Musik als Vollzug der kosmischen Harmonie

Zum zweiten Festival „Out of the Box“ im Januar 2020


(nmz) -
Im vierten Jahr der neuen whiteBOX im 6-stöckigen, orangefarbenen WERK3 haben Martina Taubenberger und ihr Team mit dem zweiten Festival „Out of the Box“ im Januar 2020 eindrucksvoll den programmatischen Claim des Werksviertel-Kunstbetriebs abgesteckt. Als Nucleus verstand sich von Anfang an der gegenüber seinem Vorgänger kleinere Raum im zweiten Stock, von dem aus über das ganze Gelände hinweg ästhetische Trajektorien den Wandel der Werksviertelbaustelle durchgreifen und kulturell armieren sollten. Und von Anfang an stand für Martina Taubenberger fest, dass der Begriff der white box, der seine Message aus dem white cube mit dem Hauptmerkmal des Musealen bezogen hatte, anders besetzt werden müsse.
Ein Artikel von Michael Wüst

Die kartesische Raumauffassung eines musealen Würfels mit orthogonaler Starre wurde durch das Motto des „Raums für Entfaltung“ schon auf der Website ersetzt. Um dem neuen Ansatz zusätzliche Sprungkraft zu verleihen, wurde 2018 das erste Mal das Festival „Out of the Box“ proklamiert. Vorgefertigte, tradierte Kategorien sollten verlassen werden und in der Tat, bereits letztes Jahr war das Publikum ganz aus dem Häuschen. Das Winterfestival hatte, wie auch heuer, auf dem Dach des WERK3, der norwegische Komponist und Perkussionist Terje Isungset mit seiner Ice-Music eröffnet. Im Schneegestöber erklangen zu vokalen, mantraartigen Litaneien, die eine Atmosphäre der Naturreligion schufen, die aus altem Fjordeis geschnitzten ICEstruments der gefrorenen Rolandshörner neben den blau schillernden Blöcken der Perkussion. Dazu hatte man sich einen richtigen Januar gewünscht und bekam ihn auch, was in Zeiten warmer Winter nicht mehr selbstverständlich ist.

Folgerichtig bot das Festival, wie auch heuer, Workshops zu den Themen Nachhaltigkeit und Klima an. Aristoteles lieferte mit dem alten Vierklang von Erde-Wasser-Feuer-Luft das Bühnenbild zu minimaler Musik, respektive mikrotonalem Ausdruck. Wieder wurde das Bühnenbild der Gruppe Aquasonic ihrer mit Menschen und bizarren Instrumenten gefüllten Aquarien zum skulpturalen Highlight des Festivals. Die Dänen bescherten den begeisterten Münchnern einmal mehr einen Märchenblick in aufgeleuchtete Gumpen, heilige Quellen in Zauberwäldchen, in denen ein Rex Marinus mit schönen Udinen mystische Wassergefälligkeiten intonierte. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zukunfts-Euphorie eines Jules Vernes mit seinem fortschrittlich altruistischen Kapitän Nemo. Allein die Wasserinstrumente, mit dem luxuriösen Dekor nostalgischer Science Fiction im Stile eines Unterwasser-Empires  zogen in Mitversunkenheit bei gleichwohl geblubbert verbindlicher Tonalität. Aquasonic ist es gelungen, der musikalischen Versunkenheit ein eigenes Bild zu geben, ein märchenhaftes, bildnerisches Äquivalent wie im Traum eines ertrunkenen Königs. Eigentlich eine Art Psychedelik. Aber was passiert mit der Musik, wenn sie untergeht oder im Uterus erinnert werden soll? Wie war das, als unsere Mütter mit uns im neunten Monat Bruckners 9. hörten? Und gibt es den Todesgesang von Moby Dick, jetzt auch auf Eisplatte? Ästhetische Zaubereien allemal.

Das Festival hat seinen hochkreativen Spaß an Effekten, die entstehen, wenn die Natur in den tradierten kulturellen Raum herein gelassen wird. Das pythagoreische Credo von der Musik als Vollzug der kosmischen Harmonie ist demgegenüber ohnehin entschwunden und gerade der aktuelle künstlerische Schamanismus ist ja an ästhetischer Vernunft nicht interessiert. Im Gegenteil, man flirtet mit der Unberechenbarkeit des Naturgöttlichen. Eine übernatürliche Gewalt der Natur als reinigende Kraft. Auch wenn sich Terje Isungset gerne beseelt als Nachhaltigkeitsschamane gibt und tausend Jahre altes Eis mit autonomem Klang aus der Tiefe der Wasser dabei hat, die kosmische Ordnung muss wohl unter der Rubrik Entropie abgeschrieben werden. Eine Rückverwandlung der Natur in das ihr Voraufgehende, die Wildnis, rüttelt an der ästhetischen Theorie und dem uns seit der Aufklärung eingeübten Eigensinnsbegriff des musikalischen Werks. Ohnehin werden wir seit den Postseriellen immer wieder angehalten, die Vernunft der ästhetischen Theorie über Bord zu werfen und natürlich auch die Digitalität, selbst Thema des Festivals, tut das Ihre dazu, den Werksbegriff zu unterminieren. Die ganze ästhetische Theorie ist out of the Box.

Bei dem kühnen Festival auf dem Werksviertel herrschten über biologisch verformten Musiken gleichvoll fantastische Bilder. Den sensationellen Höhepunkt über den Events der Verblüffung und Verzauberung, bildete heuer Alain Roche mit seiner Komposition „Chantier“. Mit dem aufgehängten Konzertflügel ging es über die Baustelle, wo dereinst der „Schneewittchensarg“, wie das neue Konzerthaus auch schon genannt wurde, entstehen soll. Was für die einen in Social Media-Dis­tanz als Zirkus abgetan, wurde für die anderen, die sich am dunklen Morgen um 6.30 Uhr in klamme Liegestühle auf nassem Lehm gelegt hatten, mindestens ein äußerst aufregendes und auch befremdliches Erlebnis. Schrecklich schön. Da pendelt der in der Dämmerung goldschwarz leuchtende Flügel an einem elegant hochmütigen Kran in taubengrauem Lack. Der Pianist trillert koppheister simple Dur-Dreiklänge und schlägt beizeiten kontrastierend Dissonantes oder jähe Intervalle zu den beiarrangierten Baustellenklängen, die er letzten Herbst bereits vor Ort eingesammelt hat, an. Die fröstelnden Kultur-Touristen am kalten Urbanstrand haben das Ganze im Kopfhörer. Pianis­tisch klingt die geflügelte Artistik wie Einaudi und der Eisbär, im besten Fall ein bisschen nach Philip Glass. Aber das Bild des Flügels mit dem einsamen Männchen an den Tasten, hochgezogen bis an die Spitze des gerade im Rohbau fertigen High-Rise, ist erschütternd, von einer gefährlichen ambivalenten Attraktvität. Sagen wir es mit Rilke: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen.“

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