Musik als dringend notwendiges Privileg

Stefan Baier, neuer Rektor der Hochschule für Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg, im Gespräch


(nmz) -
Ende November feierte die Regensburger Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik (HfKM) den zehnten Jahrestag ihrer Erhebung zur Hochschule. Mit dem neu gewählten Rektor, Prof. Stefan Baier, sprach Juan Martin Koch.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Stefan Baier

neue musikzeitung: Herr Baier, wie viele Studierende betreut die Regensburger Musikhochschule derzeit?

Stefan Baier: Das Haus ist für etwa 100 Vollzeit-Studierende ausgelegt, eine Zahl, die wir im Moment beinahe erreichen. Etwas mehr als ein Drittel davon sind Kirchenmusik-Studierende, etwa weitere 35 studieren im Rahmen der Kooperation mit der Universität Regensburg für das Lehramt am Gymnasium, die übrigen sind für Bachelor- und Masterstudiengänge im künstlerisch-pädagogischen Bereich eingeschrieben. Hinzu kommen Jungstudierende der Frühförderklasse für hochbegabte Streicher.

nmz: Wie sehen die Zahlen aufseiten der Lehrenden aus?

Baier: Von den sieben Professuren sind bisher sechs besetzt. Wir freuen uns, mit Michael Seewang kürzlich einen renommierten Kollegen für die Klavierprofessur gewonnen zu haben. Noch nicht besetzt ist die Professur Gregorianischer Choral/Liturgiegesang. Neben knapp zwanzig Dozenten sind an die 40 Lehrbeauftragte am Haus tätig, eine hohe Zahl, die sich durch das im Kirchenmusikstudiengang obligatorische dritte Instrument, erklärt.

nmz: Welche Studiengebühren fallen an der HfKM an?

Baier: Wir haben schon immer eine Aufwandsentschädigung von 60 Euro Monat, also 300 im Semester verlangt, dabei ist es auch geblieben. Problematisch ist es momentan nur für Studierende, die als „Doppelfach“ Musik im Lehramt plus einen Bachelorstudiengang bei uns studieren. Sie müssten insgesamt 800 Euro bezahlen, was natürlich nicht geht, wir arbeiten gerade an einer Lösung für diesen Fall. 

nmz: Als erste bayerische Musikhochschule hatten Sie die Modularisierung abgeschlossen. Mit welcher Zielsetzung sind Sie an diese Aufgabe herangegangen?

Baier: Nach Abschluss eines schwierigen Diskussionsprozesses kann ich sagen: Die Studienreform hat uns gut getan. Die Grundidee war klar: Ein Haus allein durch die Kirchenmusik zu erhalten, ist nicht realistisch. Wir wollten das Angebot für die Kirchenmusik-Studierenden so erweitern, dass diese parallel einen Bachelor oder Master in einem künstlerisch-pädagogischen Fach machen können. Der pädagogische Aspekt ist uns sehr wichtig, deshalb ist er auch Bestandteil unseres Namens. Im Grunde ist ja jeder Kirchenmusiker auch Pädagoge, bei uns kann er sich dies aber als zusätzliche Qualifikation offiziell bescheinigen lassen. Die Instrumental- und Gesangspädagogikstudiengänge stehen darüber hinaus natürlich allen an diesen Studiengängen Interessierten offen. Neben den traditionell ohnehin stark besetzten Bereichen Chorleitung und Orgel können wir uns glücklich schätzen, unter anderem so renommierte Künstlerpersönlichkeiten, wie den Sänger Christian Schmidt-Timmermann von den Singphonikern, den Schlagzeuger Rudi Bauer von Power! Percussion und in dem für uns schon immer wichtigen Bereich Neue Musik derzeit den Komponisten Enjott Schneider als Dozenten an unserem Haus zu haben.

nmz: Und das Bistum Regensburg als Hauptträger geht diesen Weg mit, der das Haus ein Stück weit von der Kirchenmusik wegbewegt? 

Baier: Die Hochschule hat sich nicht von der Kirchenmusik wegbewegt, sie hat sich vom Kern aus, den die Kirchenmusik nach wie vor bildet, weiterentwickelt. Und die Kirche unterstützt diesen Weg, weil sie weiß, dass umfassend ausgebildete Pädagogen gebraucht werden. Wir sind nach wie vor weltweit die größte Ausbildungsstätte für Kirchenmusik. Träger ist das Bistum Regensburg und somit für das Gebäude, die Ausstattung und alles, was damit zusammenhängt, zuständig, aber der Freistaat finanziert fast 90 Prozent der Personalkosten. Ich empfinde diese Konstruktion als eine ideale Ergänzung. Zwei Institutionen gegenüber verpflichtet zu sein, ist kein Manko. Ich sehe uns in einer vermittelnden Position. Das ist manchmal schwierig, doch für mich überwiegen die Vorteile. 

nmz: Wie schätzen Sie die Berufsaussichten für Kirchenmusiker derzeit ein?

Baier: Wir haben die kuriose Situation, dass landläufig die Meinung besteht, die Berufsaussichten seien schlecht. In Wahrheit aber werden Musiker gesucht! Durchaus auch für ganze Stellen, ganz zu schweigen von halben. Gerade an kleineren Orten kann sich ein Kirchenmusiker vor Arbeit nicht retten und ich bin mir sicher, dass das in den nächsten 10 bis 15 Jahren so bleiben wird.

nmz: Welche Akzente möchten Sie in Ihrer Amtszeit setzen? 

Baier: Auch wenn sich 130 Jahre Geschichte als „Kirchenmusikschule“ nicht so einfach ausblenden lassen, so möchte ich doch, dass wir nach nunmehr 10 Jahren stärker als das wahrgenommen werden, was wir sind: eine kleine aber, feine Musikhochschule, „eine Perle in der ausgezeichneten Musikhochschullandschaft Bayerns“, wie es der ehemalige Minister für Wissenschaft und Kunst, Hans Zehetmair, anlässlich unserer Zehnjahresfeier formuliert hat. Stärken möchte ich außerdem unsere internationalen Partnerschaften in Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumänien und Portugal sowie unsere Kontakte nach Japan und Kuba. Was das Studium betrifft, so möchte ich Impulse der historischen Aufführungspraxis – in diesen Tagen trauern wir über den Tod Gustav Leonhardts – stärker in die Ausbildung integrieren, so wie es auf der Orgel seit langem Normalität ist. Im Bereich der Jungstudierenden wollen wir die Frühförderung auch auf die Bereiche Orgel und Klavier ausdehnen. 

Das Entscheidende aber ist für mich, dass die Studierenden von hier weggehen und sagen: Es war richtig gut, hier zu sein. Ich habe mir hier Inspiration holen, habe meiner Passion nachgehen können und für mich Wichtiges mitbekommen. Das gilt natürlich auch aus der Perspektive der Lehrenden. Ich denke, für uns alle ist klar: Es ist ein Privileg, hier zu sein, überhaupt als Musiker studieren und arbeiten zu können. Aber es ist auch ein notwendiges, ein dringend notwendiges Privileg – zum Wohl unserer Gesellschaft. Man kann also dankbar festhalten: Wie klug und schön, dass Kirche und Staat sich so eine Institution leisten. Und ich füge mit aller Überzeugung hinzu: Es gibt keine Alternative! Unsere Gesellschaft, die sich auf der christlich abendländischen Kultur gründet, kann es sich nicht leisten, es sich nicht zu leisten. Ohne Kunst und Kultur sind wir nicht überlebensfähig. Diese Überzeugung versuche ich zu vermitteln. 

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