Komponierende Kuratoren, diskursive Komponisten

Das Eclat Festival für Neue Musik Stuttgart 2016 bot auch jungen Kreativen ein Forum


(nmz) -
Am Anfang steht der Schöpfer – seit man vom autonomen Werk spricht, denkt man sich stets den von der Muse geküssten oder sonst wie inspirierten Komponisten dazu. Innerhalb des Systems Neue Musik ist heute den Musik-ermöglichern, den Kuratoren, eine immer größere Bedeutung zugewachsen. Mit ihren Festivalthemen greifen sie nicht nur virulente Musikströmungen auf, sondern versuchen, diese mitzugestalten. Im worst case wird die Fragestellung eines Festivals ausstaffiert mit den dazu eingeladenen Komponisten.
Ein Artikel von Andreas Kolb

 Obwohl es bereits nach zwei Jahren beim jüngsten Festival Eclat in Stuttgart wieder einen personellen Neubeginn zu verkünden gab, ist dort der „komponierende Kurator“ keine Bedrohung, sondern im Idealfall Anreger, Gesprächspartner, ja Zuhörer. Die Gefäße, die Hans-Peter Jahn und Christine Fischer über viele Ausgaben des Festivals entwickelt haben, geben noch immer eine zeitgemäße Form fürs Stuttgarter Eclat-Festival: Im Zentrum die Musiktheaterproduktionen mit den Neuen Vocalsolisten, aber auch das sinfonische Konzert und das Chorkonzert mit den großen SWR-Ensembles. Mit 16 Ur- und 5 Erstaufführungen ist sich Eclat darin treu geblieben, neues Schaffen von jungen Komponisten unterschiedlichster Positionen, aber auch von etablierten Komponisten zu zeigen. Nach dem großen Lachenmann-Jahr 2015 fehlte allerdings dessen Name, aber auch andere Namen alter Meister im Programm. Die Bühnen des Theaterhauses in Stuttgart blieben dieses Jahr einer jüngeren Riege an Kreativen vorbehalten.

Zurück zu den Personalia der Musikermöglicher: Björn Gottstein, der vor zwei Jahren in die Fußstapfen von Hans-Peter Jahn getreten ist und zusammen mit Intendantin Christine Fischer seither das Festival leitete, hat nach dem Tod Armin Köhlers dessen Erbe übernommen, die Leitung der Donaueschinger Musiktage. Ihn löst in Stuttgart 2016 die SWR-Redakteurin Lydia Jeschke als Kuratorin der beiden SWR-Konzerte „Attacca“ in Eclat ab. Eine Personalie, die keine Randnotiz ist, sondern insofern eine positive Anmerkung, weil sie das Engagement des SWR widerspiegelt, der mit seinen beiden Klangkörpern, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und SWR Vokalensemble, aber auch durch seine Kompositionsaufträge weiterhin das Festival mitgestalten will.

Tendenzen, wie sie im Begriff der Diesseitigkeit Neuer Musik in den vergangenen Jahren aufschienen, gab es in Stuttgart wieder einmal mehr zu konstatieren. Mit „La Philosophie dans le Boudoir“ hatte François Sarhan den Neuen Vocalsolisten ein Stück auf den Leib geschrieben. Sarhan komponierte eine Musik für drei Libretti, ergo eine Oper der Möglichkeiten. Dies war möglich, indem er via Zuspielung drei Libretti auf drei Seiten des Bühnenbildes projizieren ließ, das Publikum war um die Szene herum auf drei Tribünen verteilt. Hauptthema von Sarhans Musiktheater ist der Gestus der Unterdrückung, der Druck, der von einer Gruppe auf ein Individuum ausgeübt wird, beziehungsweise in diesem Fall auf eine Frau in einer Gruppe von Männern: einmal in der Welt der Global Player, einmal im RAF-Prozess gegen Ulrike Meinhof und einmal in de Sades „Philosophie im Boudoir“. Das Bühnenbild ist einfachst: ein Besprechungstisch mit ein paar Akten, Erfrischungsgetränken und Stühlen, auf und mit denen die Protagonisten agieren. Was in der Beschreibung als einfallslos nüchtern daherkommen mag, ist in der Überhöhung durch Musik, durch die Kunst der Vokalsolisten im besten Sinne fesselnd.

