Mindestens fünf Jahre ohne Orgel

Pariser Titularorganist Olivier Latry: Zu früh, um konkrete Aussagen zu treffen


(nmz) -
So richtig realisiert habe er noch nicht, was da am Montagabend Mitte April in Paris eigentlich passiert sei, sagt Notre-Dame-Titularorganist Olivier Latry, 57 – es sei zu schrecklich. Er sitzt am Donnerstagvormittag in einem Bus von Dresden nach Wien, noch immer etwas mitgenommen, wie man seiner Stimme zwischendurch durch das Telefon anhört. Erst am Tag zuvor hatte er in einer Pressekonferenz vor seinem Gastspiel im Dresdner Kulturpalast offiziell bekannt gegeben, dass die historische Cavaillé-Coll-Orgel auf der Empore zwischen den beiden Haupttürmen – mit 115 Registern und rund 8000 Pfeifen die größte Orgel Frankreichs – wohl von dem verheerenden Feuer verschont geblieben ist. Eine fast unglaubliche Nachricht. Der Schock sitzt dennoch tief.
Ein Artikel von Hannah Schmidt

Selbst gesehen hatte er das Instrument zum Zeitpunkt der Konferenz nämlich noch nicht, nur auf Fotos: „Dort sind alle Pfeifen zu sehen“, sagt er am Donnerstag. „Sie ist zwar ein bisschen schmutzig, aber sie steht!“ Das sei das Wichtigste – und es sei „ein Wunder“, überhaupt, dass „alles, was wichtig war“, Fenster, Altar, Pietà, gerettet werden konnte. Am Sonntag nach dem Feuer flog er nach Paris, wenigstens für ein paar Stunden, um die Kathedrale zu sehen. Bei der großen Hitze in der Kirche hätten am Montag die Metallpfeifen schmelzen können, das Instrument, das der damals 57-jährige Aristide Cavaillé-Coll zwischen 1863 und 1868 weitgehend neu baute und das zu den berühmtesten der Welt zählt, hätte unrettbar zerstört sein können.

So ist die größte Sorge momentan die elektrische Traktur, die der damalige Titularorganist Pierre Cochereau in den 1970er Jahren einbauen ließ, und die der Orgel ihre berühmten klanglichen und gestalterischen Möglichkeiten eröffnet und die sie ganz grundlegend unterscheidet von der original gebliebenen Cavaillé-Coll-Orgel in der Pariser Kirche Saint-Sulpice. Durch das Wasser während des Einsatzes kann der Computer Schaden genommen haben, so Latry.

Weil in der Kirche während der Aufbauarbeiten der Strom gekappt wird, wird das Instrument allein aus diesem Grund in der nächsten Zeit nicht angeschaltet werden können. Latry bezweifelt zudem, dass er im Laufe der nächsten fünf Jahre sein Instrument überhaupt wird spielen können: „Die Mauern und Stützpfeiler der Kathedrale sind nach dem Brand sehr fragil“, sagt er. „Die Vibrationen, die die Orgel verursacht, könnten da ein großes Problem sein.“

Erst einmal müsse also die Kathedrale aufgebaut werden – die zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht einmal er betreten darf. In dieser Woche begehen Experten die Kirche und entscheiden, was während des Wiederaufbaus mit der Orgel geschehen wird: „Die einzige Lösung ist im Moment, das Instrument für einige Monate in der Kathedrale zu lassen, vielleicht sogar teilweise während des gesamten Wiederaufbaus.“ Grundsätzlich sei es aber noch zu früh, konkrete Aussagen darüber zu treffen, was nach dem Brand an der Orgel gemacht werden müsse.

Die Situation jedenfalls, sein Instrument über einen längeren Zeitraum nicht spielen zu können, die kenne man als Titularorganist von Notre-Dame durchaus, sagt Latry: Allein in seiner Zeit dort, immerhin 34 Jahre, gab es zwei größere Restaurierungen, „beim ersten Mal war die Orgel drei Jahre nicht spielbar, beim letzten Mal eineinhalb Jahre.“

Doch das hier sei etwas anderes, ein „Albtraum, aus dem wir noch nicht aufgewacht sind.“ Erst nach und nach verstehe er, dass die Zerstörung des Daches der Kathedrale, die Verwüstung ihres Innenraums, die Aussicht, fünf oder zehn Jahre lang nicht mehr auf der Orgel spielen zu können, Realität sei.

Orgel und Raum seien in Notre-Dame eine Einheit, die besonders gut funktioniere. „Es ist unglaublich, die Orgel in der Kathedrale zu hören“, sagt Latry, „zu erleben, wie sie die Kirche füllt. Das Instrument ist wirklich für genau diesen Raum gebaut.“ Jedes einzelne Register der Orgel sei wie eine eigene kleine Geschichte, so viele Orgelbauer auch schon vor Cavaillé-Coll hätten über einen Zeitraum von mehreren Hundert Jahren das Instrument restauriert, gestaltet, erweitert, und gerade diese „Evolution“, wie Latry sie nennt, mache die Orgel so einzigartig. Ob die Kathedrale nach ihrem Wiederaufbau noch dieselbe sein wird? „Ich hoffe es“, sagt Latry.
  

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