Männerchöre – ein deutsches Thema?

Der Landesmusikrat Hamburg betreibt bundesweit vorbildliche Imagekorrektur


(nmz) -

Musikvermittlung hat sich bundesweit vielerorts als Terminus Technicus für das weite Tätigkeitsfeld der Konzertpädagogik etabliert. Dass damit auch das Konzert-bezogene Singen und eine entsprechend geförderte Chorarbeit gemeint sein können, hat das Hamburger Chorfest „Jungs mit starker Stimme“ jüngst bewiesen. Welch breiter Vielfalt die Herangehensweisen an eine methodisch behutsame und dennoch motivierende Stimmbildung dabei unterliegen können, zeigt der Facettenreichtum an Möglichkeiten, mit dem sich das Singen im Knaben- oder Männerchor inzwischen entwickelt hat. Bleibt zu hoffen, dass so auch in den deutschen Berufschören das Bewusstsein für eine offensive Art der Nachwuchs- und Publikumsförderung durch Chorkonzerte für ausgewählte Ziel- und Altersgruppen weiterhin wächst.

Ein Artikel von Jörg Riedlbauer

Einmal ehrlich: Was verbindet man(n) gemeinhin mit einem Männerchor? Meist doch wohl jenes Klischee von dickbäuchigen Barden, die im rauchgeschwängerten Bierdunst von Gasthaus-Nebenzimmern den „Jäger aus Kurpfalz“ anstimmen. Zusammen mit der nicht ganz unbelasteten Geschichte des Männerchorwesens im frühen 20. Jahrhundert dürfte dieses Image mit ursächlich dafür sein, dass sich unter den rund 60.000 Chören in Deutschland immer weniger Männerchöre finden. Höchste Zeit also, hier gegenzusteuern.

Ute Hermann, die Geschäftsführerin des Landesmusikrates Hamburg, hatte da eine zündende und zugleich bundesweit vorbildliche Idee. Unter dem Motto „Jungs mit starker Stimme“ kreierte sie die „Tage der Knaben- und Männerchöre“, um zu beweisen, dass „mann“ sehr wohl singt. Und eben nicht nur das Lied vom kurpfälzischen Jäger.

Es geht eben auch hier zunächst um die Vermittlung: Wie bringt man den Mann zum Singen? Professor Elisabeth Bengtson-Opitz vom Bund Deutscher Gesangspädagogen hat da ihre ganz eigenen Vermittlungstechniken und lässt ihre Männergruppe beim Schnupperkurs erst einmal Luftballons aufblasen. Kann Mann dann aus ihrer Sicht richtig atmen, geht’s mit Gymnastik und Jogging weiter. Bengtson-Opitz holt sie also gleichsam vom Sportplatz ab; erst allmählich lässt sie auf für jeden bequeme und beliebige Töne einfache Worte wie „Hallo“ singen. So entsteht ganz natürlich ein Klang, der allmählich unter ihrer Anleitung veredelt wird.

Mit Kindern muss natürlich anders begonnen werden. Ulrich Kaiser vom Neuen Knabenchor Hamburg und Rosemarie Pritzkat vom Knabenchor St. Nikolai setzen an der kindlichen Erlebniswelt an. Anhand eines tropfenden Wasserhahns etwa schult Kaiser mit rhythmusbetonten Liedern quasi nebenbei das Takt- und Tempogefühl. Die Liedertexte werden erst nachgesprochen; darauf lässt Kaiser gezielt einzelne Wortlücken folgen, die von den Kindern ergänzt werden. Faszinierend zu beobachten, wie rasch sich schon die Vierjährigen etwas merken können. Mitunter wird der Text nur geflüstert, ein andermal sehr laut gesprochen – so entwickeln die Kinder ihr Gefühl für Dynamik.

Noten sind erst einmal tabu – erst zum Schluss verteilt Kaiser seine Blätter „für zu Hause“. So erschließt sich die Bedeutung der musikalischen Zeichensprache über den Text und das Sich-Erinnern.

Auf Noten verzichtet zunächst auch Pritzkat; die werden später, in einem eigenen Kurs, erklärt. Sie singt ihren Fünfjährigen lieber so lange vor, bis sie es können. So wird Singen zugleich zum nützlichen Gedächtnistraining. Und mit ihrer motivierenden Engelsgeduld, ihrem liebevollen Insistieren und den ebenfalls von der kindlichen Erlebniswelt ausgehenden Übungen („mach mal deine Lippen wie ein Karpfenmaul“) kommt sie in überschaubarer Zeit mit spontan aus dem Publikum herausgegriffenen Kindern zu vorzeigbaren Ergebnissen. Einen Knabenchor sieht sie dabei als geradezu ideale Ausgangsbasis für das musische Fordern und Fördern: „Jungs wollen im Rudel sein – klingt archaisch, ist aber so!“ Nur, dass in den „Rudeln“ bedauerlicherweise die weiche, kreative Seite der Söhne nicht selten zu wenig Beachtung findet: „Klischeebilder von ‚Männlichkeit‘ sind in der Erziehung noch immer vielerorts im Umlauf. Jungen werden emotional zu wenig gefördert, und in der Pubertät herrschen in den Cliquen oft Aggression, Druck oder Zwang.“ Und gerade hier entfaltet das Chorsingen seine soziale Wirkung, die weit über das rein Musikalische hinaus geht. Denn hier erfahren die Kinder Selbstbestätigung, entwickeln bei Auftritten auch Selbstbewusstsein und sicheres Auftreten. Solche Kinder müssen später nicht zuschlagen, um „wer“ zu sein oder um ihr Selbstwertgefühl zu steigern.

So erwies sich die exzellent konzipierte, hervorragend organisierte und vorbildlich durchgeführte Veranstaltung zum Volltreffer für den Landesmusikrat Hamburg.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: