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Lebendigkeit und Reichtum an Klangfarben

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Uraufführung der Kammeroper „Neue Menschen“ über Else Lasker-Schülers junge Jahre
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In der evangelischen Citykirche Wuppertal-Elberfeld, unweit der Herzogstraße, wo Else Lasker-Schüler vor 145 Jahren geboren wurde, fand am 30. März 2014 die Uraufführung der Kammeroper „Neue Menschen“ über die bewegende Zeit der Dichterin im Berlin der 1900er-Jahre statt. Der ebenfalls gebürtige Wuppertaler Peter Michael Braun hatte dieses Werk komponiert zum XX. Else-Lasker-Schüler- Forum, das die gleichnamige Gesellschaft soeben über eine Woche lang mit hochkarätigen Veranstaltungen unter dem Titel „Der blaue Reiter ist gefallen“ – zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann – ausgerichtet hat.

Die einaktige Szene beschreibt ein Picknick an der Wende des 20. Jahrhunderts, das die Dichter Gerhart Hauptmann, Peter Hille, Julia und Peter Baum und unsere Dichterin Else Lasker-Schüler, alle miteinander eng befreundet, im Herbstwald Berlins – vielleicht bei Halensee oder im Grunewald – feiern; ein Picknick im Bewusstsein der Geburt des „Neuen Menschen“, der namengebend für die Kammeroper war. Dieser „Neue Mensch“ bewegt vor dem Ersten Weltkrieg die Gemüter der geistigen Elite Deutschlands als der erhoffte geistige und moralische Neubeginn am Anfang des Expressionismus und einer neuen Menschheit als Gegenentwurf zur sich auflösenden, qualvollen, zerrütteten Existenz der letzten Jahrzehnte. Dieser „neue Mensch“ soll geprägt sein von Liebe, Mitgefühl und einem expressionistischen Pantheismus, wie ihn Else Lasker-Schüler als eine der Ersten in ihrer Lyrik fasste und dem Kurt Pinthus in seiner berühmten Anthologie „Menschheitsdämmerung“ ein Sprachrohr war, und wird als Befreiungsakt verstanden. – Um diesen „neuen Menschen“ geht es auch im Opernlibretto, dass der Komponist Braun zusammenstellte aus Texten von Gerhart Hauptmann, Else Lasker- Schüler und vor allem Peter Hille, einem heute kaum mehr bekannten Berliner Lyriker und Bohémien jener Zeit, dem Else Lasker-Schüler ein bleibendes Vermächtnis mit Ihrem „Peter- Hille-Buch“ schuf.

Die fünf Dichter lassen die Natur des Herbstes und den dämmernden Himmel auf sich wirken mit euphorischen Gefühlen; ihre Sprache ist eine hohe dichterische. – Von einer eigentlichen Handlung kann keine Rede sein, das Geschehen findet eher in den Köpfen der Dichter statt, ist Gefühl, ist Bild, ist Rausch und sucht so die Welt des „neuen Menschen“ zu artikulieren. Das macht es für den Zuhörer nicht gerade leicht, dem Ganzen Folge zu leisten. Gleichwohl! Wer sich einließ auf Text und Musik, wurde reich beschenkt von einem nahezu perfekten Klangkörper mit den fünf, die Dichter repräsentierenden Sängern und einem speziell besetzten Kammerorchester, das vorzüglich einstudiert war von Ernst von Marschall, der mit präzisem, differenziertem Dirigat dem Ganzen Ordnung und dynamischen Facettenreichtum gab.

Peter Michael Brauns mäßig moderne Musik besticht durch Lebendigkeit und Reichtum an Klangfarben. Er vermag, die Texte in Musik zu fassen, das Spielerische der Worte und Verse, die zum Teil luftige Leichtigkeit der lyrischen Bilder und die Freude der Dichter musikalisch in Szene zu setzen. Weder Texte noch Musik haben Dramatik in sich und dienen ganz der – zugegebenermaßen aus heutiger Sicht und eingedenk des dann bald alle hochfliegenden Gedanken hinwegfegenden Weltkrieges – naiven Hoffnung auf den „neuen Menschen“.

Von daher wäre die Frage nach dem Sinn solchen Kompositionsvorhabens zu stellen, beantwortete dieses sie nicht bereits aus sich selbst heraus: die Schilderung einer zur damaligen Zeit tatsächlich existierenden, literarisch und poetisch höchst produktiven Dichter- und Schriftstellergemeinschaft, die sich „Neue Gemeinschaft – ein Orden vom wahren Leben“ nannte. In deren Programm es denn auch hieß: „In innigster Verschmelzung von Religion, Kunst, Wissen und Leben [...] das Menschenund Menschheitsideal, die Vollendung des Einzelnen und der Gesamtheit zu verwirklichen“.1 Peter Michael Braun schuf mit seiner Kammeroper ein Klanggemälde der geistigen Strömung der damaligen Zeit, deren hehre Ziele auch heute noch oder gerade heute nottun.

Die Solisten gaben an diesem Abend ihr Trefflichstes: In den Hauptpartien überzeugte der voll tönende Bariton- Dong In Choi, „Petrus“ (Peter Hille) verkörpernd, und mit ihrem glockenklaren Sopran Elisa Rabanus, die der „Tino“ (Else Lasker-Schüler) und dem Zauber ihrer unvergleichlichen Lyrik berückende Gestalt verlieh. Auch das geschwisterliche Duett von „Najade“ (Julia Baum) und „Antinous“ (Peter Baum), dargestellt von Barbara Bergner, Mezzosopran, und Wolfram Wittekind, Bariton, war überzeugend und stimmlich gut aufeinander abgestimmt. Das Orchester spielte dynamisch differenziert und wusste die zum Teil wunderbaren musikalischen Pastellund Glitzerfarben der Komposition im Raum zu entfalten. Kein Wunder dann der verdiente, herzliche Schlussapplaus mit Bravo-Rufen. – Ein gelungener Abend!

Die weiteren Aufführungen der Kammeroper „Neue Menschen“ fanden am 2. April in der Neanderkirche Düsseldorf und einen Tag später im Zentrum für Verfolgte Künste/Kunstmuseum Solingen statt. Die Oper wurde gefördert vom Landesmusikrat NRW und der Kultur- und Sozialstiftung der Provinzial Rheinland.

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