Liebenswürdige Randnotiz

Joachim Raffs „Dame Kobold“ in Regensburg wiederaufgeführt


(nmz) -
Die gute (oder schlechte?) Nachricht vorweg: Nein – die Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts muss nicht umgeschrieben werden. Joachim Raffs komische Oper „Dame Kobold“ erwies sich bei ihrer mutmaßlich ersten Wiederaufführung seit der Weimarer Premiere von 1870 lediglich als liebenswürdige Randnotiz der Theaterhistorie.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Dass Regisseurin Brigitte Fassbaender und Dirigent Tom Woods bei ihrer Kürzung ausgerechnet die spritzigsten Szenen weggelassen haben, ist wenig wahrscheinlich. Es liegt also wohl am Stück selbst, wenn dessen komödiantischer Drive eher biedermeierlich daherkommt. Paul Reber ist es einfach nicht gelungen, den feinen, hintergründig-melancholischen Witz von Calderóns Vorlage „La dama duende“ (1629) in ein elegantes, die Musik mitdenkendes Libretto zu verwandeln. Da holpert es dann leider auch bisweilen in Raffs Vertonung, wobei die oft falschen Namensbetonungen (Don Júan, Donna Angéla) nur die ohrenfälligsten Beispiele sind.

Auf der anderen Seite zeigt der Schweizer Komponist, den man hauptsächlich mit Liszts Weimarer Wirkungskreis assoziiert, ohne dass seine Musik im eigentlichen Sinne als „neudeutsch“ zu bezeichnen wäre, aber beachtliches melodisches Talent. Vor allem die Cavatinen und Ensemblenummern gehen so unmittelbar ins Ohr, als würde man sie schon immer kennen. Zu Raffs Orchestrierung – seine Symphonien weisen ihn hier als höchst versiert aus – kann man sich anhand der Regensburger Premiere leider kein Urteil bilden, musste Tom Woods doch eine reduzierte Fassung für etwa 20 Musiker erstellen. Die klingt in der hochwertigen Realisierung durch das Philharmonische Orchester luftig und einnehmend. Nur mit der bei Raff nicht vorgesehenen Harfe als Bindemittel hat er es ein wenig zu gut gemeint: Wenn der wackere Oreste Cosimo als Don Manuel dazu singt, changiert das unvorteilhaft zwischen Tannhäuser und Operette. Als nettes Kostümdetail (Anna-Sophie Lienbacher) trägt er grüne Hosen, eine Anspielung auf eine weitere berühmte Mantel- und Degenkomödie des spanischen Barock: Tirso de Molinas „Don Gil“.

Brigitte Fassbaender inszeniert den harmlosen Spuk, den die von ihrem Bruder Juan überbehütete Witwe Donna Angela mittels einer Geheimtür zum Zimmer des angebeteten Manuel anzettelt, mit souveräner Gelassenheit. Die Schwäche des Stücks, dass dabei weniger Angela, die titelgebende Dame Kobold, sondern eher ihre Zofe Beatrice federführend ist, kann sie dabei aber auch nicht kaschieren. Dementsprechend stiehlt Sara-Maria Saalmann mit ihrer Expertise in spanischem Tanz (sie leitet eine kleine Choreographie zur Ouvertüre an) und Cante jondo (begleitet von Gitarrist Rainer Stegmann singt sie zu Beginn des 2. Aktes „El café de Chinitas“ von Federico García Lorca) den Protagonisten zeitweise die Show.

Anna Pisareva holt aus der dankbaren Titelpartie allen silbrigen Vokalglanz heraus, Johannes Mooser gibt den Don Juan mit bewundernswertem Mut zur Lächerlichkeit, Oliver Weidinger bringt als Manuels Diener Rodrigo eine sympathische Brummelnote ein.

Man darf gespannt sein, was sich da an Ausgrabungen noch tut: 2022 jährt sich des Komponisten 200. Geburtstag.

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