Mit der Blockflöte Neuland betreten

Der Bundeskongress der ERTA Deutschland stellte zeitgenössische Musik in den Fokus


(nmz) -
„Ohren öffnen für bislang Ungehörtes, Neugierde und Lust wecken auf Musik unserer Zeit, Unverbrauchtes für Schule und Unterricht: In ihrem Engagement für Neue und Neueste Musik sind Blockflötistinnen und Blockflötisten einzigartig. Wie in kaum einer anderen instrumentalen Disziplin gehört Zeitgenössisches ganz selbstverständlich zum festen Kanon zahlreicher Interpreten und Lehrkräfte.“ So kündigte die European Recorder Teachers Association (ERTA) auf ihrer Homepage den Bundes­kongress an, der unter dem Motto „New Age“ vom 23. bis 25. September 2011 in Trossingen stattfand.
Ein Artikel von Barbara Ertl

Neue Musik für Blockflöte, ein weites Themenfeld. Wenn man den Begriff „neu“ als das definiert, was in den letzten Jahren und auch ganz aktuell an Musik für Blockflöte geschrieben, gelehrt und gespielt wird, so muss man an eine große stilistische Vielfalt von Jazz und Pop über Weltmusik und Klangexperimente bis hin zu atonaler Musik und stilis­tischen Grenzgängen mit allen sich daraus ergebenden Themen denken. Angesichts dieser Fülle, die einen Wochenendkongress mit Sicherheit gesprengt hätte, taten die ERTA-Verantwortlichen gut daran, sich weitgehend auf das zu beschränken, was im Wettbewerb „Jugend musiziert“ in der Epoche F gefordert wird: Kompositionen, die in mindes­tens einer musikalischen Eigenschaft, zum Beispiel tonal, thematisch, motivisch, metrisch, formal, spieltechnisch oder in der Notation, deutlich von der Tradition des 19. Jahrhunderts oder der Klassischen Moderne abweichen.

Vielgestaltige Einblicke gekonnt vermittelt

In der gastfreundlichen Atmosphäre der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen bot sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein reiches Angebot an Workshops, Vorträgen, Konzerten und Veranstaltungen. Erfreulich war der pädagogische Praxisbezug, den viele der Referentinnen und Referenten glaubwürdig und lebendig vermittelten.

Agnes Dorwarth, die seit Jahren mit ihren liebevollen und originellen Kompositionen die neue Spiel- und Unterrichtsliteratur für Blockflöte bereichert, knackte auf sympathische und kompetente Weise mit den Zuhörern ihre legendären „Kopfnüsse“ (Stücke für den Flötenkopf für junge Spieler) und ließ in ihrem Workshop zu Affektdarstellung und neuen Spieltechniken die Blockflöte lachen und weinen. An vielen Beispielen zeigte sie Möglichkeiten auf, Schülerinnen und Schülern über die Lust am Experimentieren, über Naturschilderungen und die Darstellung einer bestimmten Atmosphäre Neue Musik nahe zu bringen. Bei aller Ernsthaftigkeit kamen Spaß, Spielfreude und Augenzwinkern nicht zu kurz.

Almut Werner gab in ihrem sehr gut strukturierten Mitmach-Vortrag zum Thema „Moderne Spieltechniken – unsere Chance im Anfangsunterricht“ ebenfalls eine Fülle sehr konkreter Anregungen für den Unterrichtsalltag mit den Jüngsten. Einmal mehr stellte sie dabei die Kreativität, Neugierde und Experimentierfreude von Kindern in den Mittelpunkt und zeigte damit, wie sinnvoll und wichtig es ist, mit den Schülerinnen und Schülern von Anfang an auch unkonventionelle musikalische Pfade zu beschreiten.

Für den Unterricht mit etwas älteren Schülern gab es in Dörte Nienstedts „Praktischer Literaturkunde“ jede Menge Vorschläge und Literaturbeispiele für den Übergang von der Unter- zur Mittelstufe. Die Literaturliste wird im nächsten ERTA-Boten erscheinen.

Bereichert wurde der Bezug zur Berufspraxis auch durch Anschauungsmaterial aus der Praxis, wie zum Beispiel in Siegfried Buschs Vortrag über die „Zeitgenössischen Variationen über Kinderlieder für Sopranflöte solo“ von Gerhard Braun. Hier zeigte – neben dem Live-Vortrag der zwölfjährigen Klara Simon – der Videomitschnitt eines Schülerkonzertes der Mössinger Musikschule eindrucksvoll, wie spannend zeitgenössische Musik für Spieler und Publikum gleichermaßen sein kann, wenn sie kompetent vermittelt und gekonnt in Szene gesetzt wird.

