Krieg und Musikwettbewerbe

Wie man in Markneukirchen die Tubisten und Hornisten aller Länder vereinigt


(nmz) -
Der Internationale Instrumentalwettbewerb Markneukirchen findet seit 1969 statt – immer im Wechsel mit Streichern und Bläsern. Der Bläserwettbewerb musste 2020/2021 coronabedingt abgesagt werden und wird in diesem Jahr nachgeholt. Vom 5. bis 14. Mai 2022 präsentieren Hornist*innen und Tubist*innen im Alter zwischen 16 und 33 Jahren in vier öffentlichen Wettbewerbsrunden ihr Können.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Der Ursprung des heutigen Wettbewerbs liegt in einem 1950 gegründeten Violinwettbewerb, der das Ziel verfolgte, die Musik­industrie in der DDR zu unterstützen. Seit 1969 gibt es den jährlichen Wechsel zwischen Streichen und Blasen. Schon damals war man in die Weltföderation der Wettbewerbe, die WFIMC, mit Sitz in Genf eingetreten. Horn, Tuba und Kontrabass – das sind vorwiegend  die Instrumente, die sich in Markneukirchen traditionell vorstellen. Ein ungewöhnliches Wettbewerbsmodell, da man das Marketing wegen der unterschiedlichen Instrumente jedes Jahr komplett neu aufsetzen muss. Aber alle Instrumente, die in Markneukirchen und der Region hergestellt werden, werden beim Wettbewerb aufgerufen. In Deutschland zählt das Vogtland bis heute zu den Kerngebieten des Musikinstrumentenbaues, Harfe und Klavier ausgenommen. Der Instrumentenwettbewerb ist stark regional verwurzelt und besitzt seit jeher internationales Renommee, was auch mit dem jahrzehntelangen Engagement des Ehrenpräsidenten Peter Damm, einem richtungsweisenden Hornisten und Musikwissenschaftler, zu tun hat.

Und dann kam der Krieg

In der Kategorie Tuba gibt es dieses Jahr 87 Anmeldungen aus 26 Ländern von 6 Kontinenten. Eigentlich ein Anlass zu Freude, die jedoch etwas eingetrübt wurde: Gerade hatte man sich entschieden, den Markneukirchener Wettbewerb trotz Pandemie nicht virtuell, sondern in Präsenz durchzuführen, da begann  am 24. Februar 2022 der Krieg in der Ukraine und schuf neue Fragen und Probleme.

Dazu Gerhard A. Meinl, stellvertretender Wettbewerbsvorsitzender: „Wir sind Mitglieder der Genfer WFIMC und stehen daher auf dem Standpunkt, dass die jungen Wettbewerbsteilnehmer nicht Beamte ihrer Regierung sind. Sie treten nicht für ihre Nation an, sondern für sich selbst, und sind somit kein Botschafter ihrer Nation wie bei etwa den Paralympics kürzlich in China. Wir wollen die Zukunft sichern für diese jungen Menschen, die sich im Wettstreit bewähren sollen für die Kunst und nicht für die Politik.“

Angemeldet haben sich ein russischer Hornist, der derzeit in der Schweiz studiert und daher problemlos anreisen kann, sowie ein ukrainischer Tubist, von dem jedoch noch nicht bekannt ist, ob er kommen kann.

Es geht aber nicht nur um die osteuropäischen, insbesondere russischen und weißrussischen Teilnehmer, es gibt auch anderweitige Auswirkungen: Man weiß noch nicht, wie die 27 Japaner, die sich angemeldet haben, anreisen können. Flüge über russisches Territorium sind nicht mehr möglich. Normalerweise beträgt die Flugzeit auf der Strecke zwischen Helsinki und Tokio-Narita rund achteinhalb Stunden. Bei einer Flugroute nördlich oder südlich des russischen oder belarussischen Luftraumes muss man mit einer Flugzeit von  rund 13 Stunden rechnen. Dadurch wird die Reise wesentlich teurer. Die Reisebeschränkungen treffen alle, die anreisen, auch die Mitglieder der international besetzten Jury.

