Kühne Konzertklangprogramme

Adámek, Messiaen, Purcell, Haas: In zwei musica-viva-Konzerten dirigierte Simon Rattle das BR-Symphonieorchester


(nmz) -
Erstmals als kommender Chefdirigent zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – und dann dirigiert Sir Simon eben nicht Beethovens Neunte oder Mahlers Symphonie der Tausend … Vielmehr leitet er an einem Abend zwei Konzerte mit überwiegend musikalischer Moderne. Ein Programm, das den Musikfreund für über drei Stunden vor den Streaming-Schirm bannte.
Ein Artikel von Wolf-Dieter Peter

Gleich grundsätzlich das Signal in der Programmierung: Der 1979 geborene tschechische Komponist Ondrej Adámek komponierte seine Gottessuche „Where are you?“ im Auftrag der musica viva des Bayerischen Rundfunks und des London Symphony Orchestra mit Förderung der Ernst von Siemens Musikstiftung. Er widmete es der von ihm schon lange verehrten Magdalena Kožená, ihrem Mann Simon Rattle und einer Privatperson – doch nicht bei „seinem“ Londoner Orchester, sondern mit dem Symphonieorches­ter des BR brachte es Rattle in der leeren Münchner Philharmonie zur Uraufführung. In elf Teilen – mit Texten quer durch die indische Bhagavad Gita, das Buch der Könige, zu Teresa von Avila, traditionellen Lobgesängen der spanischen Semana santa wie aus Moravien hin zum Aramäischen Vater unser – wird Magdalena Kožená als Suchende begleitet: vom einleitenden Pianissimo-Hauchen, dann einer von Rattle selbst neben ihr betätigten leisen Spring-Drum, dem Hauchen des ganzen Orchesters über gestammelte oder gestoßen wiederholte Silben hin zu flehenden Gesangslinien. Englisch, Aramäisch, Sanskrit – Sprache nutzt Adámek oft auch als Klang. Dazu kontrastiert die dominierende Bläserbesetzung mit markigen Einwürfen. Um die Seiten-Öffnung Christi durch den Speer samt Schmerz lässt Adámek das gesamte Orchester wild toben. Marien-Sehnsucht erklingt in klagendem Flehen bis hin zu Marschrhythmen. Gläubige Ekstase darf vokal schwelgen fast bis zum Lustschrei, ehe in den letzten Teilen alles wieder ins Piano und dann ins Hauchen des Beginns zurückfällt.

Der Einsatz eines Megaphons durch Kožená, des Geräuschs einer Spraydose mal in den Deckel, mal ins Freie, wirkt angesichts der sonst gewählten Tonsprache geschmäcklerisch „modern“. Auch ohne diese Zutaten wäre die vielfältige Suche nach Kommunikation mit einem anderen, höheren Wesen deutlich. Die menschlichen Fragen wirken wie eine Verlängerung aus innerer Verlorenheit heraus … zeitgenössische Sinnsuche.

Nach einer kurzen Interview-Pause in der leeren Münchner Philharmonie erklang Olivier Messiaens „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ von 1964, gewidmet allen Kriegstoten. Klang-Fins­ternis, choralartige Wendungen, Glockenklang, ein Hauch von tänzerischer Erlösungsfröhlichkeit – hin zum leuchtend strahlenden Schluss – all das wurde glänzend Klang.

Nach einer gut einstündigen Recreationspause hatten Dirigent und Orchester in den Herkulessaal gewechselt. In Fortsetzung einer früher häufigen Programmierung kombinierte Rattle „alte, frühe Klassik“ mit zeitgenössischer Moderne und band gleichzeitig den renommierten Chor des ­Bayerischen Rundfunks ein. Die Blechbläser waren in den beiden Rängen über dem Podium postiert; auf dem stand der Chor in pandemie-gerechtem Abstand – beides für Henry Purcells „Funeral Music for Queen Mary“ von 1695. Die ernste Strenge des Werkes signalisierte zeitlose Gültigkeit.

Ganz gezielt griff dagegen Georg Friedrich Haas im Jahr 2000 in unsere Zeit hinein: Der Wahlerfolg der rechtspopulistischen FPÖ trieb ihn zu einem klanglichen Sinnieren über unsere demokratische Entwicklung an – „In vain“ für 24 Instrumente. Doch nicht klangliche Verzweiflung prägt das besondere Werk. Das Besondere sind zwei Teile, in denen alles Licht erlischt und die Musiker im Dunkeln weiterspielen müssen. Nicht nur das gelang (Rattle: „Man sollte 10 Proben ansetzen“), es stellte sich jene Konzentration und Herausforderung zur Reflexion ein, die Haas will; Rattle meint sogar, dass die Temperatur in den Körpern und damit im Saal ansteigt. Ein Wabern quer durch alle Tonarten, Stile und Klänge hat Haas geschaffen, mal ein bedrohliches Anschwellen, mal eine geradezu Mehltau-Gleichförmigkeit wie bei uniformen Gesellschaften, dann perlend flirrende, frohe Klänge, fast zu schön – wie das disparate Nebeneinander in unserer Welt. Ein musikalischer Solitär, herausfordernd und belohnend.

Insgesamt ein Konzert-Klang-Programm, das den Bogen spannte, mit dessen Weite, Vielfalt, Kühnheit und Anspruch Sir Simon die Münchner und bayerische Musikwelt künftig konfrontieren wird.

  • Beide Konzerte sind kostenlos im Stream von BR-musica-viva abrufbar.

Das könnte Sie auch interessieren: