Last Christmas auf avantgardistisch

Zum vorweihnachtlichen Konzert der Musica Viva des Bayerischen Rundfunks


(nmz) -
Die Adventszeit ist fröhliche Mitsingzeit: Noch zudringlicher als sonst schallten auf den Christkindlmärkten in diesem Jahr die überzuckerten Klänge des alten Wham!-Hits „Last Christmas“ – wie in Vorahnung auf den bevorstehenden Weltabschied seines Schöpfers George Michael. Ein vorweihnachtliches Konzert der kontrastierenden Art bot am 16. Dezember die Musica Viva des Bayerischen Rundfunks mit einem Doppelkonzert.
Ein Artikel von Anna Schürmer

Beim Orchesterkonzert, das der wunderbare Peter Rundel im Herkulessaal dirigierte, standen ein Klassiker der Moderne und zwei Uraufführungen auf dem Programm. „Der Goldene Steig“ von Nikolaus Brass ist eine „Erzählung auf einen Text“ von Peter Kurzeck, den der studierte und komponierende Mediziner sezierte und für Sopran und Orchester als klingenden Bewusstseinsstrom in Ton setzte. Wilde Klangfarben und mikrochromatische Verfahren streifen durch den Raum und begleiten den anspruchsvollen Parcours der charismatischen Sopranistin Sarah Maria Sun: Ausschweifende Vokalisen werden unterbrochen von Atemgeräuschen und unverständlichen Zischlauten, die das „Verfliessssen der ZZZssseit“ in metaphorischen Klang setzen. Kontrastiert wird der geräuschhafte Gestus von überakzentuierten Sprecherpassagen, die Ausschnitte aus Kurzecks Roman „Oktober und wer wir selbst sind“ wie unter einem Brennglas ausstellen. Bezeichnet der Autor sein Schreiben als „der Zeit hintendrein und hinter sich selbst her“, widmet der Komponist sein Werk „der Unabschließbarkeit, der Unendlichkeit des unendlichen Augenblicks“. Brass setzt „Erinnerungen an Erinnerungen“ in Rhythmus und Klang, die er über den Gesangspart mit epischen, lyrischen und dramatischen Momenten anreichert, die Sarah Maria Sun stimmkräftig in Szene setzt. Mit dem geräuschhaften Bewusstseinsstrom will Nikolaus Brass „Erlebtes, Gefühltes, Gedachtes, Gesehenes, Gehörtes“ als „pausenlosen und unabschließbaren Prozess“ in einen 20-minütigen Klangmoment gießen, der am Ende etwas langatmig gerät und schwer zu entschlüsseln bleibt. Dem einfühlsamen Peter Rundel und den aufmerksamen Musikern vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist es zu verdanken, dass „Der Goldene Steig“ in der vom Komponisten geforderten Vortragsbezeichnung seine Hörer erreicht: „mit Innigkeit“.

Mit großer Intensität hatten der Dirigent und sein Klangkörper das Orches­terkonzert mit Milica Djordjevics spannungsgeladener Komposition „Quicksilver“ eingeleitet. In ihrem Auftragswerk setzt die serbische Wahlberlinerin akus­tische Elemente in silbrig sich verflüssigenden Klang und skizziert elementare Kräfte in einem durch Reduktion aufgeladenen Klangbild. In Anlehnung an das namensgebende chemische Element Hg entwickelt die Komposition eine enorme Oberflächenspannung, die Djordjevic mithilfe Rundels und der Orchestermusiker durch tropfenförmige Impulse und wabernde Klangwolken in enorme Tiefenspannung übersetzt (siehe nmz-Onlinekritik vom 18.12.16).

Die flächigen Schraffierungen von „Quicksilver“ erinnern an György Ligeti, dessen Konzert für Violine im Rahmen der Musica Viva eine überzeugende Wiederaufführung erlebte. Das 1990/92 komponierte und erstaufgeführte Stück hat schon begonnen, bevor man seinen aus dem Stimmen heraus geborenen Anfang realisiert und die Komposition zunehmend drängelnd und akzentuiert Fahrt aufnimmt. Mit Ilya Gringolts steht ein schattenhafter Dandy als Solist auf der Bühne, um mit ätherischem Spiel diesen Klassiker der Postmoderne zu intonieren. Ligeti lässt strikte Offenheit gegenüber ästhetischen und stilistischen Prämissen gelten; klassische Anklänge verlieren sich in mikrotonalen Eskapaden und einer ironischen Überlagerung harmonischer Systeme, deren Energie der Komponist durch „unpräzise Intonation“ und im „schmutzigen Klang“ mikrotonaler Ausschweifungen freilegt. Die Architektur der fünf Sätze folgt einer klaren Symmetrie: Hysterisch schnelle Außensätze rahmen aufreizend langsame und schwermütige Mittelsätze.

Im Zentrum aber steht das Intermezzo, in dem sich der Solist als Ruhepol den orchestralen Sturzbächen entgegenstellt. Nach dem Orchesterkonzert wandelt der Tross der Zuhörer durch die Fußgängerzone zum Late Night Konzert in der Bürgersaalkirche am Stachus – vorbei an den glitzernden Buden des Weihnachtsmarktes, aus deren Boxen George Michael vielstimmig sein „Last Christmas“ trällert. In der Kirche stimmen das Duo Helge Slaatto und Frank Reinecke an Violine und Kontrabass ein Klangabenteuer in pythagoreischer Stimmung an: Die reizvolle Symbiose von Musik des 13. und 14. Jahrhunderts mit Neuer Musik von Wolfgang von Schweinitz und Chris Newman könnte die Synapsen des Gehörs wirkungsvoll irritieren – allein: Die schalldurchlässigen Gemäuer der Bürgersaalkirche verhindern die notwendige Kontemplation, indem die feingeistige Stimmung durch das hereinwehende fröhliche Gedudel empfindlich gestört wird.

Das könnte Sie auch interessieren: