Musik spielte keine Nebenrolle

Eindrücke von der Leipziger Buchmesse 2018


(nmz) -
Im Rahmen von „Leipzig liest“ verantwortete die nmz zusammen mit dem VdM Veranstaltungen im Musikcafé der Halle 4 sowie am Messestand. Die Gespräche und Veranstaltungen fanden positive Resonanz, so dass einer erweiterten Verbandsplattform für 2019 eigentlich nichts mehr im Wege steht. Gespräche darüber haben begonnen.
Ein Artikel von Barbara Lieberwirth

Die Leipziger Buchmesse war ohne Zweifel politisch wie nie zuvor. Wir sehen, dass politische Positionen in unserer Gesellschaft heftig diskutiert werden. Gerade vor diesem Hintergrund war und ist es uns wichtig, dass wir mit der Leipziger Buchmesse einen Ort für Freiheit, Vielfalt und Toleranz bieten. Es gehört zu unserem demokratischen Werteverständnis, Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt zu gewährleisten, auch wenn die Auseinandersetzung manchmal als schmerzhaft empfunden wird. Eine Demokratie kann und muss das aushalten. Es kam wie erwartet zu Protestaktionen und uns war es wichtig, diesen auch Raum zu geben. Bis auf vereinzelte, laute verbale Auseinandersetzungen sowie kleinere Rangeleien blieben die Aktionen friedlich. Dank der konsequenten Umsetzung unseres Sicherheitskonzeptes und der guten Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden gab es zu keinem Zeitpunkt eine Gefährdung, weder für unsere Besucher noch für unsere Aussteller. Wir freuen uns, dass die Inhalte im Fokus geblieben sind und das ist der größte Erfolg unserer Buchmesse 2018.“ So heißt es im Statement des Geschäftsführers der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, als Reaktion auf Protest­aktionen und Rangeleien gegen rechtsgerichtete Verlage und Autoren auf der Leipziger Buchmesse. Sie war im Jahr 2018 von politischen Debatten geprägt wie kaum eine Veranstaltung zuvor.

So äußerte sich Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, am gemeinsamen Messestand des ConBrio Verlages und des Verbands deutscher Musikschulen zur neuen Regierung und bedauerte, dass wieder kein Bundeskulturministerium ins Leben gerufen wurde. Stattdessen sollen sich vier Staatsministerinnen (Grütters, Widmann-Mauz, Bär, Müntefering) um die vielfältigen Belange der Kultur kümmern. Zum Thema Rechtsextremismus vertritt der Deutsche Kulturrat die Meinung, dass man ihm mit offenen Visier begegnen müsse und dass neue rechte Tendenzen ernst genommen werden sollten. Bildung und Aufklärung spiele dabei eine wichtige Rolle.

Politische Bildung, Erziehung und Weiterbildung sind Schwerpunkte der Leipziger Buchmesse und so fanden 32.000 nach Leipzig gereiste Pädagogen und Erzieher eine Vielzahl von Angeboten vor. Seit einigen Jahren leisten auch Musikverlage und -verbände ihren Beitrag dazu. Musik bewegt sich im politischen und gesellschaftlichen Raum. Hier wird definiert, welche Aufgabe der Musik zukommt. Musikvermittlung wird jedoch mehr und mehr von der Politik unterschätzt. Gerade und ausgerechnet in Sachsen soll wegen des Lehrermangels und „zur Entlastung der Schüler“ die Stundentafel überarbeitet werden. In dessen Folge soll Musik- und Kunstunterricht in der 5. Klassenstufe um je eine Wochenstunde gekürzt werden. Gerade Politiker sollten wissen, dass nicht die MINT-Fächer sondern Musik, Kunst und Sport an der Persönlichkeitsbildung junger Menschen einen erheblichen Anteil haben. Vor diesem Hintergrund war der 3. Musiklehrertag auf der Leipziger Buchmesse zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Über 200 Musikpädagogen aus ganz Deutschland folgten der Einladung der Buchmesse nach Leipzig, um in zwanzig Workshops und Informationsveranstaltungen Anregungen für eine moderne Unterrichtsgestaltung zu erhalten. Als Kooperationspartner hat sich die Messe den Bundesverband Musikunterricht (BMU) und das Jugend-Musik-Netzwerk „Clara“ des Mitteldeutschen Rundfunks an ihre Seite geholt. Beide arbeiten an der bereits vierten Auflage des Musikvermittlungsprojekts des öffentlich-rechtlichen Rundfunks „Ein ARD-Konzert macht Schule“ zusammen. Auf der Buchmesse wurde den interessierten Pädagogen nun das diesjährige „Händel-Experiment“ vorgestellt. Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse waren hier aufgerufen, sich von Georg Friedrich Händels Musik inspirieren zu lassen und unter anderen ein Stück zum Thema Wasser zu komponieren.

Im Ergebnis erreichten über 300 Einsendungen aus ganz Deutschland, darunter sehr professionelle Werke, die Jury. Im Workshop auf der Leipziger Buchmesse konnten sich nun Lehrer ausprobieren und eine dreiminütige Komposition in Szene setzen. In praxisnahen Panels präsentierten Verlage anlässlich des Musiklehrertages ihre aktuellen Titel zur Musikerziehung. Auch der BMU selbst stellte ein genreübergreifendes Thema vor: Literatur und Musik. Die Bezüge beider Sparten öffnen ein weites Themenfeld, auch für den Musikunterricht. Im dialogischen Gespräch entlockten die Referenten Hans Bäßler und Ortwin Nimczik den Romanen „Der Lärm der Zeit“ (2017) von Julian Barnes und „Orfeo“ (2014) von Richard Powers das musikalische Potenzial von Literatur und erweckten reges Interesse im Auditorium. Eine Empfehlungsliste von Romanen und Erzählungen stellt der BMU gern zur Verfügung.

Auch außerhalb des Musiklehrertages wurde ein reichhaltiges pädagogisches Angebot in Halle 4 präsentiert. 39 Musikverlage und -verbände stellten hier sich selbst und ihre Neuerscheinungen vor. Im Zentrum des Musikverleger-Areals stellt zudem die Messe ein Podium zur Verfügung, das nicht nur der bequemen Sessel wegen vom Messebesucher geschätzt wird. Im „MusikCafé“ fanden während der vier Messetage etwa vierzig Veranstaltungen statt. Von der hochkarätigen Nachwuchsmusikerin der Dresdner Musikfestspiele bis zum inklusiven Gesprächskonzert mit der Vollgas-Combo der Musikschule Fürth: alle Akteure fanden reges Interesse und ein aufmerksames Publikum. Verleger und Autoren bekommen hier die Gelegenheit, nicht nur Neuerscheinungen vorzustellen sondern auch aktuelle Themen zu diskutieren, wie zum Beispiel Fragen des Zustands des Musikunterrichts, der Lehrerausbildung und der Arbeitsbedingungen von Musiklehrern. Inklusion und Musikunterricht war ebenso Thema wie das musikalische Mitmachkonzert für Schüler ab 6 Jahren.

Auch Kinder prägen seit Jahren das Bild der Leipziger Buchmesse. Teils im Klassenverband, teils in Begleitung der Eltern interessierten sich in diesem Jahr 30.000 Schüler für Bücher, Lesungen, Comics, für die berüchtigte Manga-Comic-Szene und die Musik-Angebote. Die Buchmesse zeigt, dass Bildungsmöglichkeiten in Deutschland reichlich vorhanden sind. Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben sie auch zu nutzen, ist vorrangig Aufgabe der Politik.

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