Kulturelle Differenz als Ausdruck künstlerischer Freiheit

Achim Zimmermann (Singakademie) und Kai-Uwe Jirka (Sing-Akademie) würdigen gegenseitig ihre Arbeit


(nmz) -
Laudatio für die Sing-Akademie zu Berlin von Achim Zimmermann und Laudatio für die Berliner Singakademie von Kai-Uwe Jirka. Ein Blick in die deutsch-deutsche Geschichte und in die Zukunft.
Ein Artikel von Kai-Uwe Jirka

Laudatio für die Sing-Akademie zu Berlin

Wenn heute, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, beide Singakademien ausgezeichnet werden, dann ist das natürlich ein Grund zum Feiern. Wer hätte damals gedacht, dass wir im Jahr 2019 gemeinsam diesen Preis entgegennehmen können. Die Sing-Akademie zu Berlin war in jener Zeit des Wandels eine ganz andere als heute. Massive Anfeindungen, die ihren Ursprung in der Gründung unseres Chores 1963, zwei Jahre nach dem Mauerbau hatten, waren an der Tagesordnung. Als ich 1989 unseren Chor übernahm war mir klar, dass eine Zusammenarbeit nicht einfach werden würde. Dass sie sich aber so schwierig gestalten würde, hätte ich damals nie gedacht. Ich hatte geglaubt, in einem wiedervereinten Berlin ist es das Natürlichste der Welt, dass unsere beiden Chöre schrittweise und immer mehr aufeinander zugehen, um irgendwann diese Trennung ganz zu überwinden. Es gab unsererseits unzählige Vorschläge, Pläne und Initiativen, die diesen Prozess begleiten könnten. Aber es half alles nichts – die Vorurteile waren an den entscheidenden Stellen zu stark. Musik schafft es eben nicht automatisch, zu verbinden. Wenn es keinen Willen von Herzen gibt, kann man auch keine Wege finden, die doch immer irgendwo vorhanden sind.

Als ich erfuhr, dass ich heute eine Laudatio auf die Sing-Akademie zu Berlin halten soll, war ich im ersten Moment schon etwas ratlos. Die schmerzhaften Erfahrungen der ersten sechzehn Jahre nach 1989/90 sind in uns und auch in mir immer noch ziemlich präsent. Nun aber zum erfreulichen Teil.

Die Sing-Akademie zu Berlin hat es nach vielen schwierigen Jahren seit 1989/90 geschafft, sich wieder eine vielbeachtete Position in der Berliner Chorlandschaft zu erarbeiten. Durch eine intensive Kooperation mit der Universität der Künste (UdK) war ein Neuaufbau möglich geworden, der das Ansehen und die Ausstrahlung dieser bedeutenden Einrichtung wieder kontinuierlich entwickelt und erhöht hat. Seit 2006 leitet mein sehr geschätzter Kollege Kai-Uwe Jirka die Sing-Akademie und seit dieser Zeit hat sich sehr vieles verändert. Studierende und Lehrkräfte der UdK arbeiten und singen für die Sing-Akademie und mit ihr. Es gibt den Hauptchor für große Aufführungen, ein semiprofessionelles Vokalensemble für Spezialaufgaben, speziell das berühmte Archiv der Sing-Akademie betreffend. Es gibt zahlreiche Mitmach-Projekte, es gibt das Format „Oratorio“, wo Studierende im Rahmen ihrer Ausbildung singen, musizieren und dirigieren und darüber hinaus interessierte Chorsänger jederzeit mitsingen können. Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem auch 2006 gegründeten Mädchenchor unter der Leitung von Friederike Stahmer zu. Mit viel Geduld und Können haben sie und ihre Mitarbeiterinnen es geschafft, diesen Chor zu einem auch über Berlin hinaus sehr anerkannten Ensemble zu formen. Neben dem Staats- und Domchor ist dieser Mädchenchor heute eine tragende Säule der Sing-Akademie und lässt für die Zukunft sehr hoffen. Unbedingt erwähnenswert ist an dieser Stelle auch die spezielle Programmgestaltung aller Sing-Akademie-Aktivitäten, für die der Dramaturg Christian Filips gemeinsam mit Kai-Uwe Jirka verantwortlich zeichnet. Es ist immer eine wohldurchdachte Mischung aus Altem und Neuem, aus Sing-Akademie-Geschichte und Gegenwartsbezug, interessant für Studierende, Singende und Zuhörer gleichermaßen.