Von Haltung und Handwerk, Schülern und Meistern

Auch außerhalb des Themenspektrums von Musikschule und Unterrichtsliteratur gab es anregende und informative Veranstaltungen. So beleuchtete Geri Bollinger, Entwickler von tiefen Blockflöten beim Blockflötenbauer Küng in Schaffhausen, kompetent und unterhaltsam in seinem Vortrag „Groß, warm und dunkel: Vertiefende Erkenntnisse über tiefe Blockflöten“ deren Klang­eigenschaften auf der Basis physikalisch-akustischer Erkenntnisse.

Helmut Bieler-Wendt widmete sich dem Thema Improvisation als „Kunst zwischen Haltung und Handwerk“. In gleichermaßen vergnüglichen wie hochkonzentrierten Improvisations­übungen mit Gesten, Mimik, Stimme, Sprache, Körperklängen, Raumklängen und Instrumenten konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas von dem erfahren, was der Dozent in der Ankündigung seines Workshops so formulierte: „Improvisation führt uns unweigerlich in den lebendigsten Bereich aller Künste, zum Gegenteil von Sicherheit, wo wir tastend, Schritt für Schritt spürend, erfühlend konfrontiert sind mit dem grundmenschlichen Faktum freier Entscheidung, Augenblick für Augenblick.“ Im eigenen Tun wurden den Teilnehmern die vielen Aspekte und Funktionen der Improvisation im musikalischen Kontext deutlich: eigenständige Ausdrucksform einerseits, Zugangsmöglichkeit zu und gleichzeitig Bestandteil von Neuer Musik andererseits, im instrumentalen Gruppenunterricht oft ein belebendes, leistungsausgleichendes und persönlichkeitsbildendes Element.

Ebenfalls am Rande der instrumentalpädagogischen Basisarbeit waren die Veranstaltungen von Kees Boeke angesiedelt, der sich seit den 1970er-Jahren als Musiker, Dozent, Dirigent und Komponist sehr um die Entwicklung und das Ansehen der Blockflöte verdient gemacht hat und heute beispielsweise unter anderem als Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen lehrt. Was allerdings passiert, wenn in einem Meis­terkurs ein nicht meisterlicher Schüler auf den Meister trifft, und die Erkenntnis, dass Meis­ter in manchen Bereichen unter Umständen weit weg sind von dem, was die Basis bewegt, gab anschließend Anlass zu manch lebhafter Diskussion unter den Teilnehmenden.

Meisterliches konnte man jedenfalls in der Reihe spannender Konzerte erleben, die in unterschiedlichen Besetzungen (nicht nur) Neue Musik auf die Bühne brachten. Einen fulminanten Auftakt dazu machte Lucia Mense mit ihrem Konzert „Gegenklänge“. Mit raumgreifender Bühnenpräsenz und höchster Konzentration schaffte sie eine Verbindung zwischen traditioneller Musik aus Europa beziehungsweise Asien und Kompositionen aus dem modernen Repertoire für Blockflöte. So stellte sie beispielsweise die traditionelle chinesische Melodie „The Combat of the Dragon and the Tiger“ den „Chinesischen Bildern“ von Isang Yun gegenüber und brachte eine Tarantella aus Bari, gespielt auf einer Doppelflöte, eindrucksvoll in Kontext mit Moritz Eggerts „Außer Atem“, das ebenfalls auf zwei Flöten gleichzeitig ge­spielt wird.

In der Besetzung Blockflöte und Akkordeon präsentierte das Duo „Windspiel“ (Verena Wüsthoff, Eva Zöllner) fast ausschließlich Musik des 21. Jahrhunderts, darunter etliche speziell für die Formation geschriebene Kompositionen. Die klanglich reizvolle Instrumentenkombination wurde bei manchen Stücken mit Computerklängen unterlegt, das Programm mit einer Improvisation und Bildern von Frank Boyden angereichert.

Das Duo „Neue Flötentöne“ mit Dörte Nienstedt (Blockflöten) und Anne Horstmann (Querflöten) brachte in seinem Konzert mit der Uraufführung der Sonate „Der Garten Eden“ von Dorothea Hofmann ein spannendes, lautmalerisches Stück neuester Musik für Flöten auf die Bühne.

