Mensch-Maschine in der Computerwelt

Zum Tod des „Kraftwerk“-Musikers Florian Schneider


(nmz) -
Der Flötenschlumpf fängt an, möchte man anmerken zum ersten großen TV-Auftritt von Florian Schneider-Esleben 1970 als Musiker von Kraftwerk. Im Ian-Anderson-Stil leitet er mit seiner Flöte das Stück ein, das zur ersten Erkennungsmelodie von Kraftwerk werden sollte: „Ruckzuck“. Ein Ohrwurm, der noch jahrelang herumspukte im Fernsehen, als Vorspannmusik zu „Kennzeichen D“, dem Pendant zu Löwenthals erzkonservativem „ZDF-Magazin“. „Progressive Musik“ nannte man das damals.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Den Begriff „Kraut-Rock“ haben dann später dafür die Engländer erfunden. Wobei darunter sehr unterschiedliche Bands fielen, wie die „Can“-Frickler aus Köln und die „Elektroniker“ Kraftwerk aus Düsseldorf. Anfangs war neben anderen auch noch der großartige Schlagzeuger Klaus Dinger dabei. Aber im Laufe der Zeit schrumpfte die Band immer mehr auf „Ralf & Florian“ zusammen, wie die dritte und letzte Langspielplatte von Kraftwerk vor dem großen Durchbruch hieß. Ralf & Florian, das waren Ralf Hütter und Florian Schneider, der inzwischen den Namen nach dem Bindestrich, der auf seinen berühmten Vater, den Architekten Paul Schneider-Esleben, verwies, weggelassen hatte. Aus rechtlichen Gründen sind übrigens alle drei Alben bis heute nicht offiziell wieder veröffentlicht worden. Der Katalog danach gehört allerdings zu den „Schätzen“ der deutschen Pop-Geschichte. Über den Umweg USA begann für Kraftwerk ein zweites Leben.

Auf allen amerikanischen Highways erklang 1975 aus dem Autoradio ein seltsamer Song in deutscher Sprache, der mit dem Anlassen eines Automotors begann. Letztlich drehte sich dieses hypnotische Lied nur um ein Wort, das auch in den amerikanischen Sprachwortschatz eingeflossen ist: „Autobahn“. Noch vor München (mit Giorgio Moroders Disco-Hymnen für Donna Summer) gehörte Düsseldorf plötzlich zur „City of Pop“. Als „Kinder von Wernher von Braun und Fritz Lang“ haben sich Kraftwerk damals gesehen und so haben sie gewissermaßen ein musikalisches „Remake“ von Langs „Metropolis“-Fantasie inszeniert. Kraftwerk lieferten den utopischen „KlingKlang“-Soundtrack der Gegenwart bis in die frühen achtziger Jahre hinein. Mit visionären Alben wie „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“, „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ legten sie dann auch unfreiwillig den „teutonischen“ Grundstein für Stile wie HipHop, House oder Techno.

Weil ihre Nummern plötzlich von vielen Künstlern gesampelt wurden, von Pionieren wie Afrika Bambaata, der vernarrt war in den hypnotischen „Trans-Europe Express“ und ihn in seinen Sets immer wieder spielte. Auch David Bowie war damals faszinert von diesem futuristischen Sound aus Düsseldorf. So entstand in seiner Berliner Zeit ein Track namens „V2-Schneider“. Irgendwann fuhr der Zug dann aber ohne Kraftwerk weiter, hatten die einstigen Schüler ihre „Ikonen“ in der Gegenwart überholt. Im April ist der 1947 geborene Florian Schneider gestorben. Ob ihn ein Musik-„Roboter“ ersetzen wird, wissen wir nicht.

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