Sarhan arbeitet mit drei Ebenen, die Sänger haben keine Worte und keine sprachlichen Laute, die etwas bedeuten sollen, sondern singen nur im Wechsel von a und ö Schwingungen auf jeder Note. Jede Nuance verändert die Farbe des Akkords. Sarhans zweites Material ist das Rezitativ. Er benutzt es für den Diskurs zwischen den Protagonisten. Es ist ein dreifacher Diskurs, denn die Protagonisten diskutieren zum einen über die Einstellung eines neuen Mitarbeiters bei einem Großkonzern, zum zweiten zum Besuch von Eugenies Mutter Madame de Mistival im Hause der Verführer ihrer Tochter und zum dritten über Akten des Prozesses gegen Ulrike Meinhof in Stammheim. Das dritte musikalische Material sind zugespielte Soundelemente, meistens Soundscapes und Soundeffekte in Verbindungen mit einem Animationsfilm und alles zusammen, alle Elemente von Wort, Bild, Klang, Ton (kein instrumentaler Anteil) bilden eine Stunde und 20 Minuten lang ein Kammeropernwerk, das einen über den Abend hinaus nicht loslässt.

Nochmals zum Schlagwort des komponierenden Kuratoren: Sarhan zählt zu den Künstlern, die im kreativen Prozess so wenig wie möglich aus der Hand geben. Er macht alles selber: Musik, Bühnenbild, Konzept und Textkompilation. Die Papierskulptur für sein Musiktheater ist ein faszinierendes Stück art brut. In Stuttgart fand er nicht nur ein großartiges Ensemble für seine Musik, sondern auch den Raum für seine künstlerische Freiheit vor.Die Kategorie „Performance“ war beim diesjährigen Eclat Festival mit „Interaktionen“ überschrieben. Im Zentrum zwei Arbeiten: einmal die der Komponistin Elena Rykova „The Mirror of Galadriel“ und einmal das Stück „Drift“ von Brahim Kerkour.

Im Zentrum von Rykovas Arbeit: eine Tischtennisplatte sowie zwei Performer. Diese agieren mit jeweils einer gleichen Anzahl von Pinienzapfen auf den jeweiligen Hälften dieser Tischtennisplatte. Das Ganze klingt nicht nur, sondern wird überlebensgroß an die Wand projiziert und man sieht sowohl die beiden Akteure live auf der Tischtennisplatte als auch eine Schwarz-weiß-Projektion, die einem den Eindruck vermittelt, sich einem klingenden Rorschach-Test zu unterziehen. Jede Geste der Akteure, jeder Klang wird spiegelbildlich imitiert. Faszination entsteht durch die Visualisierung, durch die fast schon tänzerische Performance der beiden Akteure und natürlich durch das scheinbar unwichtigste Element,den Klang der Pinienzapfen auf einer elektronisch erweiterten Tischtennisplatte. Eine unique Performance.

Ganz anders Brahim Kerkour im Anschluss mit einer brachialen Klangperformance: Bewegung kommt hier beinahe zum Stillstand, Kerkour kniet vor einem Laptop wie vor einem Altar und steuert durch minimale, Tai-Chi-artige Bewegungen die Veränderung eines elektronischen Klanges, der brüllend das gesamte Raumvolumen ausfüllt. Die meisten Besucher verließen die Situation bevor sie von Kerkour zu Ende geführt wurde.

Live-Elektronik ganz anders eingesetzt, konnte man am gleichen Abend im Kammermusikkonzert im Saal T2 des Theaterhauses erleben. Sami Klemolas Stück „Peak“ für Klaviertrio und Live-Elektronik wurde von Mitgliedern des Uusinta Ensemble Helsinki performed – in dem Fall ein Klaviertrio mit Bassklarinette, Klavier und Cello. Das Besondere an diesem Stück: Der Gestus war „Instrumentaltrio“, der Klang dagegen rein elektronisch.

Eine Musik aus dem Computer, die dadurch überzeugend wirkte, weil sie von menschlichen Protagonisten jeweils im Gestus ihres Instrumentes gespielt wurde – ein mitreißender Idealfall Neuer Musik. Deutlich abstrakter war Ville Raasakkas Stück „Vanishing Point“ für verstärktes Klavier. Vier Minuten lang wurde das Klavier, behämmert, beklopft und sozusagen entfremdet/verfremdet verwendet – es mangelte dennoch an vitaler Überzeugungskraft.

Mit „Partendo“ ging Oscar Bianchi einen anderen Weg. Sein Stück für Countertenor und Ensemble, hier das Uusinta Ensemble Helsinki, beschäftigte sich mit Abschiednehmen. Wie viele andere Komponisten der diesjährigen Festivalausgabe, griff auch er auf frühere Musik zurück. In diesem Fall auf Palestrinas Motette „O bone Jesu“ und Henry Purcells „Here the Deities Approve“. Inspiration aus der Vergangenheit, zurück in die Zukunft – im Zentrum, der wie immer brillante Countertenor Daniel Gloger von den Vocalsolisten Stuttgart.

