Moderne Gesänge umspülen die Küsten des Mittelmeers

Zwölf Komponisten vertonen ihr Heimatland – ein Projekt beim Stuttgarter „Éclat“-Festival


(nmz) -
Der Musikfreund, der sich neben Mozart und Beethoven auch noch dafür interessiert, wie es mit dem Gegenstand seiner Liebe auch zukünftig weitergeht, braucht sich über mangelnde Gelegenheiten, sich zu informieren, keine Sorgen zu machen. Ein Festival der Neuen Musik folgt im Jahresrhythmus dem anderen: nach dem Stuttgarter „Éclat“-Festival fanden unmittelbar danach in Kiel die „Chiffren“ mit einem Skandinavien-Schwerpunkt statt. In München feierte die traditionsreiche Musica-Viva-Reihe des Bayerischen Rundfunks an drei Tagen den Komponisten Peter Eötvös, sogar die Salzburger Mozartwoche Ende Januar verzichtet nicht mehr auf einen lebenden Komponisten und huldigte diesmal Arvo Pärt.
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Alle zwei Jahre gibt es in Salzburg im März außerdem eine Biennale für Neue Musik. Es folgt in Berlin nach dem „Ultraschall“ die „MaerzMusik“, danach warten in Witten an der Ruhr die „Tage für neue Kammermusik“ mit zahlreichen Uraufführungen auf, in Köln folgt das Acht-Brücken-Festival, in Köln finden auch immer wieder die „Musik der Zeit“-Konzerte des Westdeutschen Rundfunks statt, zuletzt mit zwei großen neuen Orchesterstücken von Jörg Widmann und Friedrich Cerha.

Bei den Salzburger Festspielen gehört seit Mortier und Landesmann die Neue Musik zu einem festen Programmteil. Danach kann man nach Schwaz in Tirol oder zu „Wien modern“ fahren. Im Oktober ist Donau-eschingen sozusagen „Pflicht“, davor könnte ein Abstecher zur Straßburger „Musica“ eingeschoben werden. Im November begegnet man im oberschwäbischen Weingarten immer wieder interessanten Komponisten – im vergangenen Jahr Mark Andre. Salzburg führt zu der Zeit spannende „Dialoge“ zu bestimmten Themen der Neuen Musik. Und wem das alles nicht genügt, kann man ja noch ins nähere Ausland reisen, vielleicht zum „Warschauer Herbst“ oder zum Holland-Festival, wenn einem die deutsch-österreichischen Angebote nicht genügen.

Jetzt erst einmal „Éclat“ in Stuttgart. Früher hieß das Festival „Stuttgarter Tage für Neue Musik“. Das klang dem vormaligen künstlerischen Leiter Hans-Peter Jahn zu trocken. Er wollte, eben: den „Éclat“, das außergewöhnliche Ereignis, am liebsten den „Skandal“. Unter Jahn ist das Stuttgarter Neue-Musik-Festival neben Donau-eschingen und Witten zum wichtigsten deutschen Neue-Musikfestival geworden, auf dem vor allem Formen eines neuen Musiktheaters erprobt wurden.

In diesem Jahr wurde „Éclat“ von Christine Fischer, Intendantin von Musik der Jahrhunderte, und Björn Gottstein, Jahns Nachfolger beim SWR, gemeinsam gestaltet. Einerseits wollten die beiden die „Traditionslinien der Neuen Musik“ fortsetzen, zum anderen aber auch Entwicklungen und Tendenzen des Komponierens im 21. Jahrhundert aufzeigen. Gerade junge Komponisten interessieren sich stark für aktuelle gesellschaftliche Prozesse. Daneben werden erweiterte Ausdrucksmittel jenseits der Musik immer stärker mit der künstlerischen Gestaltung verbunden. Ästhetische Vielfalt ist angezeigt, wozu auch das optische Element gehört. Stichwort: Video. Freilich gibt es für die Verschmelzung der Musik mit dem Bild, dem stehenden oder bewegten, immer noch zu wenig überzeugende Beispiele.

