Licht und Lichtgestalten

Die Dresdner Musikfestspiele feiern sich und einen neu komponierten Luther-Film


(nmz) -
Licht. Kaum hätten sich die Dresdner Musikfestspiele zum 40-jährigen Jubiläum ein schöneres Motto wählen können, sind mit ihm als Lebenselixier, ­so Intendant Jan Vogler, doch Aufklärung, Freiheit, Transparenz und Energie verbunden. Was das für die Musikfestspiele selbst bedeutet, macht ein kleiner Rückblick deutlich: Standen ab 1978 zunächst Themen des Musiktheaters im Vordergrund, waren es nach 1990 geo­grafische, historische oder auch ideengeschichtliche Schwerpunkte, unter denen das traditionell weit gefächerte Programm subsumiert wurde.
Ein Artikel von Michael Kube

Und der internationale Rang, auf den die Musikfestspiele von Anfang an abzielten, ist noch heute durch namhafte Solisten, Ensembles und Orchester präsent. Doch während andere Festivals den langen, spielzeitfreien Sommer verkürzen helfen, sind die Dres­dner Musikfestspiele traditionell in der laufenden Saison verankert – bei aktuell 59 Konzerten ohne Zweifel eine planerische Herausforderung. Doch ob dies auch eine Chance für alle Spielstätten und Kulturschaffenden der Stadt bedeutet? So sind zwar die Sächsische Staatskapelle wie auch die Philharmoniker integriert, aber eben doch nur mit jeweils einem einzigen Konzert ihrer regulären Abo-Programme – kaum mehr also als jeder andere gastierende Klangkörper, während das eigene Festspielorchester mehrfach im Kalender aufscheint.

In welch unterschiedlichen Farben das zusammenfassende Licht-Motto dramaturgisch gebrochen wurde, zeigte vor allem das Prisma einiger Orchesterkonzerte: vom per aspera ad astra in Brittens dunkler Sinfonie mit Solo-Cello und Schumanns blühender Frühlings-Sinfonie (City of Birmingham SO an der losen Leine von Gustavo Gimeno) über einen Streifzug durch Smetanas böhmisches Vaterland (Tschechische Philharmonie brillant und erfrischend unter Petr Altrichter) sowie Schostakowitschs motivisch durchleuchtete 1917er-Sinfonie (ein Heimspiel für die Dresdner Philharmoniker und Michael Sanderling) bis hin zu einem archaisch erschütternden Sacre du printemps (hr-Sinfonieorchester unter Andrés Orozco-Estrada).

Ein markanter Höhepunkt hätte auch der als „Filmkonzert“ angekündigte Vorabend des Pfingstfestes werden können, mit dem die Dresdner Musikfestspiele ihren eigenen, keineswegs gefällig erscheinenden Beitrag zu „500 Jahre Reformation“ leisten wollten. Vielmehr stellte sich die Idee, einen letztlich tendenziösen Stummfilm von 1927 mit einer neuen Musik zu begleiten, für alle Akteure als keinesfalls leicht zu bewältigende Aufgabe dar. So war der Luthers Biografie nachzeichnende Streifen (Regie: Hans Kyser) bereits in seinem Urzustand derart satirisch und ideo­logisch aufgeheizt gewesen, dass er schon damals mehrfach mit der Zensur in Berührung kam. Auch für das Dresdner Projekt wurde das 122 Minuten lange, im Bundesfilmarchiv aufbewahrte Original auf nunmehr 70 Minuten nicht nur eingekürzt und neu geschnitten (Fernando Carmena, Europäische FilmPhilharmonie), sondern im letzten Drittel unter dem eingefügten Zwischentitel Luther viral auch zeitgemäß über­formt (durch den Videoartisten Lillevan). Diese Fassung diente wiederum Sven Helbig als Grundlage für seine nunmehr uraufgeführte Partitur, die damit weder zu der (erhaltenen) Originalkomposition von Wolfgang Zeller in Konkurrenz steht, noch zu den Live-Improvisationen, mit denen Stephan von Bothmer seit Anfang des Jahres durch die Republik zieht. Dem historisch fernen Sujet, dem bereits zum Dokument erstarrten Film und seiner aktuellen Fassung begegnete Helbig mit einer weiteren Distanzierung durch live eingespielte Electronics und mit einem chorischen Kyrie eleison und Agnus Dei.

Sie glichen einem assoziativen Kommentar, bevor die Musik später dann doch zur klösterlichen Selbstkasteiung durch das Dies irae und zur Romreise mit einem Pilgerlied dem Geschehen nacheilte. Dass sich die Komposition über den mehrfachen Wechsel zwischen den Electronics und dem voll besetzten, jedoch keineswegs vielschichtig beschäftigten Orchester so Schritt um Schritt dem Film annäherte,­ mag dabei als dramaturgisches Konzept durchgehen – nicht jedoch die sich zähflüssig ziehenden Klangklumpen, die im revolutionären Bildersturm geradezu plakativ explodierten. Hier ging zugunsten des Effekts die anfänglich spürbare Reserve endgültig verloren und ließ den von der Kanzel herab mahnenden Luther tatsächlich als die aufklärerische Lichtgestalt erscheinen, die doch überwunden werden sollte. Daran konnte auch der orchestrale Epilog kaum mehr rütteln, auch wenn auf der Leinwand (offenbar im Sinne einer zyklischen Anbindung) nochmals die anfänglichen Nebel um ein Wegekreuz aufstiegen. So muss offen bleiben, was mit diesem Luther-Projekt gewonnen wurde. Die akustischen wie visuellen Überformungen blieben jedenfalls für sich stehen, ohne dass wirklich Neues, gar Innovatives entstand. Am Sinfonieorches­ter, dem Rundfunkchor des MDR und dem engagiert synchronisierenden Kristian Järvi hat es sicherlich nicht gelegen. Um der Chronistenpflicht zu folgen: Schon am Tag vor dieser Uraufführung erklang in der Leipziger Peters­kirche eine als „Suite“ angekündigte verkürzte Fassung der Partitur.

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