Mit dem Klavier allein ist es nicht getan

Breitenförderung: Die neue Bechstein Stiftung mit ersten Aktivitäten


(nmz) -
Grimma und Deggendorf: Die Namen stehen für die Verwüstungen, die das Hochwasser in diesem Jahr in weiten Teilen Deutschlands angerichtet hat. In Grimma und Deggendorf befinden sich aber auch zwei Schulen, die durch die Flut Instrumente und Räumlichkeiten für den Musikunterricht verloren haben. In der Musikschule Theodor Uhlig in Grimma kam die Flut so schnell, dass Schulleiter und Lehrer den Flügel der Musikschule nicht mehr retten konnten. Das St. Gotthard Gymnasium Niederalteich im Landkreis Deggendorf verlor drei Klaviere und ein Cembalo. Beide Schulen erhalten nun eine ungewöhnliche Unterstützung: Klaviere.
Ein Artikel von Jelena Rothermel

Möglich macht dies die Bechstein Stiftung, die Ende 2012 von der C. Bechstein Pianoforte AG gemeinsam mit der Kuthe GmbH – vertreten durch Stefan Freymuth – und den privaten Stiftern Berenice Küpper und Karl Schulze gegründet wurde und im Februar dieses Jahres ihre Arbeit aufnahm. „Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, und wenn hier Instrumente beschädigt wurden, dann liegt es für uns als Klavierhersteller auf der Hand, auch zu helfen“, meint Berenice Küpper, Stifterin und Marketingleiterin bei Bechstein. Eigentlich hatte man mit mehr Bedarf gerechnet, doch glücklicherweise haben die meisten Musikschulen die Flut unbeschadet überstanden. Ihr Engagement sieht Küpper als ein Fortführen der Tradition: Schon der Firmengründer Carl Bechstein unterstützte Musiker und Gemeinde. Deshalb habe man seit Längerem über die Gründung einer Stiftung nachgedacht, die den zahlreichen vorherigen Aktivitäten einen festen Rahmen geben könne. Das verstärkte Engagement von Stefan Freymuth war 2012 dann der Startschuss für die Stiftung.

Neben der spontanen Hochwasserhilfe hat die Stiftung drei Projekte ins Leben gerufen: „Klaviere für Ganztagsschulen“, „Begabtenförderung“ und den „Carl Bechstein Wettbewerb für Kinder und Jugendliche“. Im ersten Projekt stellt die Stiftung Grundschulen mit Ganztagesangebot Klaviere kostenlos zur Verfügung, damit die Kinder frühzeitig an das Musizieren herangeführt werden. „Wir wollen die Brücke sein zwischen Kindern, deren Eltern sich Klavierunterricht nicht leisten können oder aus verschiedenen Gründen keinen Bezug zur Klaviermusik haben, und der Welt des Musizierens“, wünscht sich Küpper. „Musizieren ist ein wichtiger Punkt der Persönlichkeitsbildung, hier werden viele Charaktereigenschaften gefördert: Ausdauer, Widerstandsfähigkeit und eine gewisse Frusttoleranz. Aber man erfährt auch Erfolge und eine Sinnhaftigkeit im Leben, weil man unabhängig von den Widrigkeiten, die jedem widerfahren, hier Halt findet.“ Solch abstrakten Wünschen begegnet die Stiftung ganz handfest: mit Instrumenten.

Bisher haben zehn Berliner Grundschulen Klaviere erhalten, ein weiterer Antrag liegt vor. Bald will Bechstein nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit Klaviere zur Verfügung stellen, mit wachsender Erfahrung auch in ganz Europa. „Es gibt zwei Kriterien, die erfüllt werden sollten, um von uns ein Klavier zu erhalten“, meint Gregor Willmes, der Projektmanager der Stiftung. „Zunächst sollte Bedarf bestehen: Wenn eine Schule schon vier Klaviere besitzt, müssen wir ihnen kein fünftes hinstellen. Zweitens sollte an dem Klavier auch tatsächlich unterrichtet werden und es nicht allein zur Begleitung zum Beispiel des Blockflötenkreises verwendet werden.“ Mit dem Klavier allein ist es also nicht getan: Die Schule braucht passende Räume, das Klavier muss in das Betreuungsangebot integriert und Instrumentallehrer engagiert werden. „Wir wollen auch mit motivierten Lehrern zusammenarbeiten“, ergänzt Willmes. Denn nach Auslieferung des Instrumentes bleibe man weiterhin in persönlichem Kontakt. Die Stiftung wird sich um die Stimmung der Instrumente kümmern, steht aber auch mit ihrem Wissen und Kontakten bereit, falls etwa Instrumentallehrer gesucht werden sollten.

Neben dieser Breitenförderung unterstützt die Bechstein Stiftung besonders begabte junge Musiker. Dafür hat sie einen Sonderpreis für den Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ ausgelobt, der 2013 an ein Klavierduo ging. In den nächsten Jahren sollen auch Bundespreisträger der Kategorie Klavier solo mit langfristigen Stipendien bedacht werden. Außerdem wird 2014 der „Carl Bechstein Wettbewerb für Kinder und Jugendliche“ ins Leben gerufen: Zunächst wird er für Klavierduos ausgeschrieben sein, um gerade das gemeinsame Musizieren zu fördern. „Auch hier steht nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund, sondern die Förderung sozialer Kompetenzen und besonders der gemeinsame Spaß am Musizieren“, betont Küpper. Und wie bei den Grundschülern wolle man auch die Preisträger der Wettbewerbe durch ihr musikalisches Leben begleiten, sei es, um bei Bedarf durch Stipendien weiterzuhelfen, sei es, um die persönliche Entwicklung der Musiker verfolgen zu dürfen. „Wir wollen schließlich nicht nur Klaviere verteilen, sondern Kinder fördern.“

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