Musiktheorie für die berufliche Ausbildung

Ein neues Lehr- und Arbeitsbuch für die sozialpädagogische Ausbildung im Verlag Neue Musik


(nmz) -
Mit dem neuen Musiktheorie-Lehrbuch von Thomas Buchholz wird eine spezielle Klientel angesprochen, für die es bisher kaum ausreichende Fachbücher gab. Gemeint sind die Fachschulberufsausbildungen im Bereich der Sozialpädagogik. Erzieher*innen oder auch Kinderpfleger*innen sollen, wenn man die Rahmenrichtlinien der Länder befragt, eine musikalische Elementarausbildung erhalten, die es ihnen ermöglicht, Kinder verschiedener Altersgruppen bei musikalisch-pädagogischen Angeboten anzuleiten. Dass sich unter den Schülerinnen und Schülern der Berufsfachschulen immer weniger befinden, die dafür das eigentlich notwendige musikalische Rüstzeug mitbringen, hat verschiedene, jedoch miteinander vernetzte Ursachen.
Ein Artikel von Walter Thomas Heyn

Die Musikausbildung an vielen allgemeinbildenden Schulen ist mittlerweile inhaltlich in Deutschland nicht mehr ausreichend, um die für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern nötige Basis zu legen. Das beginnt mit der Anleitung zum praktischen Musizieren in den Schulklassen, geht über fehlendes Chorsingen bis zum kaum vorhandenen Ensemblemusizieren. Wer da nicht außerschulisch instrumentale oder vokale Ausbildungsangebote nutzen kann, bei dem wird der Umgang mit Liederbuch, Gitarre oder Orff-Instrumenten schwierig und die Notenschrift bleibt eine Kabbala. Dabei sind die Vorgaben der jeweiligen Rahmenpläne der Länder für die Ausbildung zum Sozialpädagogen immer noch an einer vorangegangenen lückenlosen Realschulausbildung im Fach Musik orientiert. Der Mangel an ausgebildeten Fachlehrern für Musik und die Einstufung der kreativen Fächer als „weiche Fächer“ gegenüber den „harten Fächern“ führten schon seit vielen Jahrzehnten zu Defiziten im Fach Musik. Anpassungen von Bildungsplänen gingen zumeist zu Lasten musikpraktischer Stoffeinheiten. Die wenigsten Realschulabgänger sind nach einer maximal zehnjährigen allgemeinbildenden Musikausbildung in der Lage, sich unbekannte Melodien aus einem Liederbuch anhand des Notentextes zu erschließen.

Aktuelle Beispiele

Umso schwieriger gestaltet sich die Berufsausbildung der Sozialpädagogen in den entsprechenden Lernfeldern. Lehrbücher die den musikalischen Unterrichtsstoff in der Art von Kompendien zusammenfassen, schaffen leider nur überblicksartig einen zumeist außermusikalischen Betrachtungswinkel (z.B. vom Cornelsen Verlag: Erzieherinnen + Erzieher Band 2, S. 264–303, Berlin 2020). Eine speziell auf die theoretischen Grundlagen für musikalische Angebote in sozialpädagogischen Bildungseinrichtungen ausgerichtete Darstellung war auf dem Buchmarkt bislang nicht erhältlich. Diese Lücke zu schließen, ist die erklärte Absicht der durch das IWK (Institut für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege gGmbH) herausgegebenen und vom Verlag Neue Musik in Berlin verlegten Publikation.

Das neue Lehr- und Arbeitsbuch macht sogleich in der soliden Ausführung, qualitativ hochwertigem Papier, durchgehendem Farbdruck und einer Vielzahl von grafisch fein gestalteten Abbildungen allein äußerlich etwas her. Inhaltlich, so die Geschäftsführerinnen der herausgebenden Berufsschule im Vorwort, ist ein langjährig erfahrener Musikpädagoge verantwortlich. Thomas Buchholz ist der Musikwelt vor allem als international ausgezeichneter Komponist von Neuer Musik bekannt, verfügt aber ebenso über Erfahrungen als Hochschullehrer, diplomierter Waldorfpädagoge und international anerkannter Spezialist der Musik des Subkaukasus.

Aufbau

Der Aufbau des Lehrbuchs gehorcht zunächst einer grundlegenden Chronologie. Dabei scheint es auch möglich, einzelne Kapitel separat zu behandeln. Je höher das Ausbildungsniveau der Themenbereiche, umso abgeschlossener zeigen sich die Themenfelder. Dabei fällt ein ausgesprochen erklärender Sprachstil auf, bei dem sich die Leserin bzw. der Leser direkt angesprochen fühlt. Nach jeder größeren Themeneinheit erfolgen Aufgaben, die eine modifizierbare Lernkontrolle bieten.

