Musikschule und Digitalisierung

Ein Beispiel: Die Staatliche Jugendmusikschule Hamburg


(nmz) -
Der Gitarrenlehrer schreibt seine Gitarrengruppe über den Chat der JMS Hamburg App an: „Der Unterricht findet heute in Raum 1.01 statt.“ Winfried Stegmann, Pädagogischer Leiter, tes­tet nebenan mit Lehrkräften aus dem Fachbereich Streichinstrumente eine neue App für den Unterricht. Im Konzertsaal treffen der Veranstaltungsleiter und der Leiter der Bühnentechnik die letzten Vorbereitungen für das Livestream-Konzert am Abend.
Ein Artikel von Stefanie Valjeur

Wer dieser Tage durch die Zentrale der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg (JMS) geht, spürt den digitalen Wandel überall. Im Alltag der größten Musikschule Europas sind neue Technologien ein fester Bestandteil geworden. Die JMS will Digitalisierung aktiv gestalten. Erklärtes Ziel: Allen Hamburger Kindern und Jugendlichen, die es wünschen, eine moderne musikschulische Bildung ermöglichen.

Kulturelle Teilhabe stärken

Guido Müller, Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, sitzt in seinem Büro. Das iPad liegt auf dem Schreibtisch, das Headset von der letzten Online-Konferenz gleich daneben. Die Digitalisierung der JMS – für Müller eine Herzensangelegenheit. „Wir wollen den technischen Fortschritt für unsere Belange und Ziele einsetzen. Wir sind als aufsuchende Musikschule mit unserer dezentralen Struktur mit mehr als 150 Standorten, unserer Anbindung an die allgemeinbildenden Schulen, aber auch mit speziellen Angeboten wie dem ©jamliner, Hamburgs musikalischer Buslinie, schon immer gezielt zu den Kindern und Jugendlichen gegangen, um so auch die zu erreichen, die bisher nicht den Weg zu uns gefunden haben“, erklärt Müller die Philosophie des Hauses. Die Digitalisierung an der JMS soll diesen Weg nun konsequent fortführen: Ein vereinfachter, digitaler Zugang zu den musikschulischen Angeboten, verbunden mit einem modernen und optimierten Vermittlungsprozess, soll Kinder und Jugendliche schneller und gezielter in den gewünschten Musikunterricht bringen. Wer an der JMS unterrichtet wird, soll von moderner technischer Ausstattung, digital geschulten Lehrkräften, aber auch von einer schlanken, technisch optimierten Verwaltung profitieren. „Die Digitalisierung soll dabei keinesfalls den Unterricht vor Ort ersetzen“, betont Müller und ergänzt: „Sie soll ihn dort, wo es sinnvoll ist, technisch unterstützen, ihn besser und zeitgemäßer machen!“

Eingeläutet wurde der digitale Wandel an der JMS bereits Anfang 2020, als Hamburgs Schulsenator Ties Rabe erklärte, die JMS habe im Rahmen der „Digital First Strategie“ des Hamburger Senats höchste Priorität. Im Zuge dieser Offensive sind die rund 320 Lehrkräfte der JMS mit iPads ausgestattet worden. Der Zeitpunkt hätte kaum glücklicher gewählt sein können: Nur wenig später ging es für die Musikschulen in den Lockdown. Der Online-Unterricht konnte an der JMS jedoch dank der iPads zügig auf die Beine gestellt werden. Doch ein Tablet allein macht noch keinen guten Musikunterricht.

Damit die iPads im Unterricht sinnvoll zum Einsatz kommen können, arbeitet Winfried Stegmann, Pädagogischer Leiter der JMS, mit einem Expertenteam zusammen, das sich intensiv mit der passenden Ausstattung für die iPads beschäftigt. Gemeinsam recherchieren und testen sie verschiedene Apps – von fächerübergreifenden Anwendungen wie GarageBand und iMovie, aber auch Stimmgerät und Metronom hin zu spezifischen Apps für die unterschiedlichen Instrumentengruppen oder den Gesangsunterricht.

Konzepte und Möglichkeiten

„Die Auswahl pädagogisch und didaktisch sinnvoller Apps ist aufgrund der Fülle an Angeboten eine Herausforderung. Wir greifen dabei auf die Erfahrung der Lehrkräfte zurück und stehen im regen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern“, erläutert Stegmann den Prozess. Außerdem stützt sich die Auswahl auch auf die Empfehlungen von Experten wie Matthias Krebs. Krebs ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin Career College der Universität der Künste Berlin. Er ist Gründer und Leiter der Forschungsstelle Appmusik (FAM) sowie Verantwortlicher des Lehrforschungsprojektes DigiMediaL_musik.

