Meisterhaftes von komponierenden Pianisten

Die Rachmaninoff-Urtext-Ausgabe und ein Weissenberg-Album


(nmz) -
Sergej Rachmaninoff: Practical Urtext Editions (based on Critical Edition). Complete Works for Piano solo. Bisher drei Bände, hrsg. von Valentin Antipov. Russian Music Publishing (Schott Music) RMP 3402, 3403, 3404 +++ Alexis Weissenberg: Piano Works. Hrsg. von Lev Vinocour. Schott ED 22923
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Sergej Rachmaninoff: Practical Urtext Editions (based on Critical Edition). Complete Works for Piano solo. Bisher drei Bände, hrsg. von Valentin Antipov. Russian Music Publishing (Schott Music) RMP 3402, 3403, 3404

Russian Music Publishing in Moskau hat mit der Kritischen Gesamtausgabe der musikalischen Werke von Sergej Rachmaninoff begonnen, die international von Boosey & Hawkes vertrieben. Und in Deutschland sind nun die ersten praktischen Ausgaben nach den Urtext-Gesamtausgaben exklusiv bei Schott Music erschienen – drei von geplanten acht Folgen der kompletten Klaviermusik: die Morceaux de Fantaisie op. 3, die Morceau de Salon op. 10 und die Six Moments musicaux op. 16; die 24 Préludes und die 18 ‚Études-Tableaux.

Es werden wohl bald die Stücke ohne Opuszahl, die Sonaten in Früh- und Spätfassung, die Variationenzyklen und die Bearbeitungen von Werken anderer Komponisten folgen. Verantwortlicher Herausgeber der ersten drei Bände ist Valentin Antipov, der auch die detailliert informierenden Vorworte geschrieben hat, die viele neue Einsichten und Anregungen enthalten. Jedem Band sind zudem viele Seiten autographer Abbildungen beigegeben, was insbesondere da sehr interessant ist, wo der Komponist offensichtlich redigiert hat. Und dann sind da – wohl für jeden ernsthaften Pianisten und Studierenden von grundlegendem Interesse – die Frühfassungen und abweichenden Versionen vieler Stücke, also im Einzelnen: das gesamte erste Buch der Études-Tableaux, op. 33, darunter auch eine ‚hypothetische Rekonstruktion der Erstfassung der 4. Étude in a-moll; die Études-Tableaux op. 39 Nr. 1 & 3; die Préludes op. 23 Nr. 2 und op. 32 Nr. 2, 3, 7, 8 und 13 und die Stücke op. 3 Nr. 3 und 5, op. 10 Nr. 5 und op. 16 Nr. 2.

Dem Band mit den gemischten Opera 3, 10 und 16 ist zudem die Fuge in d-Moll von 1891 beigegeben, eine Studentenarbeit, über deren avanciertes Thema zuvor auch schon Rachmaninoffs Lehrer Anton Arensky eine Fuge geschrieben hatte.

Herausgeber Antipov stellt klar, dass auch die bisherigen Editionen der Préludes und Études-Tableaux aufgrund von Rachmaninoffs akribischer Durchsicht sehr verlässlich waren und daher die Dringlichkeit des Urtexts geringer ist als bei manch anderem Komponisten, doch erstens ist der Vergleich der Fassungen höchst wertvoll und zweitens ist die jetzt vorliegende Urtext-Ausgabe natürlich von nun an das Maß der Dinge: Wer die Noten noch nicht hat, sollte in jedem Fall zum neuen Urtext greifen.

Und darüber hinaus erfahren wir viel Bemerkenswertes. So lässt Antipov die Unterteilung der Préludes in drei verschiedene Opus-Bereiche (op. 3 Nr. 2, op. 23 und op. 32) zur entstehungsbedingten Marginalie verblassen und betont den Gesamtwerk-Charakter der 24 Stücke in allen 24 Dur- und Molltonarten. Und vor allen Dingen zu den früheren Zyklen op. 3, op. 10 und op. 16 erfährt man viel Wissenswertes, was sich sonst nur in zeitaufwändiger Weise aus verschiedenen Quellen hätte zusammentragen lassen. Nicht überflüssig, zu erwähnen, dass das Notenbild ausgezeichnet klar und übersichtlich (und eben auch nicht zu sehr in die Breite gezerrt) ist, und dass die Kritischen Berichte nicht in die Praktischen Ausgaben übernommen wurden, wofür wir mit dem sehr freundlichen Preis von je 29,50 Euro mehr als entschädigt werden.

Alexis Weissenberg: Piano Works. Hrsg. von Lev Vinocour. Schott ED 22923

Komponierende Pianisten werden wohl immer an Chopin, Liszt, Busoni, Rachmaninoff und so weiter gemessen werden, doch der Bulgare Alexis Weissenberg (1929–2012), einer der großen Musiker des 20. Jahrhunderts, ging seinen ganz eigenen Weg. Die Öffnung für unterschiedlichste Stile, gerade auch aus dem Bereich des Jazz und der Volksmusik, bewirkte schon sein Lehrer Pantscho Vladigerov, der bedeutendste Komponist des Landes. Weissenberg, der viele Jahre lang eng mit Sergiu Celibidache zusammenarbeitete und diesem eine zweite intensive Phase der musikalischen Ausbildung verdankte, jedoch nach einem Zerwürfnis nie wieder darüber sprach, hat bei seinem Tode einige hochinteressante unveröffentlichte Werke hinterlassen, die Lev Vinocour jetzt in Zusammenarbeit mit Maria Weissenberg, der Tochter des Meisters, bei Schott herausgegeben hat.

Es handelt sich um eine Auswahl, die bezüglich der Aufmachung ein bisschen wirkt, als handele um „die“ Klavierwerke Weissenbergs, doch fehlen nicht nur die köstlichen Variationen über die Gavotte aus Prokofieffs Symphonie classique (worüber Vinocours Vorwort aufklärt), sondern vor allem auch das wichtigste Klavierwerk Weissenbergs: die einzigartige ‚Sonate en état de Jazz‘ von 1985 (die herrliche Aufnahme Simon Mulligans für Nimbus ist nach wie vor auf CD erhältlich), die in Deutschland über Sikorski zu beziehen ist.

Der Schott-Sammelband präsentiert viele Frühwerke (darunter Thema und Variationen des Elfjährigen, die ‚Manhattan Suite‘ und das Horowitz zugeeignete ‚Oh, Bach, Dear Bach! Forgive Me! Von 1948 und ‚Thème libre et variations‘ von 1952. Besonders schön ist die Etüde ‚Le regret‘ von 1962, eine herrlich schräge Mondänität der Tango ‚Mama Dracula‘ von 1975 mit einleitendem Violinsolo und finalem ”noise of broken glass” – hier möchte man gleich um die Erlaubnis zum Ensemblearrangement anfragen. Auch Kadenzen zu Mozart-Klavierkonzerten (KV 467 und 491) sind in dem Band enthalten, der beste Unterhaltung und auch ernsthaftes Vergnügen gewährleistet.

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