Nach einer eher populärwissenschaftlich gehaltenen Einführung in die Entstehung der Notenschrift erklärt der Autor den Aufbau des Liniensystems, die Notenzeichen, den Rhythmus und die Taktarten, um schließlich über die Stammtonreihe, die Okavbereiche und die Versetzungszeichen zum System der Tonarten zu gelangen. Immer dort, wo andere Fachbücher die Vollständigkeit theoretischer Sachverhalte anstreben, orientiert sich Buchholz an den Gegebenheiten von Kinderliedern und dem Liedgut einschlägiger, auch populärer Liederbücher, wie sie in den sozialpädagogischen Arbeitsfeldern Verwendung finden.

Liedformen

Sehr gelungen erscheint die Behandlung von Liedformen, weil hier die traditionelle Auflistung gut nachprüfbarer Formstandards einer zeitgemäßen offenen Betrachtungsweise gewichen ist, die letztlich die Einordnung von Liedern nach der altersgerechten Verwendung möglich macht und gleichzeitig Hilfen bei der Einstudierung geben.

Die Rolle der Solmisation im Kapitel „Blattsingen“ behandelt lediglich das System Jale des Musikpädagogen Richard Münnich von 1930 und ist daher für Gegenden, in denen das klassische Do-Re-Mi üblich ist, weniger anschaulich. Die Art der Erklärungen sind hingegen so, dass man recht tief in ein Verständnis um die Energie der Tonbewegungen eindringen kann und eine gute Methode für das sichere Blattsingen erlernt.

Dem weiten Feld der Anleitung von Kindern beim Singen und Musikmachen ist ein besonderes Kapitel gewidmet. Wer einmal erlebt hat, wie sehr das Anstimmen eines Liedes schief gehen kann, der wird die Notwendigkeit eines solchen Kapitels verstehen, das eine Anleitung zum Anleiten des Musizierens mit Kindern und Laien gibt.

Auch dem Orff-Instrumentarium widmet der Autor ein eigenes Kapitel. Zusammengeführt werden diese Kenntnisse mit dem Vorausgegangenen in zwei der musikalischen Kreativität gewidmeten Kapiteln. Hier demonstriert der Autor das Erfinden von Rhythmen und Melodien auf sehr anschauliche Weise und regt zum Nachmachen an. In gleicher Art erläutert der erfahrene Komponist in einem weiteren Kapitel die Möglichkeiten von Kinderlied-Arrangements mit Orff-Instrumenten. Gerade in Zeiten, wo das Singen nur eingeschränkt stattfinden konnte, wurde deutlich, wie sehr instrumentales Musizieren eine wichtige Ergänzung der Beschäftigungsangebote sein kann.

Musik digital

Am Ende kommt das Buch als erstes seiner Art in den Bereich, den der Autor „Musik digital“ überschreibt. Nach einer kurzen Begriffsklärung von digital über MIDI bis zu Fragen von Hard- und Software vermittelt der Autor eine Anleitung, mithilfe des Freeware-Notensatzprogramms MuseScore® Lieder und Begleitsätze zu erstellen. Das mag zunächst nichts Besonderes sein, aber im Rahmen des beruflichen Ausbildungsprogramms eröffnet diese Fähigkeit für die Erzieherin oder den Erzieher auch ohne umfangreiche Kenntnisse im Instrumentalspiel die Möglichkeit, sich unbekannte Lieder klingend zu erschließen. Die meisten Notensatzprogramme sind in der Lage, eingegebene Notenzeichen klingend wiederzugeben und dabei die Parameter Tempo und Tonhöhe zu verändern. Darüber hinaus kann man Begleitsätze auf CDs oder als mp3-Dateien speichern. Dieses letzte Kapitel unterstreicht das zuvor Dargestellte und fungiert wie ein musiktheoretisches Prüfwerkzeug über das zuvor Gelernte.

Besondere Empfehlung

Insgesamt handelt es sich um ein umfangreiches, gut aufbereitetes und zu vielen Ausbildungen nützliches Buch. Es ist in Zeiten von digitalem Unterrichten und digitalem, vor allem selbstständigem Lernen (Homeschooling) eine besondere Empfehlung auf dem musikpädagogischen Buchmarkt.

 

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