„Wir prüfen alle Apps anhand zahlreicher Kriterien. Dazu zählen datenschutzrechtliche Anforderungen, Bedienungsfreundlichkeit, fachliche und didaktische Qualität. Aber wir berücksichtigen auch die Kosten oder notwendige Schulungsangebote für Lehrkräfte“, so der Pädagogische Leiter.

Auch im Veranstaltungsbereich ist der digitale Wandel spürbar. Neue Wege des gemeinsamen Musizierens wurden gesucht und der Einsatz neuer Medien ausgebaut. Bereits im ersten Lockdown 2020 ging der Youtube-Kanal der JMS an den Start. Unter dem Hashtag #wirspielenzuhause beteiligten sich zahlreiche Schülerinnen und Schüler mit selbstgedrehten Videos. Später kamen Livestream-Konzerte dazu – einige davon in Kooperation mit dem Hamburger Bürgersender TIDE TV. Aus dieser Zusammenarbeit ist mit Hilfe der Förderung der Claussen-Simon-Stiftung das neue Unterrichtsangebot „Film- und Medientechnik“ entstanden, bei dem die Teilnehmenden ihre digitalen Kompetenzen rund um Video- und Audioproduktion vertiefen können.

Meilensteine: Online & App

Ende 2020 startete darüber hinaus der neue Dienst „JMS online“, über den man sich für Unterrichtsangebote der JMS erstmals online vormerken lassen kann. Schritt für Schritt wird der digitale Dienst erweitert. Ziel ist die Digitalisierung des gesamten Vermittlungsprozesses von der Anmeldung über die Vermittlung von Kursen bis hin zur Gebührenabrechnung.

Parallel startete auch die Entwicklung der „JMS Hamburg App“. Zum neuen Schuljahr ging die App mit 30 ausgesuchten Lehrkräften und ihren rund 700 Schülerinnen und Schülern in die Pilotphase. Die App informiert über alle Neuigkeiten rund um den Unterricht. Raum- oder Terminänderungen können kurzfristig mitgeteilt werden. Die neue Chatfunktion macht Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften einen direkten Austausch möglich. Die Kommunikation erfolgt in Echtzeit und ist datenschutzkonform. In den Rubriken „Aktuelles“ und „Veranstaltungen“ finden sich aktuelle Angebote und Ausschreibungen der JMS. Lehrkräfte führen über die App ihre An- und Abwesenheitslisten digital statt bisher handschriftlich. Dies spart explizit Zeit, die künftig in die pädagogische Arbeit fließen kann. „Die App vereinfacht Kommunikation und Prozesse. Dadurch können Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sich noch mehr als bisher auf das Wesentliche konzentrieren: das gemeinsame Musizieren“, erläutert Direktor Müller. Mit Beginn 2022 soll die App in der ganzen JMS vollständig implementiert sein.

Ausblick: Digitalisierung und (Musik-)Schule in Hamburg

Die Stadt Hamburg ist bundesweit einer der Vorreiter, wenn es um die Digitalisierung allgemeinbildender Schulen geht. Davon profitiert auch die JMS – und sie möchte weiter Teil dieser Erfolgsgeschichte sein. Das nächste Ziel heißt daher: Anbindung der Staatlichen Jugendmusikschule an die Lernplattformen LMS Hamburg der Allgemeinbildenden Schulen. Im Vergleich zu einer eigenen Lernplattform biete das enorme Vorteile, so Müller. „Zum einen hat ein Großteil der Schülerschaft bereits Zugriff auf LMS Hamburg, zum anderen würde auch die Zusammenarbeit zwischen den Musiklehrkräften der Schulen und der JMS erleichtert.“

Und: Mit dieser digitalen Infrastruktur ergäbe sich für die Lehrkräfte an der JMS eine ganze Palette neuer Möglichkeiten für den Unterricht. Digitale Arbeitsformen könnten in den Instrumental- und Gesangsunterricht einfließen. Videoaufnahmen könnten gezielt in den Unterricht eingebaut und zur Analyse genutzt werden. Arrangements und Bearbeitungen von Stücken könnten gemeinsam am Bildschirm erstellt werden, interaktiv aufbereitete Aufgaben und Lernprogramme das Üben zu Hause ergänzen. Die nötigen Whiteboards wurden für die JMS bereits angeschafft.

„Die Anbindung an LMS Hamburg ist jetzt der nächste große Schritt. Aber was wir bis heute an der JMS auf den Weg gebracht haben, macht mich unglaublich stolz. Wir sind ja noch vor Beginn der Pandemie in den Marathon „Digitalisierung“ gestartet und wir haben bisher all unsere Ziele erreicht. Und das trotz Corona und oftmals erschwerter Bedingungen! Was die Kolleginnen und Kollegen geleistet haben, ist großartig. Und es stimmt mich optimistisch für den weiteren Weg“, resümiert Direktor Müller, bevor er wieder nach dem Headset greift. Die nächste digitale Konferenz wartet schon.  

 

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