Lehrerchen wechsel Dich

Absolute Beginners 2018/02


(nmz) -
Immer wieder ein Thema an Musikhochschulen ist der Lehrerwechsel. Die Gründe dafür sind für die Studenten ganz unterschiedlich und reichen von „einfach nicht mit dem Lehrer können“ bis zu „neue Impulse suchen“. Es gibt auch den einen oder anderen Lehrer, der Studenten zum Lehrerwechsel auffordert, weil er seinen Studenten noch neue Einsichten gönnt. Dahinter könnte aber natürlich auch stecken, dass wiederum der Lehrer nicht mit dem Studenten kann.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Wie auch immer, emotional aufgeladen ist das meistens schon, denn später sitzen die scheinbar verschmähten Lehrer in genau den Kommissionen, die über die Examensnoten entscheiden, und nicht selten wird deren Notenentscheidung davon beeinflusst, wie genau die Trennung vonstattenging. Oft spielt auch die Stimmung in der Abteilung eine große Rolle – sind zum Beispiel die Lehrer gute Kollegen mit einem freundschaftlichen Umgang, kann der Lehrerwechsel sehr unproblematisch vonstatten gehen, sind sie dagegen untereinander verfeindet, eifersüchtig et cetera kann es für dir Studenten die Hölle werden.
Manchmal frage ich mich, warum dieses Thema so aufgeladen sein muss. Denn gerade im Bereich Komposition ist der „andere Blick“ auf das Werk der Studenten eine sehr anregende Notwendigkeit. Jeder Kompositionslehrer hat seine eigenen Lieblingsthemen beim Anschauen einer Partitur, und da gibt es durchaus Wiederholungen. Im Instrumentalunterricht ist es sicherlich nicht anders, dennoch kann dort ein grundsätzliches Umstellen der Spiel/Singtechnik wesentlich dramatischere Folgen haben als zum Beispiel eine künstlerische Kritik aus einer anderen Perspektive.

Komponisten sind im bes­ten Falle Künstler und müssen sich – ob sie es wollen oder nicht – vielerlei Kritik von Publikum, Kritikern und Kollegen gefallen lassen. Je früher man lernt, mit dieser oft sehr unterschiedlichen Kritik umzugehen, desto besser wird es für die eigene Entwicklung sein. Es ist keineswegs ideal, immer nur die selbe Bestätigung zu suchen, man muss sich durchaus dem härteren Gegenwind aussetzen. Ich kann mich in meiner eigenen Laufbahn an zahllose Situationen erinnern, in denen ich durch ästhetisch radikal andere Positionen richtiggehend herausgefordert wurde, das konnte auch laut bis unangenehm werden. Das musste nicht bedeuten, dass ich mein eigenes Schaffen grundsätzlich in Frage stellte, zwang mich aber im Nachhinein das „Warum“ meiner Musik besser artikulieren zu können.

Deutscher Kompositionsunterricht hat im Ausland den Ruf, in dieser Hinsicht recht unerbittlich zu sein.

Die Lehrer halten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, und es soll auch schon vorgekommen sein, dass Partituren im Mülleimer landen oder Komponistenkarrieren an dem Druck zerbrechen. Schönberg hatte den Ruf, seine Studenten erst einmal zwei Jahre herunterzuputzen, diejenigen die dann noch blieben, begannen ihn dann dezent zu interessieren. In England oder Amerika ist es zum Beispiel dagegen viel üblicher, zum Studenten höflich und nie niederschmetternd zu sein, Stücke sind nie misslungen sondern stets „interesting“. Dafür sind aber die Kompositionsklassen wesentlich offener, niemand ist belei­digt, wenn man mal den Kollegen des Lehrers Partituren zeigt und Rat von Dritten einholt.

Ich sehe in übergroßer eigener Strenge kein großes pädagogisches Potenzial, bin aber sehr froh, wenn sich die Studenten außerhalb meines Unterrichts mit anderen Positionen reiben. Deswegen bin ich auch sehr für das Konzept einer „offenen“ Kompositionsabteilung, bei der jeder Student mehr oder weniger zu jedem der Professoren gehen kann und insgesamt eine offene Werkstattatmosphäre herrscht, bei der sich die Studenten auch untereinander stützen und fördern. Aber diese schöne Theorie muss auch immer wieder in die Praxis umgesetzt werden, und da geht es natürlich nie so ganz glatt ab, da man es immer mit unterschiedlichen Menschen und Charakteren zu tun hat. Wenn es aber gelingt, ein offenes und freundschaftliches Verhältnis im Lehrkörper zu erzeugen, ist auch das Thema Lehrerwechsel letztlich …kein Thema.

Lehrerchen wechsel Dich

Das ist ja wohl ein Bericht aus der parallelsten aller möglichen Parallelwelten.


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