Als sich anbahnte, dass Wettbewerbe in Kanada und USA russische Teilnehmer wieder ausluden, führte man mit Peter Paul Kainrath, dem Präsidenten der WFIMC, vorab intensive Gespräche. In deren Folge ist die klare Stellungnahme aus dem Verband Richtschnur für den Markneukirchener Wettbewerb geworden.

Im Folgenden Auszüge aus der Erklärung des WFIMC zu russischen und weißrussischen Kandidaten: „Der WFIMC und seine Mitglieder haben den schrecklichen Krieg, der unvorstellbaren Schmerz und Leid unter den ukrainischen Menschen verursacht hat, auf schärfste Weise verurteilt.

In der Zwischenzeit hat der Krieg zu einer wachsenden Isolation russischer und weißrussischer Musiker geführt, oft ohne Unterschied zwischen staatlich geförderten Künstlern, die die Ideologie ihrer Regierung vertreten, und Musikern, die große Risiken eingegangen sind durch ihre Art und Weise, ihre Opposition gegen diesen Krieg zu äußern. Die Satzungen des World Federation of International Music Competition verpflichten ihre Mitgliederwettbewerbe, die strengste Ethik zu wahren und ihre Teilnehmer mit Integrität, Würde und Menschlichkeit zu behandeln. Kein Kandidat kann als Beamter seiner Regierung angesehen werden, und kein Teilnehmer kann automatisch wegen seiner Nationalität zum Vertreter einer Ideologie erklärt werden. Im Gegenteil, unsere Organisation wird junge Musiker immer schützen und unterstützen, unabhängig davon, woher sie kommen. Mit der universellen Sprache der Musik ermutigen wir junge Künstler, als Botschafter des Dialogs, des Verstehens und des Brückenbaus zwischen Menschen zu fungieren.

Es liegt in der Verantwortung des WFIMC, die Instrumentalisierung junger Musiker zu verhindern. In diesem Sinne empfehlen und bitten wir unsere Mitgliedsorganisationen dringend, junge und begabte Künstler nicht von der Teilnahme an ihren Wettbewerben zu diskriminieren und auszuschließen. Sie kämpfen für eine bessere Zukunft und brauchen dringend jede Unterstützung, die wir ihnen geben können.“

Jurowskis offener Brief

In diesem Zusammenhang soll auch auf den offenen Brief des Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper Vladimir Jurowski zur aktuellen politischen Situation hingewiesen werden. Er initiierte damit einen internationalen Aufruf, sich gegen den Krieg Russlands in der Ukraine zu vereinen. Sein Appell hat das Ziel, der Proklamierung eines Pauschalboykotts gegen russische und belarussische Künstlerinnen entgegenzuwirken und fordert auf, von einer öffentlichen Positionierung dieser abzusehen. Vladimir Jurowskis Aufruf schlossen sich bereits mehr als hundert Kolleg*innen und Künstler*innen, wie unter anderem Staatsintendant Serge Dorny, Sir Simon Rattle, Barrie Kosky, Edward Gardner oder Christian Gerhaher, an.

Darin heißt es: „Einen Kulturschaffenden aufgrund seiner Nationalität von einer Veranstaltung auszuschließen, gleichzeitig dem Künstler persönlich aber nicht schaden zu wollen, wie es nun bereits mehrfach geschah, ist nicht möglich. Die Nationalität sollte keine Rolle spielen – niemand müsste seine Herkunft oder Staatsangehörigkeit rechtfertigen müssen.

Nicht jeder fühlt sich im Stande klar auszusagen, weil eine solche Aussage unter Umständen der Person selbst oder ihren Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen in Russland oder Belarus erheblichen Schaden zufügen könnte. Viele fühlen sich derzeit wie Geiseln in ihrem eigenen Land.“

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