Leistungsschau junger Ensembles

Das WERFT-Festival des Kölner Netzwerks ON


(nmz) -
Sie brummt, schnurrt, knistert, knackt. Die Kölner Szene der Neuen Musik ist vitale Brutstätte, hochenergetischer Durchlauferhitzer und Sprungbrett. Die Klage über den verlorenen Ruf als einstige „Welthauptstadt der neuen Musik“ gehört inzwischen ebenso der Vergangenheit an wie die heroische Avantgarde der 1950er- und 60er-Jahre.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Nachdem bis Anfang des Jahrhunderts Kürzungen, Abwanderungen, Mittelmaß und Stagnation vorherrschten, kam die Wende zum Besseren: 2003 zog das Ensemble Musikfabrik von Düsseldorf nach Köln, 2008 formierte sich das bis heute aktive Netzwerk „ON – Neue Musik Köln“ und die Stadt stellte im Rahmen eines Musikförderkonzepts endlich mehr Mittel für die freie Szene zur Verfügung. Und seit 2007 beziehungsweise 2009 ziehen die Kompositionslehrer Michael Beil und Johannes Schöllhorn wieder weltweit Studierende an die Hochschule für Musik und Tanz.

Sicht- und hörbares Zeichen der neuen Blüte sind etliche junge Ensembles für Neue Musik, die in den vergangenen Jahren vor allem von Studierenden und Absolventen der Kölner Hochschule gegründet wurden und die vor Ort reichlich Auftrittsmöglichkeiten bei verschiedenen Veranstaltern und vor allem Festivals finden: Acht Brücken, Tripclubbing, Forum neuer Musik, Romanischer Sommer, Kölner Musiknacht, Kölner Gesellschaft für Neue Musik und vor allem durch ON. Im Herbst 2012 hatte das Netzwerk schon einmal Konzerte unter dem Titel „ON-Temporary“ zu einem Festival
gebündelt. Jetzt präsentierte das Team um Daniel Mennicken und Manuel Schwiertz unter dem Logo „WERFT“ ein „Ensemble Festival für Neue Musik“ mit fünf jungen Formationen und der längst international etablierten Musikfabrik. An drei Tagen waren in Komed-Saal und Studio Musikfabrik des Kölner Mediaparks fünf gut besuchte Konzerte mit insgesamt zehn Stapelläufen neuer Stücke zu erleben: Eine geballte Schau unterschiedlicher Programmatik, Spielkultur und Leis­tung.

Den Anfang machten die seit 2007 bestehenden „Kölner Vokalsolisten“ im Wechsel mit dem 2011 gegründeten Kammerensemble „hand werk“. Die Vorliebe der Sänger für Musik der Renaissance zeigte sich in Stücken von John Taverner sowie der beiden Düsseldorfer Trojahn-Schüler Valentin Ruckebier und Anno Schreier. Als stilistisch eigenständig hoben sich die madrigalesken „operattles“ von Christina Messner ab. Deren szenisch-sprechende Gestaltung einzelner Worte und Verse Shakespeares hätte allerdings von den Sängern mehr rhetorisch-gestische Präg­nanz erfordert. Höchste Konzentration, Präzision und Präsenz entfalteten die sechs Musiker von hand werk, obwohl sie in Stücken von Sarhan, Filidei, Barden und Löffler nicht mit ihren angestammten Instrumenten auftraten, sondern fachfremd als Perkussionisten, Vokalisten und Elektroniker. Umso mehr faszinierten ihre Leistungen: reif für nationale und internationale Podien.

Wie dort die Wechsel zwischen Vokal- und Instrumentalensemble, justierten im überlangen Konzert des 2009 gegründeten Ensemble Garage verschiedene Kombinationen von Ins­trumentalklängen und Elektronik die Wahrnehmung stets neu. Dank der Reihe „Departure“ des Studios für Elektronische Musik der HfMT Köln gab es vor allem neue Stücke von Studierenden. Dabei wurden Instrumentalklänge jedoch teils wenig einfallsreich verhallt, geloopt und durch den Raum geschickt. Aufhorchen ließen Marco Momi mit im Innenklavier platzierten Transducern und Benjamin Grau mit einem elaborierten Geflecht aus dicht ineinander verwobenen Flöten-, Schlagzeug- und elektronischen Störgeräuschen. Für willkommene Irritationen sorgten die assoziationsreichen Text-, Video- und Klangcollagen von Steffen Krebbers zombihafter „Laufzeitumgebung“ sowie Niclas Thobabens ironisch-theatraler Madonna- und Death-Metal-Mix „Finish it!“.

Zu „electronic ID“ formierten sich 2014 Studierende der HfMT Köln, um bevorzugt intermediale Stücke jüngerer Komponisten des 21. Jahrhunderts aufzuführen. Infolge zu einseitiger Programmwahl stellten sich die jungen Musiker jedoch meist in den Schatten von großformatig projizierten, wahlweise epischen oder bunt collagierten Videos. Einzig bei Julian Sifferts hochenergetischem „Needle’s Drop“ konnten sie richtig zeigen, was in ihnen steckt, ein förderwürdiges Potential, das sich durch kontinuierliche intensive Zusammenarbeit und mehr Konzerterfahrung weiter entfalten wird. Als Uraufführung spielte man das bittere Stück „Death and Wellness“ des jungen Polen Mikołai Laskowski. Dessen Video zeigte in klischeehafter Grellheit gängige Werbeversprechen: Ein ekelhafter Ausverkauf des menschlichen Strebens nach Gesundheit, Reinheit, Familie, Erfolg, Wohlstand, Glück.

Erstklassig spielte das Ensemble Musikfabrik unter anderem Gordon Kampes schillernde Maria-Callas-Hommage „Zwerge“ mit vernuschelten Sopran-Samples und primadonnenhaften Soli von Geige und Trompete. Auf bestem Weg in die Spitzenklasse ist das 2010 von Stipendiaten der Internationalen Ensemble Modern Akademie gegründete Ensemble „MAM. Manufaktur für aktuelle Musik“. Die Formation vereinigt erstklassige Musiker von großer individueller Strahlkraft, darunter Paul Hübner, der jüngst am Theater Basel als „Michaels“-Trompeter in Stockhausens „Donnerstag“ begeisterte. Die Kölner Dirigentin Susanne Blumenthal verbindet die exzellenten Instrumentalisten zu einem punktgenau agierenden Kollektiv, das in jeglicher Hinsicht begeistert, durch Spielfreude, Intensität, Präzision und Programmwahl: vielseitig, überraschend, frech, packend. Die Goldene Palme für MAM!

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