Mit Spannung erwartet wurde also ein Großprojekt des diesjährigen „Éclat“-Programms: „Mediterranean Voices“ nennt sich eine „Video-Konzert-Architektur über zwölf Identitäten aus dem Mittelmeerraum“. Das Mittelmeer, umklammert von drei Kontinenten, stellt gleichsam einen allumfassenden Schicksalsraum dar, der von mythischer Ferne bis in die Vision des Künftigen reicht. Daraus entstand die Idee, diesen Raum künstlerisch auszuleuchten, ihn in Bildern, Klängen, Texten, Gesprächen erfahrbar werden zu lassen.

Zwölf Komponisten aus zwölf Mittelmeer-Ländern erhielten den Auftrag, jeweils ihr Land in einer Komposition darzustellen, wobei die Wahl des Themas freistand. Einzige Konstante war die Beteiligung der Neuen Vocalsolisten Stuttgart, nicht zuletzt, weil die traditionelle Musik in all diesen Ländern vorwiegend vokal geprägt ist. Während der zweijährigen Vorbereitungszeit besuchten einzelne Sänger jeweils einen der Komponisten in dessen Land, zum persönlichen Kennenlernen und für einen Erfahrungsaustausch über das Projekt. An den Reisen nahm auch ein Filmteam unter Daniel Kötters Leitung teil. Aus den umfangreichen Aufzeichnungen von Gesprächen mit den Komponisten, den Abbildungen des Landes, der Natur, der sozialen Wirklichkeiten filterte Kötter 144 Videos, die in Stuttgart, thematisch geordnet, in mehreren Räumen des Theaterhauses während des rund sechsstündigen Konzertmarathons in den Pausen besichtigt werden konnten. Während der musikalischen Aufführungen im großen Saal blieben die Bildbeiträge abgeschaltet, was zwar die Konzentration auf die von den Neuen Vocalsolisten eindrucksvoll gestalteten Werke verstärkte, andererseits aber auch einer künstlerischen Verbindung von Ton und Bild entgegenstand. Wie die beiden Programmgestalter mitteilten, war diese Trennung auch beabsichtigt.

Die meisten der zwölf Komponisten sind mehr oder weniger eng mit den Entwicklungen in der westlichen Neuen Musik vertraut. Was Evis Sammoutis, Silvia Rosani, Zad Moultaka, Josep Sanz, Zeynep Gedizlioglu, Zaid Jabri, Marianthi Papalexandri-Alexandri, Brahim Kerkour, Nimrod Katzir, Amr Okba, Samir Odeh-Tamimi und Dániel Péter Biró in ihren meist zehn-bis fünfzehnminütigen Kompositionen für die Vocalsolisten Stuttgart notierten, hätte auch auf jedem der oben genannten Neue-Musik-Festivals erklingen können, was nicht heißen soll, dass die Arbeiten nicht in der Regel ein bemerkenswertes Niveau besaßen, vor allem die Stücke von Odeh-Tamimi und Biró überzeugten durch ihre expressive Dichte. Was natürlich auch an den Vocalsolisten lang: Es war einfach großartig, mit welcher Souveränität sie sich in die einzelnen Komponistenhandschriften einfühlten.

Wenn man dann in den langen Pausen zwischen jeweils drei Musikbeiträgen die Video-Installationen Daniel Kötters in den anderen Räumen des Theaterhauses besichtigte, erfuhr man vieles über das politische, soziale, gesellschaftliche Umfeld, in dem die Komponisten in ihren Ländern arbeiten. Manche Ereignisse finden dabei ihren Niederschlag im Komponierten. So aufschlussreich und informativ alles war, wünschte man sich doch bei einer Variation der „Mittelmeer-Stimmen“ eine engere Korrespondenz von Ton und Bild. Der Versuch wäre es wert.

