Musikalische Basisarbeit im Fokus

Eine Messe-Nachlese in Sachen Musikpädagogik


(nmz) -
Der musikpädagogische Streifzug über die diesjährige Musikmesse bestand vor allem in einer mehrstündigen (beziehungsweise mehrtägigen) Wanderung durch die Halle 3. Hier konnte man die Verlage finden, die einen Großteil ihrer Arbeit der Musikpädagogik widmen. Erfreulicherweise hat die Musikindustrie inzwischen erkannt, dass für die unerlässliche musikalische Basisarbeit hervorragende und motivierende didaktische Materialien benötigt werden und bietet diese in zunehmender Weise an. So fanden sich dieses Jahr wieder zahlreiche Neuigkeiten in den Bereichen Klassenmusizieren, Ensemblespiel, gemeinsames Singen und Swingen.
Ein Artikel von Heike Henning

Dass dieses Jahr der Frankfurter Musikpreis an den Komponisten, Musiker und Wirtschaftswissenschaftler José Antonio Abreu für sein musikpädagogisches Engagement in Venezuela verliehen wurde, spiegelt diese Entwicklung wider. Auch wenn bei uns, anders als in Venezuela, kein einheitliches und länderübergreifendes Konzept besteht, konnte man doch deutlich einen Trend zur Förderung des gemeinsamen Musizieren feststellen. Die auf der Messe vertretenen Verlage boten zahlreiche Anregungen, Spiel- und Musizieranlässe, auch für nicht durch ein Förderprojekt privilegierte Schulklassen.

Erwähnenswert sind hier die von Richard Filz entwickelten und bei Universal Edition verlegten Hefte „Rhythmus für Kids“ und „Rap, Rhythm and Rhyme“. Ersteres ist für das Gruppenmusizieren mit Kindern im Grundschulalter gedacht. Die witzigen Wortspiele sowie Klatsch-, Patsch- und Stampf-übungen mit wachsendem Schwierigkeitsgrad schulen Körperwahrnehmung, Koordinationsfähigkeit, Differenzierungsvermögen und die Rechts-Links-Koordination. „Rap, Rhythm and Rhyme“ wendet sich eher an die älteren Schüler und vermittelt die Vocal-Percussion oder Beatboxing genannte Technik, mit der Stimme schlagzeugartige Klänge zu erzeugen. Mit den unterhaltsamen Übungen und Stücken wird hoffentlich manchen jungen Leuten der Zugang zur eigenen Stimme und zum Singen erleichtert. Die den Heften beigefügten CDs enthalten alle vorgestellten Übungen, Arrangements und Playbacks und helfen sowohl bei den Vorbereitungen als auch bei der Vermittlung in der Klasse. Zur Erweiterung ist auch eine DVD erschienen, die alle Tricks und Kniffe des Imitierens von Schlagzeug- und Perkussionsklängen vermittelt. Mit dem ansprechenden Mitmach-Video machen Unterrichtsvorbereitung und Üben Spaß.

Percussion kinderleicht

Gemeinsames Musizieren im Vor- und Grundschulbereich ermöglicht das neue Buch von Michael Diedrich „Abenteuer Musik – gemeinsam musizieren mit Stabspiel und Boomwhacker“ (Edition Conbrio). Es ist für größere Gruppen oder Klassen konzipiert, mit denen in einer Live-Band aus Stabspielen, Bhoomwhackers, Cajón und Stimme musiziert werden kann. In einem Schülerheft werden Anregungen für das Musizieren zu Hause gegeben, um die Spielmöglichkeiten schnell zu erweitern. Die gute Körperkoordination, die für das gemeinsame Musizieren erforderlich ist, wird durch die Kombination von Bewegung, Musik und Sprache trainiert, was sich in zahlreichen Spielvorschlägen für Bodypercussion widerspiegelt. Ganz nebenbei wird die Notenschrift eingeführt. Auch dieses Werk wird durch eine CD zum Hören und Mitmachen komplettiert.

Klasse musizieren

Der Verlag Helbling bereichert den Bereich Klassenmusizieren mit zwei weiteren Heften. „Liedbegleitung elementar 1“ bindet alle Kinder einer Grundschulklasse in abwechslungsreicher Weise in aktives Musizieren ein. Die Materialien stellen Möglichkeiten zum Vertrautwerden mit dem Notenbild, zum Erkennen von Liedstrukturen und rhythmisch-melodischen Besonderheiten und zur Schulung des Harmoniebewusstseins dar. Die unvermeidliche CD mit allen 13 „Hits“ liegt dem Heft bei. Ergänzt wird der Band auch durch einen auf DVD erhältlichen Videoworkshop, bei dem man den Autor bei der Erarbeitung von Liedbegleitungen in Schulklassen beobachten kann. „Trommeln ist klasse“ von Ulrich Moritz und Klaus Staffa ist dagegen ein innovativer, systematischer Praxislehrgang für alle, die mit Gruppen trommeln und rhythmisch arbeiten, egal ob in Schule, Musikschule, Jugend- oder Erwachsenenpädagogik. Neben der spielerischen Förderung musikalisch-rhythmischer Grundfertigkeiten kommt hier auch das kognitive Verständnis für Rhythmen und musikalische Verläufe nicht zu kurz.

