„Love it or leave it!“

Nils Wograms „kleiner Schatz“ in der Box


(nmz) -
„Love it or leave it!“ Ein Satz, den Nils Wogram blind unterschreiben würde. Künstlerische Freiheit bedeutet dem Posaunisten viel, ohne dass dabei die Erwartungen des Publikums ignoriert werden. Mit Root 70 hat sich der gebürtige Braunschweiger „über Jahrzehnte ein Vertrauen erspielt“, welches dazu geführt hat, dass „das was die Zuhörer gern hören und das was wir gern spielen möchten“ in Einklang gebracht werden konnte.
Ein Artikel von Michael Scheiner

Seit zwei Jahrzehnten praktiziert der in Zürich lebende Musiker und Komponist diese musikalisch-künstlerische Freiheit mit Root 70, der beständigsten Band seines breit gefächerten Kosmos an Kooperationen, künstlerischen Partnerschaften, Ensembles und Side­man-Tätigkeiten. Heuer blickt er mit  Hayden Chisholm (sax), Matt Penman (b) und Drummer Jochen Rückert auf deren 20-jähriges Bestehen. Das sollte mit einer Jubiläumstour im Frühjahr musikalisch gefeiert werden und ist – wie so vieles in diesen lähmenden Zeiten – zwischen den Mühlsteinen der Pandemie zermahlen worden. Trost, wenn man so will, gibt es mit einem zu edlem Gebinde gefassten Medienpaket. Die „2000-2020 Anniversary Box“ beinhaltet die gesamte Diskographie der Band, acht CDs und eine Langspielplatte, eine ausführliche Bandgeschichte, die sich über Fotografien erzählt, und einen USB-Stick mit allen Videos.

Zwei Jahrzehnte in unveränderter Besetzung zu musizieren ist bemerkenswert und nicht oft anzutreffen. Bei Root 70 ist es besonders beeindruckend, weil die Band nicht gerade den einfachsten Weg gewählt hat. Kennengelernt haben sich die vier musikalisch wie persönlich eigenständigen Charakterköpfe über die Musikhochschule Köln, wo drei von ihnen studierten. Im Frühjahr 2000 spielte das Quartett unter dem neuen  Namen auf dem Moers-Festival sein erstes Konzert. Es gelang den Musikern auf Anhieb einen symbiotischen Bandsound zu kreieren. Die Basis dafür ist ein Gefühl über ein ähnliches musikalisches Wertesystem und einer vergleichbaren Grundästhetik. „Ebenso wichtig ist aber, dass wir uns gegenseitig machen lassen“, hebt Wogram hervor. „Ich erinnere mich an diverse Situationen, in denen ich dem Impuls nachgeben wollte zu sagen, kannst du mal etwas lauter spielen, oder kannst du da mal mehr Gas geben. Aber dann dachte ich mir, die anderen haben ja ihren eigenen Kopf.“ Aus dem Aufeinandertreffen dieser Persönlichkeiten hat sich der Bandsound von Root 70 herausgebildet, der auf die Jazztradition rekurriert ist und diese gleichzeitig konsequent weiterdenkt.

Diese Konstellation ist für Wogram, der als erster Posaunenspieler 2013 mit dem Albert-Mangelsdorff-Preis (Deutscher Jazzpreis) ausgezeichnet worden ist, ein „kleiner Schatz, für den es sich lohnt, hart zu arbeiten“. Die Früchte dieser Arbeit können Musikliebhaber aktuell mit der umfangreichen Box genießen. Sollte im Herbst die Jubiläumstour nachgeholt werden können, informieren wir sie über die Termine.

nwog-records.com/20-years-root-70/

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