Mozarts Geist im Labor?

Das MozartLabor: ein Ort für interdisziplinäre Experimente


(nmz) -
„Das MozartLabor ist eine einmalige Gelegenheit, sich interdisziplinär auszutauschen. Uns ist es wichtig, diesen Tunnelblick auszuhebeln, der in der Musik so naheliegend ist. Denn alle sind auf Spitzenleistung getrimmt: Es geht nur um Perfektion! Man muss den Musikern ein Angebot schaffen, über Meisterklassen hinaus mehr zu erfahren als nur ihr Instrument zu üben.“ Laut und vehement sprach Evelyn Meining diese Worte beim diesjährigen MozartLabor.
Ein Artikel von Britta Schönhütl

Seit 2014 ist sie Intendantin des Mozartfests ins Würzburg und zugleich auch die Erfinderin des MozartLabors, einem das Festival begleitenden Programm für Musiktheoretiker, Musiker, über Musik Schreibende und sich mit Musik Beschäftigende. Die Teilnehmer des Labors, das vom 30.05. bis zum 03.06. unter dem Motto „Was heißt hier Klassik?“ stattfand, wohnten gemeinsam im Exerzitienhaus Himmelspforten bei Würzburg. Ideale Voraussetzungen für einen interdisziplinären Austausch, fand Evelyn Meining: „Ich baue ein Programm, in dem Werk, Künstler und Raum eine Einheit bilden, und so lenken wir den Blick auf ein gemeinsames Hören, ein gemeinsames Nachdenken und ein gemeinsames Kunsterleben!“

Doch völlig unterschiedlich geprägte Künstler, Kreative und Kenner für einen gemeinsamen Diskurs zu begeistern, ohne dass das Kollektiv wieder in seine Einzelteile zerfällt, schien ebenso mühselig zu sein wie die Diskussionen um die Gefahren des Internets für die Kultur überholt waren. Denn wie konstruktiv können Diskussionen über historisch informierte Aufführungspraxis oder „Was ist Klassik?“ überhaupt noch sein? Wie kann etwas Neues entstehen, wenn Theoretiker mit Theoretikern debattieren, während die jungen Musiker in ihren Probenräumen üben? Wie sinnvoll kann da ein solch „offener Schutzraum“ sein, wie Meining ihr MozartLabor beschrieb? Sehr sinnvoll – dank der kunterbunten Mischung der Teilnehmer:

Zu den Komponisten Toshio Hosokawa und Wolfgang Rihm gesellten sich Musiker wie Renaud Capuçon oder Gérard Caussé, theoretisch erweitert durch Musikwissenschaftler wie Ulrich Konrad oder Reinhard Goebel. Darüber hinaus waren auch junge Kammermusik-Ensembles geladen, die nach intensiver Betreuung durch ihre Mentoren Capuçon, Goebel, Caussé und Hosokawa das Abschlusskonzert gestalten durften: das Trio Metral, das Armida Quartett, das Converse String Quartet und das Hosokawa Quartett.

Das durch diese Gäste-Liste extrem hohe Niveau war dann auch der Grund dafür, dass viele der jungen Musiker nicht oder selten an den täglich angebotenen Diskussionen und Konzerten teilnehmen konnten – weil sie vor den etablierten Musikern wie Capuçon oder Hosokawa bestehen wollten. Intendantin Evelyn Meining runzelte darüber bereits zu Beginn des MozartLabors die Stirn: „Ist es wirklich diese letzte Stunde, diese letzte Probe, die sie rettet? Sie sind eben nicht in einer Meisterklasse, sondern hier, um sich interdisziplinär inspirieren zu lassen und Kontakte zu knüpfen.“

Sogar verschiedene Medien-Werkstätten hatte Meining in das Labor integriert: Unter der Leitung von Prof. Dr. C. Bernd Sucher produzierten die Kulturkritiker der Bayerischen Theaterakademie August Everding eine 20-seitige Festival-Zeitung, während die Radio-Journalisten des Instituts Lernradio Karlsruhe unter der Leitung von Prof. Jürgen Christ täglich mit Beiträgen auf Sendung gingen. Unter der Leitung von Dr. Hansjörg Ewert nahmen auch die Musikwissenschafts-Studenten und -Absolventen des Würzburger Instituts für Musikforschung abermals am Labor teil: Nach dem Mozartfest 2014 gründeten sie gemeinsam die Musik-Vemittlungs-Plattform „Klangkartei“, die sich nun auch im Online-Journalismus übte.

Dieses aktive Miteinbeziehen nicht nur der Medien, sondern vielmehr auch junger Musik-Journalisten ist der Versuch, den Künstlern und der Musik fair zu begegnen. Klassische Musik über Sprache zu vermitteln und dieser Kunstform mit Worten gerecht zu werden, ist ein ständiger Prozess des Lernens, Zuhörens und Ausprobierens. Dass die Musik-Stipendiaten oft mit Proben beschäftigt waren, ist bedauerlich, doch hat sich das von Evelyn Meining erhoffte „gemeinsame Nachdenken“ schlicht auf die gemeinsamen Feierabende verlagert. Wenn dann plötzlich renommierte Musiker mit musikinteressierten Studierenden – zwei oder mehr Generationen und Ansätze – über ihre ganz persönliche Art des Musikverstehens sprechen, während am Nebentisch zukünftige Projekte geplant werden, verwandeln sich plötzlich alle in das, was sie eigentlich sind: Ebenbürtige; Menschen, die sich für klassische Musik interessieren und sich gegenseitig unglaublich bereichern können, indem sie bereit sind, sich auf die Denkweise des Gegenübers einzulassen und von diesem zu lernen.

Evelyn Meining hat es geschafft, nicht nur Mozarts Fassade, sondern auch die der Teilnehmer des MozartLabors aufzubrechen, indem sie Theoretiker und Praktiker auf engstem Raum miteinander konfrontierte. Bleibt zu hoffen, dass das MozartLabor 2016 an genau diesem Punkt weiter experimentiert.

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