Ein Wort zu Ihnen, lieber Herr Jirka. Was Sie seit 2006 gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern von der UdK für die Sing-Akademie geleistet haben, verdient allerhöchsten Respekt und Anerkennung. Sie haben es geschafft, der Sing-Akademie ein neues, ein anderes Gesicht zu geben. Der Chor singt wieder auf hohem Niveau. Diffamierungen haben keinen Platz mehr. Als wir uns 2006 zum ersten Mal trafen, war ich sehr erleichtert, dass auch Ihnen, lieber Herr Jirka, an einem respektvollen Umgang unserer beiden Chöre miteinander gelegen ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nach den vielen Jahren der Sprachlosigkeit sind wir seit 2006 nun wieder enger im Gespräch, es hat einige gemeinsame Projekte gegeben. So haben wir im Juni 2009 im Konzertsaal der UdK unter der Leitung von Lutz Köhler Mendelssohns zweite Sinfonie „Lobgesang“ aufgeführt. Im Februar 2016 gestalteten wir gemeinsam die Aufführung der großen zweiten Sinfonie Gus­tav Mahlers mit dem Dirigenten Steven Sloane in der Philharmonie – da brauchte es auch mindestens zwei Singakademien und den Staats- und Domchor … Es gab ein weiteres gemeinsames Konzert unter meiner Leitung im Konzerthaus. Der Kontakt ist seither nie mehr abgerissen, gleichwohl war es noch nicht so, dass ich dachte: „Jetzt be­ginnt der gemeinsame Weg“.

Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der kalte Krieg ist vorbei, die deutsche Teilung ist Geschichte und Berlin ist wieder eine Stadt. Ob es in unserer Stadt wirklich zwei Singakademien geben muss, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Ich fände es folgerichtig und schön, wenn man auch diese Trennung irgendwann beenden könnte, wie auch immer das vonstatten ginge. Berlin wächst immer mehr zusammen – unsere beiden Chöre sollten es auch. Aber das ist, wie gesagt, meine ganz persönliche Meinung. Als ich damals aus dem thüringischen Suhl nach Berlin kam, wusste ich ziemlich genau, worauf ich mich einlasse. Zugleich war ich in Sorge darüber, ob wohl die großen Fußstapfen meines Vorgängers Dietrich Knothe durch mich auszufüllen seien. Und ich hatte auch ein wenig Angst vor dem Jubiläum „200 Jahre Sing-Akademie zu Berlin“, ahnend, dass die Mauer nicht mehr lange stehen würde. Als es dann anlässlich des Jubiläums 1991 im Roten Rathaus zu einer Begegnung kam, bei der der damalige Kultursenator Ulrich Roloff-Momin den Gedanken äußerte, die beiden Singakademien sollten sich doch noch zehn Jahre Zeit lassen und dann könne man über eine Vereinigung nachdenken, da waren wir erleichtert, aber auch etwas skeptisch.

Heute, 30 Jahre danach, haben wir es noch nicht geschafft: Aber das ist auch nicht dramatisch – beide Chöre sind in Berlin angesehen. Dennoch ist es mir ein Herzensbedürfnis, heute und hier zu sagen, dass die Zukunft der beiden Singakademien im Berliner Kulturleben sich so gestalten sollte, dass beide Chöre eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Dach haben.

Wir, die Berliner Singakademie gratulieren der Sing-Akademie zu Berlin und ihrem Leiter Kai-Uwe Jirka herzlich zur heutigen Auszeichnung und wünschen Ihnen allen alles Gute für die Zukunft, gut gelingende Aufführungen und immer ein dankbares Publikum.

Achim Zimmermann


Laudatio für die Berliner Singakademie

Es gibt keine andere Stadt auf der Welt, die einen mit Berlin vergleichbaren Reichtum an kulturellen Ensembles und erstklassigen musikalischen Institutionen hätte. Berlin hat drei Opernhäuser, mehrere Weltklasse-Orchester, zwei professionelle Spitzenchöre. Und – was für ein Glück! – Berlin hat zwei Sing-Akademien. Und das alles verdanken wir paradoxerweise der historischen Teilung, unter der die Stadt so lang zu leiden hatte. Ich bin sehr froh, dass sich die Mendelssohn-Gesellschaft entschieden hat, mit ihrer Doppelauszeichnung diesen kulturellen Reichtum der Stadt zu feiern und ihn zu bezeugen statt ihn – wie es so lange üblich war – als Überbleibsel einer nicht ganz vollendeten Wiedervereinigung zu beklagen. Kulturelle Differenzen gilt es nicht nur auszuhalten. Sie müssen sogar noch befördert werden! Ein Hoch auf künstlerischen Eigensinn, auf die Pflege von spezifischen, nicht auswechselbaren, nicht beliebig vermarktbaren Ensemble- und Klangkulturen! Denn allein sie schaffen und stiften wirkliche kulturelle Identität.

