Maurice Ravels Bolero in Bewegung, Bild und Raum

Die Bamberger Symphoniker luden zu einem musikalisch-visuellen Gemeinschaftsprojekt ein


(nmz) -

Auf Einladung der Bamberger Symphoniker und ihres Chefdirigenten Jonathan Nott erarbeiteten etwa 75 Schülerinnen und Schüler der Städtischen Musikschule Bamberg im Alter von zehn bis zwölf Jahren ein musik- und tanzpädagogisches Projekt zu Maurice Ravels Bolero.

Ein Artikel von Doris Hamann und Michael Forster

Unter Anleitung von drei Dozenten des Studiengangs Elementare Musikpädagogik der Nürnberger Musikhochschule, Doris Hamann, Michael Forster und Monika Utasi, trafen sich die Teilnehmer an vier Workshop-Samstagen und präsentierten die Ergebnisse in einem „open rehearsal“ in der Konzerthalle Bamberg einem großen Publikum. „Was waren das für tolle Töne, was waren das für farbenfrohe Bilder, die sich dem Besucher am Samstagvormittag beim Eintritt ins Foyer der Konzerthalle offenbarten! Die Melodie war bekannt, der ,Bolero‘ ließ grüßen. Auf Podesten durch den Raum und auf die Ebenen verteilt, stimmten hier die vier Streicher, dort ein Trompeter und oben auf der Zwischenempore die Oboe die vertrauten Motive an.“ (Fränkischer Tag, Bamberg).

Das Neue daran: Angeregt von dem spanischen Tanz hatten die Kinder die musikalischen Elemente ins Bildnerische transportiert und zeichneten nun, neben ihren im Workshop entstandenen „Kunstwerken“ in einer Art Klanggalerie, den Pinsel in der Hand, einzelne Orchestermitglieder zur Seite, in der Luft die Bewegungen nach, ein bisschen fast, als dirigierten sie.

Im weiteren Verlauf der Workshop-Präsentation stellte zunächst Chefdirigent Jonathan Nott den Bolero in kurzen Auszügen sehr anschaulich vor. Zusammengetragen in einem „Kaleidoskop“ zeigten dann die ganz in schwarz gekleideten, barfüßig das Orchester umzingelnden Musikschüler verschiedene Formationen, Sprünge, Bewegungen im Takt des Tanzes, Einblicke in das, was sie während der Tage mit dem „Bolero“ erlebt hatten. Sie hatten den „Bolero“ nicht nur gehört, sondern Grundstimmungen und musikalische Elemente aus dem Stück in der Bewegung dargestellt und auf die Leinwand gebracht, rhythmische Strukturen selbst musiziert und gemeinsam eine Choreographie erarbeitet, die die große Steigerung des Werkes sichtbar und erlebbar macht.

Hier tauchten auch erstmals die großen gelben Fächer auf, die von den Kindern selbst gebaut worden waren und in der Choreographie zum Einsatz kamen. Angeregt von verwendeten Materialien, beispielsweise einfachen Holzleisten, oder durch Wortspielereien à la „Bobobolero“ ist darüberhinaus aber auch eigene Musik entstanden.

Nicht zuletzt der so prägnante Grundrhythmus, der sich durch das ganze Werk zieht, wurde von den Kindern beeindruckend zu Gehör gebracht, mit Sticks auf den Metallgeländern von den Galerien der Konzerthalle herab.

Im letzten Teil kam nun endlich der Bolero in seiner Gesamtlänge zur Aufführung, gespielt von den Bamberger Symphonikern, von den Kindern gestaltet als Tanz mit den Fächern. Der Aufbau des Stückes, das „große Crescendo“ hatte die Pädagogen dazu inspiriert, ein Spiel-Objekt zu suchen, mit dem das große Finale beeindruckend ins Bild gesetzt werden konnte. So entstand die Idee mit dem Fächer: Zum kaum hörbaren Beginn zunächst in ruhigen Bewegungsmotiven schwebend, bot er später Möglichkeit für verschiedenste Bewegungsmuster und Raumwirkungen. „Zum großen klangmächtigen Finale öffneten die Schüler vor dem Orchester und auch vor der Orgel ihre weiten Fächer. Stürmischer Beifall, gut fünf Minuten lang, Johlen und Pfeifen. Eine einmalige Sache fürwahr, dieses Projekt „Buenos dias, Bolero“. Hoffen wir, dass noch viele Encores folgen mögen.“ (Fränkischer Tag, Bamberg).

