Mit dem Schwarmwissen des Publikums in die Zukunft

Zwei Orchester veranstalten Online-Ideenwettbewerbe, um wieder „öffentlich“ zu werden


(nmz) -
Wie werden Sinfonieorchester und ihr Publikum zu „Verbündeten“? Wie kann gemeinsame Augenhöhe erzielt werden und wie werden Menschen aus ihrer passiven Konsumentenrolle heraus „abgeholt“? Wie öffentlich ist überhaupt ein öffentlicher Kulturbetrieb? Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und die NWD Philharmonie stellen sich solchen Fragen im digitalen Ideenwettbewerb. Man darf gespannt sein, welcher neue Input aus der „Community“ kommt.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Den Anschub für diesen Aufbruch in neue Dimensionen der Mitbestimmung liefert die Agentur NO-TE mit ihrer „gravity-Methode“, wie die Macher ihr Projekt symbolträchtig nennen. Gravity hat mit Anziehung von Kräften zu tun, mit Synergien, die der Kultur in einer Stadtgesellschaft nutzen sollen. Seit 2010 verfolgt NO-TE eine klare Vision: „Wir wollen den Erfolg von Künstlerinnen und Künstlern nicht dem Zufall überlassen.“ Es geht um das gezielte Erkennen und Weiterentwickeln des Potenzials jeder Musikerin und jedes Musikers. Die Vision ist größer geworden: Warum sollte das, was zwischen Künstlern und Markt so gut funktionierte, nicht auch zwischen Orchester und Publikum klappen?

Attraktive Web-Plattformen bringen den Austausch zwischen Anbieter (=Orchester) und Zielgruppe (=Publikum) in Schwung. Menschen werden durch die Wettbewerbs-Idee zur Einmischung motiviert. Es winken sogar Preise wie eine attraktive Konzertreise. Krystian Nowakowski, der Gründer von NO-TE, formuliert seine Vision: „Nach der kollektiven Lähmung durch die Corona-Pandemie wollen die Menschen wieder leben und ihre Kultur mitgestalten. Das heißt auch, wieder aus den digitalen Filterblasen herauskommen.“

Rein praktisch läuft es so: In Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern der jeweiligen Orchester wurden Themen für mögliche Ideenwettbewerbe herausgearbeitet. Ins Blickfeld rückte dabei das individuelle Anliegen beim jeweiligen Kooperationspartner:  „Wir wollten wissen, was den Orches­tern und den Menschen auf der Seele brennt.“ Vor allem auch: welche Zukunftsbilder am Horizont auftauchen. Gespannt sein kann man, welches Fazit in einigen Monaten gezogen wird.

Heilsames aus der „Philharmazie“

Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz favorisiert bei ihrem Wettbewerbs-Thema einen interdisziplinären Ansatz von Musik und deren positiver Wirkung auf die Gesundheit: Welcher heilende Effekt geht von bestimmten Stücken aus? Dass eine solche Fragestellung bestens auf den aktuellen Zeitgeist passt, bekundet Intendant Beat Fehlmann: „Vor allem seit Beginn der Pandemie dreht sich in Medien und Politik alles nur noch um die physische Gesundheit. Der Aspekt des seelischen Wohlergehens hat es viel schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Musik ist doch das beste Therapeutikum.“ Die Idee für eine „Philharmazie“ war geboren. Welche Musik nutzen Sie zur Linderung von Schlafstörungen? Welche Musik wirkt gegen Liebeskummer oder Stress? Womit steigern Sie Ihr Wohlbefinden? Intendant Beat Fehlmann hat sich zu diesem Thema übrigens auch mit dem Neurowissenschaftler Stefan Kölsch ausgetauscht.

