Mehr als die Summe seiner Teile

Das FORUM Wissenschaft | Bibliothek | Musik


(nmz) -
Das architektonische Nebeneinander von Alt und Neu hat in der Hochschule für Musik Detmold Tradition. Vom denkmalgeschützten Fürstlichen Palais über das imposante Konzerthaus von 1968 bis zum jüngst errichteten Musikkindergarten bilden mehr als zehn Gebäude unterschiedlichster Couleur rund um den historischen Palaisgarten ein harmonisches Ganzes.
Ein Artikel von Jelka Lüders

Nach achtjähriger Planungszeit wurde mit dem FORUM Wissenschaft | Bibliothek | Musik nun ein Areal geschaffen, das nicht nur eine bedeutende Erweiterung des Hochschulcampus darstellt, sondern zugleich als städtebauliches Entree in die Detmolder Innenstadt fungiert und wie ein bislang fehlendes Puzzleteil gleich fünf Institutionen inhaltlich und geografisch miteinander verbindet: die Hochschule, das Musikwissenschaftliche Seminar Detmold/Paderborn, die Lippische Landesbibliothek /Theologische Bibliothek und Mediothek, das Netzwerk Musikhochschulen für Qualitätsmanagement und Lehrentwicklung und das Landesarchiv NRW.

Herzstück des 7,6 Millionen Euro teuren Bauvorhabens ist ein Bibliotheksgebäude, das die Bestände von drei zuvor getrennt agierenden Bibliotheken zusammenfasst: Die musikbezogene Literatur der Lippischen Landesbibliothek, die Bibliothek des in Detmold ansässigen gemeinsamen Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Paderborn und der HfM Detmold sowie die Hochschulbibliothek. Auf 1.860 m² Hauptnutzfläche befinden sich nun mehr als 170.000 Bücher, Noten, Tonträger und weitere Medien. „Die meisten von ihnen sind im Gegensatz zu früher frei zugänglich – und das nicht nur für unsere Studierenden und Lehrenden, sondern auch für interessierte Bürgerinnen und Bürger“, erläutert Hochschulrektor Prof. Dr. Thomas Grosse einen der wesentlichen Vorteile des neuen Gebäudes. 17 Computer- und Katalogarbeitsplätze, 17 einzeln beleuchtete Lese- und zehn Medienarbeitsplätze sowie ein Studioraum mit weiteren Audio- und Videoarbeitsplätzen bieten den Nutzern optimale Bedingungen.

Ein gläsernes Foyer verbindet den Neubau mit dem klassizistischen Gebäude der Lippischen Landesbibliothek – auch hier ein bauliches Zusammenwirken von Tradition und Moderne, aber vor allem auch eine institutionelle Kooperation, denn im Foyer befindet sich der nun von beiden Einrichtungen gemeinsam betriebene Ausleihtresen. „Die Studierenden haben somit einen direkten Zugriff auf den Bestand der Landesbibliothek, darunter eine reichhaltige und außerordentlich wertvolle Sammlung an Rara“, so Alt-Rektor Prof. Martin Christian Vogel, der das Projekt FORUM zusammen mit Kanzler Hans Bertels seitens der Hochschule initiiert und von den ersten Planungen bis zum Richtfest vorangebracht hat. Als hilfreich bei den komplexen Absprachen zur Umstellung auf ein gemeinsames Bibliothekssystem habe es sich erwiesen, dass gerade im Bereich der Musikwissenschaft schon lange ein freundschaftliches fachliches Miteinander gepflegt wird, so etwa bei den Forschungsprojekten „Lippes Grüner Hügel“ oder „Detmolder Hoftheater“.

Im Neubau untergebracht sind auch die Lehrenden und Mitarbeiter des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn. Die unmittelbare Nähe zu den beiden Bibliotheken ist für sie, aber auch für die Studierenden ein enormer Gewinn, denn nach wie vor steht die Arbeit mit dem Medium „Buch“ im Zentrum der Musikwissenschaft. „Das Internet ersetzt nicht die Recherche mit Büchern und Zeitschriften, sondern ergänzt sie“, konstatiert Rebecca Grotjahn, Professorin für Musikwissenschaft und Geschäftsführende Leiterin des Musikwissenschaftlichen Seminars. Bei ihren Studierenden stellt sie ein wachsendes Bewusstsein fest, dass Internet-Recherche qualitativ nicht immer dem standhält, was Bibliotheken bieten. Außerdem: „Man liest ein Buch anders, wenn man es in der Hand hält.“

