Mit Musik auf dem Weg zum guten Leben ?

Musik und Ethik – ein Symposium an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg


(nmz) -
Führt man sich vor Augen, dass trotz der Grabenkämpfe (im Wortsinn) in Profiorchestern tagtäglich künstlerisch gelungene Opernaufführungen stattfinden, wird man der Idee einer voraussetzungslos gegebenen Verbindung von Musik und Ethik zunächst skeptisch gegenüberstehen. Ist es die Musik selbst (das Musizieren, das Musikhören, die einer Komposition immanente Botschaft), die etwas zum Guten hin verändern kann oder hängt alles vielmehr davon ab, wie wir Menschen mit Musik umgehen und ob wir sie zum Guten (oder Schlechten) hin einsetzen?
Ein Artikel von Markus Hirsch

Katharina Bradler vom Institut für Instrumental- und Gesangspädagogik der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) schreibt diesbezüglich im Programmheft der von ihr konzipierten Tagung: „In dem Symposium setzen wir uns unter anderem mit der Frage auseinander, inwiefern musikpädagogisches Tun zu einer integrativen, freundlichen, offenen, friedlichen und freien Gesellschaft beitragen kann.“

In der Frage steckt ein genuin pädagogischer Impetus: die Dinge nicht so belassen zu wollen, wie sie sind, sondern sie einer Veränderung zuzuführen. Die musikpädagogische Perspektive auf das Verhältnis von Musik und Ethik eröffnet hier ein Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit sowie Individuum und Gemeinschaft: Es wäre schön, wenn Musik zu einem gelingenden Leben beitragen könnte, aber tut sie das nachweislich auch? Geht es dabei nur um mein Leben oder auch das Zusammenleben? Man tut gut daran, einen Schritt zurückzutreten und nüchtern zu fragen, ob von einer Beziehung zwischen Musik und Ethik überhaupt sinnvoll gesprochen werden kann; denn nur weil seit der Antike immer wieder von jener die Rede ist, bedeutet das nicht auch ihre selbstverständliche Gegebenheit. Die Vortragenden haben diese Problematik aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Von philosophischer Warte aus referierten Dagmar Fenner, Peter Rinderle, Eva Weber-Guskar und Dieter Mersch. Während Fenner am Ende ihrer Ausführungen über die ethisch relevanten Funktionen von Kunst die Stärken der Musik eher im Bereich der Individualethik verortete (als Beitrag zu einem persönlichen guten Leben), ging Weber-Guskar der Frage nach, ob Musikrezeption nicht doch einen Beitrag zur Schulung der Empathiefähigkeit und damit zur moralischen Erziehung leis­ten könne.

Interdisziplinäre Sichtweisen

Für Rinderle hat der Teilbereich von Musik, der als expressive Musik gelten kann, eine gewisse universelle Dimension dahingehend, dass die imaginäre Teilhabe an den Emotionen einer, so die philosophische Vorstellung, fiktiven Persona Zugang zu ethisch relevantem Wissen ermöglicht und damit interkulturelle Bildung befördern kann. Mersch hingegen sieht das ethische Moment von Musik nicht in Gefühlen oder deren Übertragung gegeben, sondern im gemeinschaftsherstellenden Aspekt von Musik, in der Konstitution von Beziehung; er entfaltete das am Beispiel der musikalischen Improvisation. Der Neurowissenschaftler Tom Fritz referierte über die stimulierende Wirkung von Musik auf den Menschen, die physiologischen Grundlagen dieses Effekts und die Rolle von Musik als soziale Technologie, um die Qualität von Gemeinschaft zu modellieren.