Ein künstlerischer Höhepunkt des Kongresses war der Abend mit dem Quartett „New Generation“, das mit jugendlicher Spielfreude, technischer Präzision und Virtuosität das Publikum begeisterte. Unter dem Motto „Fantasie in Symmetrie“ schafften Susanne Fröhlich, Andrea Guttmann, Miako Klein und Heide Schwarz eine gelungene Synthese zwischen Alt und Neu, zwischen Fugen von Bach, Händel und Schostakowitsch und den nach strengen formalen Prinzipien aufgebauten zeitgenössischen Kompositionen wie zum Beispiel Fulvio Caldinis Minimal-Stück „Clockwork Toccata“ oder dem berauschenden Stück „Mortal Flesh“, das Paul Moravec 2008 für das Quartett geschrieben hat. Ein Erlebnis!

 Kompositionswettbewerb

Zum ersten Mal gab es in diesem Jahr einen von der ERTA ausgeschriebenen Kompositionswettbewerb für „Kompositionen, die geeignet sind, junge und jüngste Blockflötenschüler/-innen an die Neue Musik und die blockflötenspezifischen Spieltechniken heranzuführen, insbesondere Kompositionen für Blockflöte(n), die den Anforderungen des Wettbewerbs ,Jugend musiziert‘ in der Epoche F entsprechen“. Den mit 800 Euro dotierten ersten Preis sowie den Sonderpreis für das schönste Stück für Kinder unter 8 Jahren erhielt die 1961 in Stuttgart geborene Komponistin und Blockflötistin Eva Barath für ihre Komposition „Dinos flöten anders“ für drei Sopranblockflöten. Zweiter und dritter Preis gingen an Silke Huber („Drei Miniaturen“ für Sopranblockflöte und Akkordeon) und Pèter Köszeghy („Yellow Jackets“ für zwei Blockflöten). Die drei Werke sind in einer schönen Ausgabe bei Heinrichshofen erschienen. Grundsätzlich ist der Kompositionswettbewerb ein sehr begrüßenswertes Novum, enttäuschend war allerdings, dass bei der Werkvorstellung außer der wortreichen Werkanalyse der beiden Komponistinnen (der dritte Preisträger musste krankheitsbedingt absagen) nur eine einzige Komposition in Auszügen zu hören war. Hier hätte man sich viel mehr Musik gewünscht, am liebsten eine große Auswahl aus allen eingesendeten Kompositionen und am besten auch präsentiert von denen, für die sie geschrieben wurden, also von Kindern. So hätten die Zuhörerinnen und Zuhörer Gelegenheit gehabt, sich selbst ein Bild zu machen und vor allem einen Eindruck zu bekommen, was sich aktuell im Bereich neuester Blockflötenmusik für Kinder bewegt. Und vielleicht hätte dann mit dem in diesem Jahr nicht vergebenen (aber eigentlich geplanten) Publikumspreis ein weiteres Stück ausgezeichnet werden können.

Flankiert wurde das Veranstaltungsangebot durch ein Blockflötenorches­ter unter Leitung von Matthias Maute und Jörg Partzsch, in dem die Kongressteilnehmenden das ganze Wochenende über Gelegenheit hatten, sich immer wieder musikalisch zu betätigen. Ansprechend und bereichernd war zudem die gut besetzte Ausstellung von Verlagen, Blockflötenbauern et cetera. Schade nur, dass durch die zwar interessante, aber sehr gedrängte Programmgestaltung des Kongresses wenig Zeit blieb, sich in Ruhe umzusehen und zu informieren. Auch das Ausstellerforum, das Gelegenheit geben sollte, Neuerscheinungen und neue Entwicklungen einem breiten Zielpublikum vorzustellen, verfehlte aus diesem Grund seinen eigentlichen Zweck.

Fazit am Ende eines spannenden und üppig gefüllten Wochenendes: Ein facettenreicher Kongress, dem der Bogen zwischen pädagogischer Themenstellung und künstlerischem Anspruch gelang. Der zu Beginn formulierte Wunsch von ERTA-Präsident Michael Krones, jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer möge am Ende mit einem Rucksack voll Inspiration und Anregungen in den Berufsalltag zurückkehren, dürfte sich erfüllt haben.

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