Anderswo findet Neue Musik in Aulen von Grundschulen, in Turnhallen, in Mehrzweckhallen statt. Die Stadt Stuttgart nimmt in Deutschland eigentlich eine exponierte einzigartige Rolle ein, weil Musik der Jahrhunderte seit 2003 eine Heimstatt im Theaterhaus gefunden hat. Neue Musik in bester klanglicher Qualität, Neue Musik vor einem Publikum von etwa 1.000 Personen im Saal T1, Neue Musik in diversen Kammermusiksälen bis hin zu kleinen intimen Räumen. Alle sind technisch modular bespielbar, geeignet für Musiktheater, für Kammermusik, für große Symphonik. Das muss doch auch mal wieder erwähnt werden, dass diese Infrastruktur eine wichtige Rolle für den Erfolg und die Qualität des Festivals hat. Es findet nicht nur der Fachbesucher den Weg hierher, die Neue Musik wirkt vom Pragsattel in die Stadt hinein.

Eine faszinierende Möglichkeit, wie man mit musikalischen Traditionen und Geschichten umgehen kann, zeigten das Cikada Ensemble und Lars Petter Hagen mit seinem Stück „Harmonium Repertoire“ für Ensemble. Er stellte Fragmente und Reflektionen über Bruckner, Strauss, Berg, Mahler und Schönberg  ins Zentrum seines Werkes. Im Gegensatz zum Gedanken des Fortschritts in der Musik, insistiert Hagen, indem er sagt: „Wir erleben Musik in Verbindung mit etwas Vergangenem. Ich bin interessiert an der Vergänglichkeit von Dingen, mit denen sich der Schriftsteller Tor Ulven sehr befasst hat; es ist das Gegenteil von Nostalgie.“

Ganz in der Gegenwart hingegen, das Stück „Sog“ von Carola Bauckholt: Es entstand im Auftrag des Cikada Ensembles und ist ihm gewidmet. Instrumentalmusik wird gespielt von Musikern, die quasi kommentierend banale Sätze wie: „Alles ist in Ordnung“ oder „Ich habe es geschafft“ rhythmisiert aufsagen und der Dirigent mit Blicken, Gesten oder mittels Sätzen – etwa „Ich verstehe nicht“ – Klangaktionen auslöst. Kammermusik voller „schöner“ Einfälle und unerwarteter Wendungen.

Seit 1946 besteht das SWR Vokal­ensemble, früher Chor des Süddeutschen Rundfunks, und es will dieses Jubiläum noch diesen September groß feiern. Einen kleinen Vorgeschmack bot SWR Attacca in Eclat. Neben seinem breit gefächerten Programm von Vokalmusik ist der SWR Chor spezialisiert auf die Aufführung moderner und avanciertester zeitgenössischer Vokalmusik. Im Zentrum standen zwei Werke von Beat Furrer. Zunächst das kurze, klangschöne A-capella-Stück für zwei Chöre, „Herbst“: Auch wenn das Auftragswerk des deutschen Chorverbandes ein Rückgriff auf eine Klanglichkeit ist, wie man sie von harmonisch fundierter Musik her kennt, ist es für Laienchöre zu anspruchsvoll. Das Konzert endete mit dem zweiten Werk von Furrer: „Spazio immergente II“ (Verschwindender Raum) für 2 mal 16 Stimmen und Schlagzeug. Hier schlägt Furrer einen anderen Ton an. Er verwendet einen Text aus dem „De rerum natura“ von Lukrez, den er schon einmal in einem anderen seiner Stücke verarbeitet hat, „Spazio immergente“ von 2014. Der Text spricht vom Weltgebäude, das restlos einstürzen würde, wenn es nicht durch universelle Kräfte gehalten würde. Analogien zum kulturpolitischen Kräftesystem des Neue-Musik-Betriebs mögen eine Überinterpretation sein – in jedem Fall ist Furrers Stück Bekenntnismusik im bes­ten Sinne. Das SWR Vokalensemble war im Wechsel mit dem Aleph Gitarrenquartett zu hören. Sangliche Linie stand gegen zarte Zupfklänge, die sich in einem für 1.000 Personen ausgelegten Raum überraschend klar, beinahe „forte“, entfalteten.

In dieser hervorragenden Akustik war das Notturno „endlos die nacht/ senza ritorno“ von Marko Nikodijevic fast schon zu schön, um Neue Musik zu sein. Warum nicht?

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