Parallel ist gerade das Musikwissenschaftliche Seminar Detmold/Paderborn jedoch auch einer der Vorreiter im Bereich der digitalen Erschließung und Nutzbarmachung von Medien. Befasste sich schon das viel beachtete Forschungsvorhaben „Edirom“ mehr als zehn Jahre lang mit der Entwicklung von Werkzeugen für digitale Formen wissenschaftlich-kritischer Musikedition, so wurde im Herbst 2014 mit dem Zentrum Musik – Edition – Medien (ZenMEM) in Kooperation mit der Hochschule OWL ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,7 Euro gefördertes Kompetenzzentrum im Bereich der Digital Humanities gegründet, das jetzt im FORUM beheimatet ist. Ebenfalls auf dem Areal des FORUM arbeitet das Zentrum für Musik- und Filminformatik (ZeMFI) an der technischen Unterstützung von kreativen Prozessen von Musikern, Komponisten, Tonmeistern, Filmschaffenden, darstellenden Künstlern, Musikwissenschaftlern und Medienwissenschaftlern. Im selben Gebäude ist der Sitz von „earquake“, das die Hochschulaktivitäten im Bereich der experimentellen Musik bündelt. So entstehen auf engstem Raum mannigfaltige Kooperationen und Synergien.

Als das FORUM Ende September im Beisein gleich zweier Ministerinnen feierlich eingeweiht wurde, überreichte jeder Festredner Rektor Thomas Grosse ein Buch über Musik. Die Bücher haben in die Bibliothek des FORUM Eingang gefunden und stehen symbolisch für die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Tatsächlich interagieren an nur wenigen deutschen Hochschulstandorten beide Disziplinen so eng wie in Detmold. Bei der Umstellung auf das gestufte Studiensystem wurde auf eine hohe Durchlässigkeit zwischen künstlerisch-praktischen und wissenschaftlichen Studiengängen geachtet. So kann ein Bachelor-Absolvent eines künstlerischen Studiengangs beispielsweise – wenn er im Rahmen seines Bachelor-Studiums bestimmte musikwissenschaftliche Module absolviert hat – direkt in den Master Musikwissenschaft wechseln. Umgekehrt erhalten Master- und sogar Promotionsstudierende im Fach Musikwissenschaft Unterricht in einem künstlerischen Hauptfach, denn, so die Überzeugung von Rebecca Grotjahn, „Musikwissenschaft hat auch etwas mit Musik-Machen zu tun“.

Der zentrale Lesesaal des FORUM kann als Veranstaltungsort für Lesungen und Konzerte auch künstlerisch genutzt werden – noch vor Eröffnung des FORUM brachte die Opernschule der Hochschule hier beispielsweise Mozarts „La clemenza di Tito“ zur Aufführung. Zudem wurden direkt neben dem Saal acht Übezellen installiert, die die Übesituation der Detmolder Musikstudierenden verbessern. „Dies war mir von Beginn an ein wichtiges Anliegen, damit auch die ausübenden Musiker das FORUM akzeptieren und als ‚ihr‘ Haus in Beschlag nehmen“, erklärt Martin Christian Vogel die architektonische Konzeption. Für Vogel und seinen Nachfolger Grosse ist ein professioneller Umgang mit wissenschaftlicher Literatur auch im künstlerisch-praktischen Musikstudium von maßgeblicher Bedeutung, nicht nur aufgrund der musikwissenschaftlichen und pädagogischen Studienanteile, sondern auch, um im Bereich der künstlerischen Forschung neue Wege zu beschreiten.

Mit Beginn des Wintersemesters hat das FORUM seinen vollen Betrieb aufgenommen. Den Lehrenden und Studierenden, aber auch den Mitarbeitern aus Bibliothek und Musikwissenschaftlichem Seminar fiel die Eingewöhnung leicht: „Das Licht, das viele Holz, die großzügige Freitreppe und die hohen Fenster, durch die man auf die alten Baumbestände blickt – das Gebäude ist einfach so schön“, so die einhellige Meinung. Drei große, leuchtend gelbe Sessel laden im Foyer zum Lesen, Kommunizieren und Verweilen ein; eine Gestaltung des Außenbereichs mit Verbindungswegen und Sitzbänken ist in Planung: das FORUM Wissenschaft | Bibliothek | Musik als neuer Ort der Wissenschaft und Forschung, der Musik und der Begegnung im Zentrum der Kulturstadt Detmold.

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