Aus musikpädagogischer Perspektive trugen neben Katharina Bradler auch Ulrich Mahlert, Adrian Niegot, Daniela Bartels und Peter W. Schatt vor. Bradlers Ausführungen konnten als Plädoyer verstanden werden, der Funktionalisierung von Musik in den diversen Diskussionen um die Rechtfertigung des Musizierunterrichts verstärkt den Gedanken einer Selbstzweckhaftigkeit des Musizierens entgegenzuhalten; dieses habe aufgrund seiner Beziehungsstruktur und den damit verbundenen Alteritätserfahrungen eine immanent ethische Komponente. Mahlert stellte seine instrumentalpädagogische Lesart von Hartmut Rosas Theorie der Resonanz vor. Trotz der teils schillernden Begrifflichkeiten bei Rosa gerät der Resonanzbegriff und seine individualethische Komponente Mahlert doch zu einem heuristischen Prisma, durch das er Lehr- und Lernsituation im Instrumentalunterricht mit Gewinn anders zu betrachten vermag. Bartels wählte für ihren Beitrag das Format eines interaktiven Vortrags. Hannah Arendts Handlungsbegriff diente ihr dabei als philosophische Brille, durch die gemeinsam mit den Teilnehmenden der Beziehungsaspekt beim Musizieren in Gruppen betrachtet wurde.

Niegots Bericht über ein von ihm mitkonzipiertes musikpädagogisches Projekt zu Benjamin Brittens „War Requiem“ zeigte anschaulich, was es heißen kann, vor Fragen der Ästhetisierung der Ethik oder Moralisierung der Kunst nicht zu kapitulieren, sondern sich gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern den Herausforderungen im Umgang auch mit schwierigen Gegenständen zu stellen. Hinsichtlich der Frage, wie mit dem kulturell Fremden ethisch verantwortungsvoll umzugehen sei, sieht Schatt die Aufgabe der Musikpädagogik in ihrer Rolle als Orientierungsgeberin, die aber auch die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der eigenen Perturbation angesichts des Fremden fördert – zum Beispiel durch das Beziehen einer Beobachterrolle zweiter Ordnung.

Ein uneingelöstes Versprechen?

In den Podiumsdiskussionen, zu denen sich die Vortragenden in wechselnden Besetzungen und ergänzt um Lehrende der BTU Cottbus zusammenfanden, war über die qua Auswahl der Personen abgebildete Interdisziplinarität hinaus bisweilen auch ein transdisziplinäres Bemühen spürbar, sich auf gemeinsame Begriffsverständnisse zu einigen. Von Musik war aber nicht nur aus theoretischer Perspektive die Rede. Wie im Dienste einer Selbstvergewisserung des Bezugspunktes, war sie auch klingend immer wieder anwesend – gespielt von unterschiedlichen Formationen aus Lehrenden und Studierenden der Fakultät. Der Plural der möglichen Musikbegriffe und Umgangsweisen mit Musik, der auch in unterschiedlicher Form in den Vorträgen zum Ausdruck kam, legt meines Erachtens nahe, sich noch deutlicher die Frage zu stellen, ob und wenn ja, worin sich die diversen Umgangsweisen mit Musik hinsichtlich ihrer ethischen Qualität unterscheiden. Die Ergänzung um eine musikwissenschaftliche Perspektive wäre hier – als Pendant zu der philosophischen Begriffsklärung von Ethik – im interdisziplinären Zusammenspiel auch zu erwägen.

Vielleicht verhält es sich bei Musik und Ethik wie mit dem Begriff der Bildung und der Auffassung derselben als ein „uneingelöstes Versprechen“ (Blankertz): Der Zusammenhang von Musik und Ethik ist – zumindest für Musikpädagoginnen und -pädagogen – nicht fraglos vorhanden, sondern allererst und immer aufs Neue herzustellen. Dazu wird wohl die Kraft der Töne allein nicht ausreichen. Lehrende werden sich in ihrer Rolle als Vermittelnde auch mit ihrer eigenen Position zu erkennen geben müssen. Der angekündig­te Tagungsband soll im Waxmann Verlag erscheinen und darf mit Spannung erwartet werden.

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