücke zur Musik des europäischen Kontinents zu bauen.

Infos: The Contemporary Music Centre (CMC), 19 Fishamble Street, Temple Bar, Dublin 8, Republic of Ireland, E-Mail: info@cmc.ie
http://www.cmc.ie

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