Das zweite an diesem Pilotprojekt beteiligte Orchester, die Nordwestdeutsche Philharmonie hat sein Erkenntnis­interesse wesentlich breiter gefasst. Hier geht es um Zukunftsforschung im weitesten Sinne. Wie stellen Sie sich das Orchester der Zukunft vor? Was brauchen Sie, um sich in einem Konzert wohlzufühlen? Welchen Service wünschen Sie sich? Mehr noch: Welche sozialen Aktionen können Sie sich vorstellen? Gibt es ungewöhnliche Orte, wo Sie die Nordwestdeutsche Philharmonie einmal erleben möchten? Eine zeitgemäße Ausgestaltung der vielen weichen Faktoren rund um das eigentliche Konzerterlebnis ist ein großes Thema, um das Publikum von morgen zu generieren.

Konzertbesucher, die mit schüchternem Respekt den Musentempel betreten und sich den alten Ritualen unterwerfen, verwandeln sich – so die Idee – in einen aktiv mitbestimmenden, mündigen Akteur. Das Sinfonieorchester als monolithische, hierarchische, weitgehend starre Institution mit daraus folgenden unumstößlichen Ritualen war gestern – die Zukunft liegt in mehr Bewegung, Dynamik und Augenhöhe. Das bedingt nach Meinung von Krystian Nowakowski auch den Mut, mal die eine oder andere heilige Kuh zu opfern. Gemeint ist ein allzu rigider Zentralismus in Entscheidungsprozessen, an dessen Stelle mehr Transparenz und Partizipation treten soll. Je mehr ein Sinfonieorchester aus seiner monolithischen Erstarrung heraustritt, um so mehr „Commitment“ kommt am Ende heraus. Das hat viel mit Paradigmenwechsel zu tun. Orchester können ihre Ideenwettbewerbe nutzen, um neue Konzertformate vorab vorzustellen und sich ein Feedback einzuholen, sozusagen als Pre-Test vor der „Markteinführung“. Wenn die Community positiv darauf reagiert und dem „Neuen“ mit Vorfreude und Unterstützung begegnet, stützt dies den Ticketverkauf und reduziert die Marketingkosten für die Bewerbung einer Veranstaltung.

Klar ist: Es wird durch mehr Einbeziehung der Menschen im Einzugsbereich großer Sinfonieorchester mehr Debatte und Kontroverse geben. Eben das, was eine Demokratie braucht und damit auch ein Kulturbetrieb, der seine Anliegen ernst nimmt, um eine solche Demokratie abzubilden. Aber ein Anfang ist gemacht. Auch Andreas Kuntze, Intendant der NWD-Philharmonie sieht in der „gravity-Methode“ einen produktiven Durchlauferhitzer: „Die neue Qualität ist jetzt erst mal das Stellen von Fragen!“ Es geht jetzt darum, dem Publikum das Gefühl zu vermitteln, mitdenken zu dürfen.

Neues Verständnis in Sachen Partizipation

Das Pilotprojekt mit diesen beiden Orchestern markiert in Krystian Nowakowskis Wahrnehmung den Beginn einer „Graswurzelbewegung“, an dessen Ende ein neues Verständnis in Sachen Partizipation stehen wird. Neue Austauschformen wie solche Ideenwettbewerbe lassen vorhandenes Schwarmwissen wirksam werden: „An der Basis zu arbeiten, wirkt auf die Dauer viel nachhaltiger, als immer nur mit steigendem Kostenaufwand Marketingkampagnen zu betreiben oder teure Strategie-Berater ins Haus zu holen.“  „Open Innovation“-Ideenwettbewerbe sind ein günstiges und bewährtes Werkzeug, um bedürfnisorientiert und zielgruppengerecht Neues zu gestalten oder Altes zu überdenken. Während solche Verfahren in der Kulturbranche noch ein absolutes Novum darstellen, sind solche Innovationsweb-Plattformen in anderen Branchen schon gut etabliert.

Krystian Nowakowski denkt noch einen Schritt weiter: „Ich wünsche mir, dass nicht nur zwischen Orchestern und Publikum, sondern überregional zwischen den Städten die Ideen fließen.“ Dass also künftig die „Schwarm-Kreatitivät“ aus Herford etwa nach Berlin fließt und umgekehrt – und damit endlich mehr Vernetzung innerhalb der Kulturszene entsteht. Das könnte helfen, Kultur in der politischen Aufmerksamkeitshierarchie steigen zu lassen.

 

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