Außerhalb der Schule und anderen Musiziervereinigungen wie Orchestern und Chören wird vor allem in Ensembles und im Gruppenunterricht musiziert. Hier ist dem Verlag Breitkopf das schier unmögliche, universal einsetzbare Werk gelungen. „Flexible Strings“ von Angelika Bachmann enthält fünf Stücke für ein variables Streicher-Ensemble. Hier findet man pfiffige Stücke für Quintett, Sextett bis hin zu Stücken mit achtzehn selbstständig geführten Stimmen in unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Basis der Arrangements ist ein Streichquintett, das beliebig erweitert werden kann, und zwar sowohl um Spieler, die noch völlige Anfänger auf ihrem Instrument sind, als auch um sehr fortgeschrittene Schüler. Die Ausgabe enthält eine Partitur mit Anweisungen und eine CD-Rom, mit der man das Spielmaterial flexibel ausdrucken kann. So kann dem Problem von unterschiedlichen Leistungsniveaus innerhalb einer Gruppe oder Klasse begegnet werden. Eine gute und durchdachte Medienergänzung zu egal welchem Prinzip des Klassenmusizierens stellen die Hubelino Rhythmusbausteine (ConBrio/Terzio) dar. Die im Legoformat konzipierten Rhythmusbausteine können in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu einem kreativen Rhythmuspuzzle zusammengelegt und immer variiert werden. Ganz ohne Rechnen können die Kinder hiermit das Prinzip von Takt und Noten mit den Händen begreifen und ganzkörperlich umsetzen.

Neuland für Stimme und Instrument

Interessant für Schule und Musikschule sind immer auch Arrangements für variable Besetzungen, die Schülern die Musik anderer Kulturen näher bringen. „Irish“ heißt der neu erschienene Band der Reihe Combocom (Bärenreiter). Er enthält neun Arrangements für zwei Melodie-Instrumente in C oder B, Gitarre, Klavier, Violoncello oder Kontrabass. „Tepe“ lautet der Titel eines Stücks, das Ralf Kleinehanding für Schlagzeug-Ensemble an Schulen und Musikschulen veröffentlicht hat (Zimmermann). Hierbei handelt es sich um eine Auftragskomposition für die türkisch-islamische Gemeinde in Konstanz für vier bis zehn Spieler unterschiedlichen Leistungsniveaus. „Nyela Africa!“ (Helbling) ist eine Sammlung von afrikanischen Liedern und Spielstücken für das Singen und Musizieren mit der ganzen Klasse. Die beigefügten Begleitpatterns, Tanzanleitungen und CD-Beispiele ermöglichen einen ganzheitlichen Zugang zur Musik Schwarzafrikas.

Viele Instrumentalisten suchen nach geeigneter, modernerer Literatur zur Entspannung oder für den Wiedereinstieg am Instrument. Unter musikpädagogischen Aspekten besonders zu nennen wäre hier die Serie „Piano Moments“(Zimmermann) mit einfacher bis mittelschwerer Klaviermusik, die in diesem Jahr um zwei Bände bereichert worden ist. „Feuerspiel“ enthält zwölf mittelschwere Stücke zum Entspannen am Klavier. Eine CD erleichtert das Ein-üben gerade für Wiedereinsteiger, die keinen Unterricht mehr genießen. Die Stücke haben fantasievolle Titel wie „Traumszenen“ oder „Windblitze“ und regen die spielerische Intuition des Interpreten an. Stilistisch sind die Stücke zwischen ernster und Unterhaltungsmusik angesiedelt. „Bilder einer Landschaft 2“ beinhaltet zwölf stimmungsvolle Landschaftsbilder aus dem Genre zwischen Jazz und Klassik.

Musik unterrichten

Suchte man auf der musikpädagogischen Wanderung nach den Schulbuchverlagen, so wurde man leider enttäuscht. Auch im Bereich der allgemeinen Musikdidaktik gab es nur wenig Neues. In dem Praxisbuch „Musikhören in der Grundschule“ (Bosse) bietet die Autorin Birgit Jeschonneck Anleitungen und Beispielstunden, die zeigen, wie Musik als Hörerlebnis im Unterricht seinen Platz finden kann. Grundlage ist ein handlungsorientierter, fächerübergreifender Ansatz mit dem Ziel, Kinder in die Musikkultur einzuführen. Die beiliegende CD enthält zahlreiche ungewöhnliche Hörbeispiele, die weit über das hinausgehen, was der Lehrer in seinem Plattenschrank stehen hat.

Der Musikunterricht hat im gegenwärtigen Schulbetrieb eher einen geringen Stellenwert. In ein oder maximal zwei Wochenstunden hat der Musiklehrer die nicht gerade einfache Aufgabe, den Schülern gute musikalische Grundkenntnisse zu vermitteln. Hier setzt das Buch „Musik unterrichten“ von Ralf Beiderwieden (Bosse) an. Es gibt dem Musiklehrer von heute eine systematische Methodenlehre an die Hand, mit der sich der Unterricht optimal gestalten lässt. In den gewählten Feldern (Essentials, Stunden-Design, Organisationsphase, Musiklehre, Komponieren, Schulmusik, Zensieren, Hilfen und Hürden) werden konkrete und praxisbezogene Vorgehensweisen aufgeführt. Dabei wird unter anderem vermittelt, wie der Musikunterricht vom reinen Faktenlernen befreit werden kann. Er weist den Weg zu einer Balance zwischen musiktheoretischen Kenntnissen und der praktischen Anwendung im Gesang oder beim Hören von Musik. Das Pendant für die Instrumentalpädagogen bietet Elke Gallenmüller mit „Praktisch didaktisch – Was einen guten Instrumentalunterricht ausmacht“ (Holzschuh). Ein engagiertes, vergnüglich zu lesendes Buch mit einer Fülle kreativer Ideen für ein erfülltes Berufsleben als (Instrumental-)Lehrer. Mit Hilfe dieses Buches lässt sich die Zeit bis zur nächsten Musikmesse mit hoffentlich vielen neuen Anregungen jedenfalls bestens überbrücken.

Weitere Rezensionen von Messeneuheiten in den kommenden Ausgaben

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