Man muss einander nicht verstehen, um einander zu respektieren. Denn ist die viel größere Gefahr gegenwärtig nicht, dass alles gleich gemacht wird? Dass alle Ensembles gleich klingen, das gleiche Repertoire singen, die gleiche, immer kleiner werdende Klientel ansprechen? Kulturelle Differenz ist ein Ausdruck künstlerischer Freiheit.

Und die Existenz zweier Sing-Akademien in Berlin halte ich für ein gelungenes Beispiel dieser praktizierten Freiheit. Sie ist ein Beispiel dafür, dass nach der Wiedervereinigung nicht alles fusioniert und zusammengelegt, gespart und gekürzt, also kulturell verarmt wurde. Die Folgen der symbolpolitisch oft verheerenden Zusammenlegungen, der Treuhand-Abwicklungen und raschen kulturellen Übernahmen können wir heute in vielen Teilen Ostdeutschlands beobachten. In Berlin ist dieser Fehler, zumindest was die Sing-Akademie betrifft, nicht gemacht worden. Das Versprechen einer Zusammenlegung mag damals – in der Euphorie der Wendezeit – verlockend erschienen sein. Und als Unbeteiligter verstehe ich im Rückblick die Sehnsucht danach. Ich verstehe aber auch, dass es Kräfte gab, die auf der jeweiligen Eigenart und Differenz beharrt haben. Von heute aus betrachte ich es als ein Glück, dass nicht die eine Sing-Akademie in der anderen aufgegangen ist. Dass es keine Abwicklung von Ost nach West oder von West nach Ost gab. Und dass die alte Sing-Akademie, die künstlerisch mit dem Tod ihres langjährigen Leiters Hans Hilsdorf am Boden lag, aus der Senatsförderung herausflog und bald schon kaum noch singfähig war, sich nicht einfach in das künstlerisch ohne jede Frage viel kraftvollere Ensemble der Berliner Singakademie aufgelöst hat, das seit inzwischen über 50 Jahren zu den besten oratorischen Chören des Landes gehört.

Was hätte die seit 1791 ohne Unterbrechung fortbestehende Sing-Akademie verloren, hätte sie nicht damals darauf bestanden, als Privatverein weiter zu existieren? Wäre der alte Verein dann juristisch überhaupt noch exis­tent? Hätte dieser Verein das Archiv aus Kiew zurückerhalten, das Haus zurück erstreiten können, hätte er seine Rechtsform bei einer Fusionierung wechseln müssen? War es nicht rückblickend eine mutige Entscheidung, sich unter größter Kraftanstrengung auch ohne Staats- und Stadtgelder zu erneuern und sich aus eigenen Mitteln dem Druck zu entziehen? Ist das nicht ein gelungenes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement?

Und was hätte andererseits die Berliner Singakademie nicht alles verloren, hätte sie ein Ensemble in sich aufnehmen müssen, das überaltert und sängerisch nicht auf ihrem Niveau war, aber gleich mehrere Prozesse führte (darunter einen gegen ihren eigenen Hauptfinanzgeber, nämlich das Land Berlin)? Berlin könnte stolz darauf sein, heute über die Chorförderung ein Spitzenensemble wie die Berliner Singakademie zu fördern, das im Konzerthaus hervorragende Konzerte gestaltet und die Stadt bei Konzertreisen in der ganzen Welt vertritt. Und ebenso froh könnte Berlin darüber sein, dass die Pachtzahlung, die es für das nicht landeseigene Gebäude des Maxim-Gorki-Theaters leistet, von der Sing-Akademie zu Berlin dafür genutzt wird, das kulturelle Leben dieser Stadt mit einem ganz eigenen Programm zu bereichern, das keinerlei Konkurrenz darstellt, weil es völlig andere Akzente setzt.

Als Friederike Stahmer, Christian Filips und ich 2006 die künstlerische Leitung der Sing-Akademie übernommen haben, war die Wiedervereinigung bereits 16 Jahre her. Ich glaube, die letzten dreißig Jahre haben hinreichend bewiesen, dass diese Stadt groß genug ist für zwei Sing-Akademien. Neue Generationen in dieser Stadt haben längst neue Antworten gegeben. Beide Chöre sind lebendig und erfreuen sich des Zuspruchs sowohl ihrer Sängerinnen und Sänger wie ihres Publikums. Und so freue ich mich, heute voller Überzeugung ein Loblied auf die Berliner Singakademie singen zu dürfen!

