Misstrauen gegen alles Militärische

Worte und Töne erinnern an die Weltkriege · Von Albrecht Dümling


(nmz) -
Nachher ist man immer klüger. Im August 1914 zogen die deutschen Soldaten noch begeistert in die Schlacht, von der sie einen schnellen Sieg erhofften. Je länger der Krieg aber dauerte und je mehr Tote und Verletzte er kostete, je mehr auch die Zivilbevölkerung leiden musste, umso mehr wich die Begeisterung der Ernüchterung. Bei Kriegsende füllten bettelnde Krüppel die Straßen.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Manche Kriegsversehrte versuchten trotz fehlender Gliedmaßen ihren Beruf fortzusetzen. So gab der Pianist Paul Wittgenstein, der seinen rechten Arm verloren hatte, mehrere Klavierkonzerte für die linke Hand in Auftrag. Das Konzert, das Maurice Ravel 1931 für ihn schrieb, erklang nun zur Eröffnung des diesjährigen Young Euro Classic Festivals in der Berliner Philharmonie. Durch Arpeggien und Pedalisierung will dieses Werk die Illusion erwecken, hier spiele ein „richtiger“ Pianist vollgriffig mit zwei Händen. Trotz eines unheilvoll düsteren Beginns wird der Eindruck von Normalität erweckt.

Viele Jahre sprach man kaum noch von diesem Weltkrieg, zumal ihm ein furchtbarerer zweiter folgte. Einhundert Jahre später aber gedenkt man heute wieder der historischen Schlachten. So begann das diesjährige Young Euro Classic Festival mit einem Podiumsgespräch über die deutsch-französischen Beziehungen von 1914 bis heute. Alfred Grosser, 89-jährig immer noch einer der wichtigsten Mittler zwischen den einstigen Erzfeinden, wies darauf hin, dass den Franzosen der verlustreiche Erste Weltkrieg viel stärker im Bewusstsein ist als der Zweite. Während aber 1919 in Frankreich Rachegefühle gegenüber Deutschland dominierten, gab es 1945 eine Mitverantwortung für das Nachbarland. Daraus entstand die Europäische Gemeinschaft, deren friedensstiftende Rolle mittlerweile leider kaum noch wahrgenommen wird.

Die Instrumentenkästen der Außenpolitik

Das militärische Engagement, das Frankreich heute in Bezug auf Afrika fordert, ist in Deutschland höchst unpopulär, wie bei diesem Podiumsgespräch Norbert Röttgen als Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses bestätigte. Grosser warnte vor einer Aufnahme der Ukraine in die EU, dies wäre eine Provokation für Russland. Die dortigen Auseinandersetzungen hatte wohl auch Frank-Walter Steinmeier im Blick, als er beim Eröffnungskonzert des Festivals in einem Grußwort die Instrumentenkästen der Musik mit denen der Außenpolitik verglich. Die Politiker produzierten oft Dissonanzen, die Musiker dagegen meist Harmonien. Musik unterstütze die Politik und spiele eine große Rolle beim Zusammenwachsen Europas. Dass dort die meisten Grenzen inzwischen verschwunden sind, sei keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Glückszustand.

Eine solche Politikerrede ist kein Fremdkörper im Rahmen von Young Euro Classic, wie Intendant Willi Steul für den Freundeskreis Europäischer Jugendorchester betonte. Diskussionen über Krieg und Frieden standen schon am Beginn des Festivals und sind auch heute wieder aktuell. Deshalb spielte bei diesem Konzert ein französisches Jugendorchester, das von Dennis Russell Davies geleitete Orchestre Français des Jeunes, neben Werken von Beethoven und Sibelius auch das erwähnte Ravel-Klavierkonzert. Am nächsten Abend ließ sich mit dem All-Russian Youth Orchestra ein weiterer ehemaliger Kriegsgegner vernehmen.

Die mehrheitliche Ablehnung von Militäreinsätzen entspringt nicht etwa einer Flucht der Deutschen aus der Verantwortung, wie ihnen immer wieder unterstellt wird, sondern der geschichtlichen Erfahrung. Das unermessliche Leid, das die Schlachten des 20. Jahrhunderts mit sich brachten, führte zur Parole „Nie wieder Krieg“, mit der jetzt die Bundespost an den Ersten Weltkrieg erinnert.

In einem tiefen Misstrauen gegen alles Militärische wurzelt auch Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“. Seine Erfahrungen an den Fronten des Zweiten Weltkriegs waren der Tiefpunkt seines Lebens. Der Komponist erkannte, dass der Krieg die Kriegführenden verändert, sie in barbarische Triebwesen und Kampfmaschinen verwandelt. Diese Botschaft, die Alban Berg in Büchners „Woyzeck“-Drama entdeckt hatte, fand er in dem Schauspiel „Die Soldaten“ von Jakob Michael Reinhold Lenz. Zimmermanns Oper, ein bis 1965 als unaufführbar geltendes Meisterwerk, kam nun kurz nacheinander in Zürich, München und Berlin heraus. In seinen Inszenierungen in Zürich und Berlin betonte Calixto Bieito die Gewaltsamkeit des Militärapparats, der gleich zu Beginn langsam und bedrohlich auf die Zuschauer vorrückte. Zimmermann hatte seine Oper im „gestern, heute und morgen“ verortet und mit einem Ausblick auf den Atomkrieg beschließen wollen. Bei Bieto, der das Orchester mitten auf der Bühne in militärischen Tarnanzügen auftreten ließ, endete sie dagegen mit gewaltig anschwellenden Marschtritten und mit Scheinwerfen, die das Publikum blendeten.

Zimmermanns „Soldaten“ als Pflichtbesuch für Politiker

Noch mehr als die Soldaten leiden die Zivilisten unter den Kriegen. Auch dies ist eine Botschaft von Zimmermanns Bühnenwerk. Angesichts der weltweit dramatisch zunehmenden Zahl von Flüchtlingen, nicht zuletzt in Syrien und dem Irak, wäre der gegenwärtigen Bundesregierung, die auch diktatorische Regimes mit Waffen beliefert und ein Ende der militärischen Zurückhaltung fordert, ein Besuch dieser Oper dringend zu empfehlen. In den Instrumentenkasten der Politik gehören eher Jugendorchester als Panzerfabriken.

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