Macbeth als gehobene Orchestrationslehre

Startschuss der Kritischen Ausgabe der Werke von Richard Strauss


(nmz) -
So manches Großprojekt wurde schon euphorisch in Angriff genommen, um irgendwo quasi auf halber Strecke krachend zu scheitern. Also hält man sich in Deutschland lieber korrekt und bescheiden, wenn die gesicherte Projektlaufzeit keine Gesamtausgabe zulässt, und so haben wir es hier mit der ‚Kritischen Ausgabe’ der zentralen Werkblöcke von Richard Strauss zu tun: Sämtliche Bühnenwerke und genuinen Orchesterwerke, das gesamte Sololied- und Kammermusikschaffen wird im Lauf der nächsten Jahrzehnte unter Aufsicht der musikwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München vom Wiener Verlag Dr. Richard Strauss in Verbindung mit den Hauptverlegern Boosey & Hawkes, Edition Peters und Schott Music, die nur noch bis Ende 2019 die Exklusivrechte an den Originalwerken halten, erstmals quellenkritisch neu herausgegeben.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Ganz besonders gespannt bin ich da auf die Editionen der Orchesterlieder, die ja in der Ausgabe der Orchesterwerke der Richard Strauss-Edition (erhältlich bei Edition Peters) nicht enthalten sind und bisher teils in recht erbärmlichem Material vorliegen.

Was die Kritische Strauss-Ausgabe nicht beinhaltet, sofern sie nicht doch dereinst in Verlängerung der Laufzeit zur Gesamtausgabe erweitert wird, sind die Chorwerke, Klavier-Solowerke (die, allesamt früh entstanden, bereits gewissenhaft ediert sind), die Melodramen und vokalen Ensemblewerke, die von Strauss verfassten Bearbeitungen von Musik anderer Meister, und die von ihm angefertigten Orchesterauszüge aus Bühnenwerken (letztere hätten eigentlich als vielgespielte Bestandteile seines Orchesterschaffens dazugehört). Die Edition beginnt mit einem düsteren Paukenschlag: mit der in der Urfassung nach der verkappten Programm-Symphonie ‚Aus Italien’ entstandenen ersten Tondichtung ‚Macbeth’ op. 23, die von ihren Nachfolgern ‚Don Juan’, ‚Tod und Verklärung’ und ‚Till Eulenspiegels lustige Streiche’ überstrahlt wurde und seit jeher ein Schattendasein im Konzertleben führt. Nun ist die 1887-88 entstandene Urfassung des ‚Macbeth’ allerdings nicht mehr zugänglich (nur wenige Seiten des verworfenen Schlussteils konnten aufgefunden werden und sind in der vorliegenden Ausgabe im Autograph wiedergegeben). Sie wurde nie aufgeführt und man weiß Genaueres nur aufgrund der pointierten Kritik Hans von Bülows am triumphalen Schluss, solches sei wohl in Beethovens Egmont-Ouvertüre gerechtfertigt gewesen, es könne „eine sinfonische Dichtung Macbeth doch nicht mit dem Triumph des Macduff“ enden. Diese ursprüngliche Behandlung des Stoffes offenbart bereits die zentrale Schwäche Strauss’, seinen mangelnden Tiefgang, den auch höchste Kunstfertigkeit nicht wirklich auszugleichen vermag. Noch 1888 erstellt er eine neue Fassung, nunmehr mit tragischem Schluss.

Jedoch war er selbst nicht wirklich überzeugt, und als sich dann vor dem ‚Macbeth’ die großen Erfolge von ‚Don Juan’ und ‚Tod und Verklärung’ einstellten, war er mit der für seine gewachsene Erfahrung nunmehr zu dicken und undurchsichtigen Instrumentation nicht mehr zufrieden. Erst im Winter 1890-91 unterzog Strauss die Zweitfassung seines ‚Macbeth’ einer gründlichen Revision, die, sieht man von der Verlängerung eines wilden Streicher-Übergangs um vier Takte ab, fast gar nichts an der Gestalt des Werkes änderte, sich jedoch in unzähligen Details der Orchestrierung niederschlug, deren auffälligstes Merkmal die Hinzufügung einer Basstrompete ist, und von denen nur wenige Takte verschont blieben. Nie wieder hat Strauss danach eine solche Kärrnerarbeit auf sich genommen. Nun hatten die Herausgeber eine wirklich glänzende Idee: Sie machten aus dem Band eine Art gehobenes Lehrbuch der Orchestration, indem sie durchgehend die jeweiligen Seiten der beiden Fassungen einander gegenüber abbilden und dem Studierenden so die einmalige Gelegenheit bieten, dem Großmeister unter den Kapellmeisterkomponisten bei der Feinabstimmung des Orchesterklangs auf die Finger zu schauen.

Natürlich ist bei der unerhörten Detailfülle und figurativen Belebtheit der Strauss’schen Partituren, dass der mitgegebene kritische Bericht nur so wimmelt vor Richtigstellungen von Kleinigkeiten, denn nicht zuletzt hat damals die Tatsache, dass die ganze musikalische Welt ungeduldig auf jedes neue Werk von Strauss wartete, bei der Publikation zu Eile und damit zu einer Menge von Flüchtigkeitsfehlern geführt. Wir haben also hier einen von Stefan Schenk und Walter Werbeck wahrhaft pedantisch gesäuberten Urtext vor uns, der nunmehr das Maß der Dinge ist.

Auch ist bereits der erste Band mit Klavierliedern erschienen, herausgegeben von Andreas Pernpeintner und mit einem hochinteressanten und das Wesentliche klar gliedernden Vorwort versehen. Er enthält die Liedzyklen von Opus 10 bis Opus 29 (also bis 1895) und einzelne im selben Zeitraum entstandene Lieder sowie abweichende Fassungen, darunter den Erstdruck der autorisierten Spätfassung von ‚Breit über mein Haupt’ von 1944. Ein sehr wertvolles Unterfangen.

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