Alle bekannten Arbeitsbereiche aus der Elementaren Musikpädagogik sind hier zum Einsatz gekommen: Singen und Sprechen, Elementares Instrumentalspiel, Bewegung und Tanz, Musikhören, Musiklehre und Instrumenteninformation. Die Erarbeitungsschritte folgten der methodischen Kette „Sensibilisierung – Exploration – Improvisation – Gestaltung“: In der Sensibilisierung findet ein erster Kontakt statt mit den vielfältigen Materialien, erste Erfahrungen mit den Bausteinen der Musik oder den Raumwirkungen. Einige Beispiele: Gleich zu Beginn wird der riesige Raum der Konzerthalle mit all seinen Treppen, Galerien und Sitzreihen von den Kindern in verschiedenen freien Bewegungs- und „Stop and go“-Spielen „erlaufen“ und so in seiner ganzen Größe erlebt. Später werden in einer Pinselmassage zunächst der Puls, dann Melodiebögen der Musik auf dem eigenen Körper wahrgenommen, beziehungsweise im Partnerspiel auf den Rücken des Partners gezeichnet.

In der Explorationphase werden alle Handlungsmöglichkeiten erforscht, die ein Material liefern kann: Welche Klänge verstecken sich in den Holzleisten, wie klingen sie gegeneinander geschlagen, wie auf der Holzbühne des Konzertsaals? Welche Bewegungen sind mit dem Fächer möglich? Wie sieht es aus, wenn …?

In der Improvisationsphase werden zusätzliche Inputs verarbeitet, Spielregeln ordnen die optischen Wirkungen, Spielanweisungen wie „Slow-motion“ oder „Nacheinander-Öffnen der Fächer im Puls der Musik“ führen zu ersten wirkungsvollen Bausteinen und Motiven, die in der Choreographie verarbeitet werden.

In der Phase der Gestaltung kommt es zu einer Festlegung, zur Bildung einer Reihenfolge, eines Ablaufs, der zwar wiederholbar ist, aber dennoch voller improvisatorischer Freiheiten bleiben kann. So wird beispielsweise der gesamte erste Teil des Fächertanzes, in dem die Kinder zunächst versunken hinter den aufgespannten Fächern auf dem Boden knien, sich dann nach und nach aufrichten und von der Bühne bewegen, bis zum Ende improvisiert nach den beiden Spielregeln „Slow-motion“ und „ich werde dein Schatten“ (bedeutet das Aufgreifen von Bewegungmotiven, die man bei einem anderen Kind sieht). Diese Art zu arbeiten erfordert von den Pädagogen ein hohes Maß an Flexibilität, an Bereitschaft, sich auf den Prozess einzulassen, auch ein großes Repertoire an weiterführenden Spielregeln und Inputs, die aus dem Entstandenen weiter entwickelt werden. Es handelt sich eben nicht um das Erarbeiten einer bereits festgelegten Choreographie oder musikalischen Gestaltung, sondern um eine stetige Wechselwirkung von Inputs und Ergebnissen. In intensiven Nachbereitungsphasen der einzelnen Workshoptage ist so eine Konzeption gewachsen, die bis zur Aufführung in Bewegung blieb.

Sehr beeindruckend war auch die Bereitschaft der Musiker, die an der Klanggalerie beteiligt waren, sich auf diese bewegliche Konzeption einzulassen: Im Vorfeld hatten sie verschiedene Aufgaben bekommen, mit dem Tonmaterial des Musikstücks improvisatorisch zu arbeiten. Die Besucher sollten hier auf vielfältigste Art und Weise angesprochen werden und eine gewisse Vorbereitung auf das Geschehen auf der Bühne erleben. Dabei konnten sie Parallelen zwischen dem Bild, den Pinselbewegungen des Kindes und den Motiven der Musik erkennen. Durch die Verantwortung des Kindes, wann etwas zu hören sein würde, wurde es mit dem Musiker zum Komponisten für die im Raum entstehende Klangkomposition. Um es mit den Worten des Orchestermanagers der Bamberger Symphoniker, Marcus Rudolf Axt, zu sagen: „… was in diesen vier Probenwochenenden passiert ist, ist wirklich erstaunlich!“

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