Gewiss sind die Festivals der Neuen Musik nie nur Festspiele im üblichen Sinne, vielmehr Musikmessen, auf denen Komponisten  die Ergebnisse ihrer Versuchsanordnungen  vorstellen. Dass  dabei  nicht  immer  ein  Meisterstück  gelingen  kann,  ist bekannt  und nicht  anders  zu erwarten. So auch diesmal wieder bei „Éclat“: Was selbst so renommierte  Komponisten  wie Brice Pauset, Salvatore Sciarrino oder José-Maria Sánchez-Verdú in den Reigen der Uraufführungen einbrachten, gelangte kaum über gekonnte Routine hinaus. Gleichwohl durfte man Hoffnung gewinnen, dass sich große Musik immer noch, immer wieder, ja, oft eher am Rande imponierend durchsetzen kann: etwa, wenn die Cellistin Séverine Ballon ein hochexpressives und äußerst kompliziertes Stück von Rebecca Saunders für Violoncello solo, genannt „Solitude“, souverän  in differenzierte Klangerlebnisse verwandelt. Oder wenn  der Pianist Nicolas Hodges die hochkomplexe Rhythmusstudie „Quirl“ von Brian Ferneyhough so überlegen hinzaubert, als wär’s eine Kuhlau-Sonatine.  Das waren Augenblicke, für die keiner Videobilder braucht.

Sicher aber helfen auch Textbilder: Wenn Nikolaus Brass in „fallacies of hope – deutsches Requiem“, eine Musik für 32 Stimmen in vier Gruppen, Textprojektionen nach Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ über dem Podium einblendet. Das besitzt, nicht zuletzt durch den intensiven Einsatz des SWR-Vokalensembles Stuttgart (Dirigent: Florian Helgath) eine ebenso ergreifende wie bedrückende Wirkung auf den Zuhörer. Darf man etwas ergreifend finden, was in der Wirklichkeit entsetzlich war? Die alte Frage, ob „Kunst“ das Grauen der Menschenvernichtung in den Konzentrationslagern überhaupt zu erfassen vermag, bleibt auch bei Nikolaus Brass, einem engagierten Komponisten, offen, auch unbeantwortet. Selbst Célans „Todesfuge“ liest man heute mit eher gemischten Gefühlen, so sprachmächtig sie auch „komponiert“ ist.

Was sonst noch positiv auffiel: Enno Poppe brachte mit seinem Ensemble Mosaik und den Neuen Vokalsolisten seine „Interzone“ von 2004 zu einer glänzenden Wiederaufführung. José-Maria Sánchez-Verdú setzte in seiner „Elogio del tránsito“ ein Bass-Saxophon und ein Kontrabass-Saxophon sowie das Auraphon samt Sinfonieorchester (SWR-Stuttgart) so effektvoll ein, dass man sich an einem Stand auf der Frankfurter Musikmesse bei den Instrumentenbauern wähnte (unser Foto auf Seite 1). Die in Frankfurt am Main lebende Kanadierin Annesley Black erwies sich in einer Komposition für Klavier und Textprojektionen (wieder Nicolas Hodges) mit einem irrsinnig langen Titel als phantasievolle, sogar witzige Klang-Wort-Virtuosin. Und das „ensemble ascolta“ unter Jonathan Stockhammer erwies sich einmal mehr als unentbehrlicher Helfer, wenn es gilt, auch schwächere Arbeiten mit einigem Glanz zu versehen, wie bei Brice Pauset, Hans Thomalla oder Joanna Wozny (unser Foto oben). Fazit: „Éclat“ produzierte keinen Éclat, war aber interessant, auch spannend und so vielgestaltig wie eh und je. Das neue Leitungsteam mit Christine Fischer und Björn Gottstein darf einen gelungenen Start in ihre eigene, neue Ära verzeichnen.

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