Komponieren „von drinnen nach draußen“

Erster JMD-Kinder-Kompositionsworkshop nutzt eCommunity


(nmz) -

Wer war noch nie im Internet? Schweigen. Murmeln. Erstaunte Blicke. Dirk Hangstein, der das virtuelle Klassenzimmer gestaltet hat, das die 17 Kids aus Weikersheim und Wittenberg nutzen wollen, hatte fast schon damit gerechnet. Natürlich ist den 9- bis 13-jährigen Teilnehmern des Kompositionskurses für Kinder das Netz vertraut. Wie könnte man auch anderes annehmen?

Ein Artikel von Inge Braune

Auf dieser Basis ist gut umsetzbar, was früher an kaum lösbaren praktischen Problemen gescheitert wäre: Das Netz macht möglich, auch im weit gespannten Drei-W-Dreieck aus dem niedersächsischen Winsen, wo die beiden Dozenten leben, und den Schülerstädten Weikersheim und Wittenberg gemeinsam zu lernen. Im passwortgeschützten virtuellen Workshopraum können Dozenten und Schüler sich gegenseitig mit Ideen, Hausaufgaben und Korrekturen versorgen.

Die eCommunity der 17 Kompositionsschüler betreuen Matthias Kaul und Astrid Schmeling als Dozenten. Die beiden – er vielfach ausgezeichneter Percussionist und Komponist, musikalischer Weltenbummler und Grenzgänger, sie Flötistin, Dozentin am Hamburger Konservatorium und der Landesmusikakademie Berlin – haben 1983 das Ensemble „L’art pour l’art“ und 1999 in Winsen an der Luhr eine Kinderkomponistenklasse gegründet und wurden dafür mit dem „Zukunftspreis Jugendkultur“ ausgezeichnet. Auch zur Expo 2000 wurden sie geholt. Und jetzt zur in Weikersheim entwickelten „eCommunity“ der JMD.

Problemlos gestaltete sich der Einstieg in die Community schon beim Startworkshop, zu dem die Jeunesses Musicales Deutschland die musikinteressierten Kinder Ende September nach Weikersheim eingeladen hatte. Berührungsängste gegenüber der hohen Kunst der Komposition? Keine. Schließlich wollen sie alle wissen, wie man etwas „Von drinnen nach draußen“ bringen kann – wie man sich ausdrücken kann in der Sprache der Musik. Das Wort „Neue Musik“ taucht dabei gar nicht auf. Den Kindern aber wäre das vermutlich eh egal: Musik ist Musik. Unterscheidungen zwischen „E“ und „U“, traditionell oder innovativ, klassisch oder zeitgenössisch: für Kinder ziemlich schnurz.

In zwei Gruppen – etwas jünger, etwas älter – haben die beiden Dozenten ihre Schützlinge im Gärtnerhaus eingeteilt. Irgendwie musikalisch sind sie alle, spielen ein oder mehrere Instrumente: Flöte, Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Violine… Eine gute Basis. Aber noch keineswegs eine, die freies Komponieren ermöglicht. Viel zu dicht an der Notenskala denken die Kinder die Musik, finden die Dozenten. Und brechen erst mal aus dem so strikt vorformulierten Muster von Tonleiter und Takt aus.

Was für Klänge gibt es? Und welche können wir erzeugen – und erzeugen lassen? Klar, die der Instrumente. Die lassen sich mit der Stimme imitieren. Aber auch: Wind. Getrampel. Den Klang, der aus dem Papierkorb kommt, wenn man auf ihm trommelt, mit den Trommelschlägeln in ihm herumrührt, ihn über den Boden zieht, ihn kollern lässt. Vielfalt pur. Das ganze geht mit Wiederholung, höher, tiefer. Es reichen Zettel, auf denen etwa „Wind“ steht oder „Flöte“, um schon das erste Stehgreifstück dirigierend zu komponieren. Oder umgekehrt. Jedes Kind ein Klang, schon hat man ein Orchester. Allein die Umgruppierung der Zettel schafft neue Klangeindrücke.

Und dann sind da die Instrumente: nur nicht verstimmen, haben sie gelernt, und nur nicht mehr daran rühren, als nötig ist, um säuberlich vom Blatt zu spielen. O.K., sagt Astrid Schmeling – aber es steckt doch viel mehr drin im Flügel. Man lasse nur mal die Finger über die Saiten gleiten. Oder lege etwas drauf auf die Saiten: ein völlig neuer Klang. Auch bei Geige und Gitarre sind die Wirbel beweglich, lassen sich Klänge jenseits von Akkordgriff und althergebrachten Techniken erzeugen. Die erste Komponierwerkstatt gerät zur abenteuerlichen Erforschung von Raum und Ding und Ton, zur völlig neuen Hörerfahrung.

„Von drinnen nach draußen“ heißt das Projekt – und es geht darum, den Schülern Wege zu weisen, wie sie sich zu dem, was sie umgibt, was sie erleben, was sie bewegt, musikalisch äußern können. Das führt fast automatisch zum Instrument jenseits des Instruments. Kaul etwa hat auch schon mal auf Fahrradspeichen gefiedelt, Wasserkessel mittels elektrischer Zahnbürste zum Singen gebracht, und Schmeling steht ihm in Experimentierfreude um nichts nach. Geräusche zu Musik werden zu lassen, sie irgendwann gezielt und spiel-, also wiederholbar zu machen: Das dürfte ein höchst spannender Prozess für alle Beteiligten werden. Dabei ist „die Notierung das Allerletzte“, sagt die Dozentin. „Erst mal verbal, beschreibend“, schätzt sie, werden sich Schüler und Dozenten im virtuellen Klassenzimmer austauschen. Natürlich wird die Notierung irgendwann erforderlich – schließlich sind als Höhepunkt des Halbjahresprojekts Abschlusskonzerte in Wittenberg (7. April 2006) und Weikersheim (9. April) vorgesehen, bei denen die entstandenen Kompositionen aufgeführt werden.

100 Euro Teilnehmerbeitrag sind fällig – darin enthalten sind die beiden Workshops in Weikersheim und Wittenberg, die dafür erforderlichen Fahrtkosten, die Internetbetreuung und der wöchentliche Unterricht, für den in Weikersheim Bezirkskantorin Eva-Magdalena Ammer, in Wittenberg der Musiklehrer Klaus Vogelsang zuständig sind. Das dicke Lern- und Servicepaket konnte die JMD nur durch die ELR-Fördermittel des Landes Baden-Württemberg so günstig für die Teilnehmer anbieten. Das Dach für das Kinder-Kompositionsprojekt „Von drinnen nach draußen“ heißt „Musikalisches Bildungsnetzwerk eCommunity Musik und Darstellende Kunst“.
Das „eCommunity“-Projekt gehört dabei für die JMD ins Feld der innovativen kulturpolitischen Impulse, die die deutsche Sektion der weltweiten Kulturorganisation der musikalischen Jugend geben will – unter anderem mit der „Initiative Konzerte für Kinder“, dem derzeit auf Eis liegenden Projekt „Weikersheimer Stadtkomponist“ und den Orchesterpatenschaften zwischen Berufs- und Jugendorchestern.

Auch wenn der ganze Überbau die 17 eCommunity-Kids schlicht kalt lässt: den Kurs an sich, den finden sie einfach klasse. Denn schon beim Dirigieren nach Klangzetteln erleben sie Musik, noch dazu selbst erfundene und selbst gemachte, als irre spannendes Abenteuer.

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