Sie können sich vorstellen, dass es wegen der relativen Namengleichheit immer mal wieder zu Verwechslungen kommt. Und das Schöne daran ist: Wir freuen uns immer darüber, dass wir den Besuch der Konzerte der Namensvetterin wärmstens empfehlen können. Wir müssen niemals jemanden davon abhalten, uns zu verwechseln, weil wir die Konzerte der Berliner Singakademie bedenkenlos ebenso sehr wie unsere eigenen empfehlen können. Dazu gehört, dass man aufeinander Acht hat; auch auf die Programme der anderen. Wir haben es bislang, soweit wie möglich vermieden, im Konzerthaus aufzutreten. Denn wir halten es – im Sinn der kulturellen Differenz – für wichtig, dass dieser angestammte Ort weiterhin von der Berliner Singakademie geprägt wird. Wir achten möglichst auch darauf, nicht dieselben Programme anzubieten. Nie in den vergangenen 13 Jahren stand bei beiden Singakademien dasselbe Stück auf dem Programm. Es sei denn – und das war immerhin dreimal der Fall – dass wir gemeinsam Konzerte geben. So wie es zuletzt beim 50. Jubiläumskonzert der Sing-Akademie im Konzerthaus der Fall war, wo wir Mendelssohns Orchesterpsalmen musizieren durften. Über die Einladung haben wir uns sehr gefreut.

Besonders imponiert mir persönlich an der Arbeit von Achim Zimmermann, wie sehr er sich für Werke des 20. Jahrhunderts und für zeitgenössische Werke einsetzt. Ich meine damit nicht nur Klassiker wie Arthur Honeggers „König David“ oder Frank Martins „In Terra Pax“. Ich meine damit auch Uraufführungen wie Georg Katzers „Medea in Korinth“ nach einem Libretto von Christa und Gerhard Wolf und Aufführungen von Werken, die im Kanon der DDR eine entscheidende Rolle gespielt haben: Die Werke von Dessau, Eisler oder zuletzt von Mikis Theodorakis. Die herausragende Musik, die in der DDR komponiert wurde, steht zu selten auf den Programmen. Und ich finde es richtig und wünschenswert, dass die Berliner Singakademie sich dieser Komponisten annimmt.

Erwähnen will ich aber auch, wie nachhaltig mich die Klang- und Ensemblekultur der Berliner Singakademie beeindruckt. Ich meine eine gelebte und gepflegte Chortradition herauszuhören, eine ganz eigene Klanglichkeit und Kollektivität, die auf gewachsenen Strukturen fußt und sicherlich das Gegenteil ist von Event- und Chorhopping-Kultur. Die Berliner Singakademie ist ein wirkliches Ensemble, ein gewachsener Klangköper, der sich der Pflege der Chormusik auf handwerklich höchstem Niveau verpflichtet fühlt. Es ist uns eine Ehre, dass sie sich auch programmatisch als Nachfolgerin der Sing-Akademie zu Berlin versteht. Auch in Frankfurt (Oder), in Mainz, Hamburg, Halle, Linz, Rostock, Chemnitz, Dresden, Stralsund, Stuttgart, Potsdam, Suhl und Wien gibt es Singakademien, die sich in der Nachfolge der Sing-Akademie gegründet haben. Aber die seit 1963 existierende Berliner Singakademie ist ohne Frage die uns am nächsten stehende. Seit 1989 wird die Geschichte der Berliner Chormusik – die Geschichte von Fasch, Zelter und Mendelssohn, aber auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts – in dieser wiedervereinigten Stadt nicht nur von uns allein, sondern noch von einem anderen Ensemble erzählt, dem wir mit Bewunderung und geneigtem Ohr zuhören. Nichts ist schöner, als die eigene Geschichte noch einmal anders, aus anderem Blickwinkel hören zu dürfen. Dieser Blick auf das fremde Eigene fördert eben jene kulturelle Differenz, die sich nicht tilgen lässt und niemals tilgen lassen sollte, weil sie uns belebt, anspornt und zu immer neuen Ideen und Konzerten veranlasst. Ein Lob also auf zwei Singakademien in dieser Stadt, ein Lob auf die kulturelle Vielfalt! Ich freue mich sehr, dass die Berliner Singakademie heute völlig verdient mit der Mendelssohn-Medaille ausgezeichnet wird – und gratuliere von Herzen!

Kai-Uwe Jirka

Kai-Uwe Jirka. Foto: Udo Siegfriedt
Achim Zimmermann. Foto: Archiv BSA

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