Konservative Veränderer, subversive Harlekine

Bigband-Novitäten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Um auf dem Markt beachtet zu werden, ist unverkennbares musikalisches Profil notwendig, insbesondere für große Klangkörper im Jazz. Die Risiken sind annehmbar, wenn eine charismatische Vokalistin wie Sinne Eeg & The Danish Radio Big Band selbstbewusst meinen: „We’ve Just Begun“, nämlich mit unverwüstlichem Swing Publikum zu locken. Ihre Eigenkomposition singt sie expressiv über forderndem Drive. „Like A Song“ hat eine wunderbare Melodiekontur, und Standards wie „My Favorite Things“ überzeugen durch geschmeidige Rhythmuswechsel. Die dänischen Arrangeure dieses Recitals sind zwar konservativ, indem sie sektionale Tuttis bevorzugen, haben aber auch harmonische Schärfen nicht vergessen. Veränderungen bleiben hier sublim. (Stunt)
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Deutlicher hat Jakob Helling aus Österreich für seine Concert Big Band „Live In 2019“ bei der Moderne nachgehört: „Not Yet“ progressiv, eher skeptisch und doch im vollen Sound präsentiert sich sein Ensemble. Sogar mit gewisser Chuzpe, wenn Schlagzeuger Mario Gonzi sich geschickt durch verwirrenden „Swing Your Path Through The Symmetrical Weirdo Party“ bahnt. Da ist Freude an rhythmischen Finessen bemerkbar. (Record Jet)

Noch weiter ausgedehnt hat Tobias Becker aus Deutschland diese Stilistik. Seine Suite „Sketches Of A Dream – Live“ hat er für Bigband und die Württembergische Philharmonie komponiert. Wobei die Symphoniker nicht unbedingt ein gleichwertiger dramaturgischer Partner, sondern ein willkommenes Additiv sind, um die Wucht und das Volumen des Jazzensembles zu vergrößern. Jedenfalls beginnen die „Reflections“ (Part I) mit einem Uhrenpattern, das elastisch von Streicher-Klangtupfern und Forte-Tuttis geformt wird, um einen Korridor für ein narratives Sax-Solo zu schaffen. Harfe und Streichertremoli evozieren eine „Relaxation“ (Part II) eine somnolente Stimmung intensiver Atemzüge für eine Flügelhorn-Kantilene vor allem in tiefem Register. Grollend ist das Erwachen in der „Repetition“ (Part III), streckt sich aber zum agilen Swing und körperlicher Fitness in einem Trompetensolo, sodass die Form und der oft impressionistische Sound gerundet werden. (Neuklang)

Ganz anders kultiviert die französische Initiative H Fermente der Vergangenheit dadurch, dass sie an den US-amerikanischen Komponisten Louis Hardin alias Moondog (1916–1999) erinnern, einem Straßenmusiker, der zum legendären Klassik-Kauz reüssierte. Dessen „Sax Pax For A Sax Remix“ hat Bandleader David Haudrechy neu arrangiert, sodass der „Dog Trot“ elektrisch verstärkt knisternd voran kommt. Abenteuerlich ist die Mischung aus Rockgroove, romantischen E-Piano-Arpeggien und dichtem Brass in „Paris“, da ist sogar noch eine Spur für ein süffiges Sax-Solo frei. Klassische Entlehnungen wie das Duo-Divertimento von Sopransax und Klarinette können sich sogar „Sandalwood“ mit psychedelischem Discobeat anfreunden. Hier treibt ein Harlekin seinen Schabernack, ohne die Integrität der Originale zu verhöhnen. (Neuklang)

Ebenso ist Peter Rosendal aus Dänemark ein „Trickster“, wenn er mit Orchestra & Trio Mio karnevaleske Fabeln spinnt: indigene Folklore, Renaissance-Elemente und Rockgroove formen sich da „Solstik“ zu einer seltsamen Melange. Gar ein polyphones Fresko ist „Første Brudestykke“, wenn sich Fiedel-Motive und Sax-Timbres im freundlichen Tanz drehen, der „Hu Hej Hummel I Æ Vand“ noch von einem Ringmodulator zu schrägen Stomp-Klängen verfremdet wird. Subversiv sind diese Maskeraden in verschachtelten Rhythmen und verschrobener Stimmführung, ein Universum für sich. (Stunt) ¢

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