Nachschlag 2012/10

Kantönli-Denken ade?


(nmz) -
Eine aktuelle Meldung aus der Schweiz lässt deutsche Musikpädagogen aufhorchen: Bei den Eidgenossen hat jetzt die Jugendmusikförderung einen Platz in der Verfassung erhalten. Durch eine schweizweite Volksabstimmung sind 26 Kantone dazu verpflichtet, bundesweite Bildungsziele für die Musik in den Schulen zu formulieren. Man beachte: Die Kantone formulieren diese, nicht die Bundesregierung in Bern. Der Bund darf – oder soll – zusammen mit den Kantonen Grundsätze zu den Musikangeboten in der Freizeit festlegen und die Hochbegabtenförderung verbessern. Was in der Schweiz kantonal- und seit neuestem auch bundesverfasst ist, ist bei uns Ländersache, nämlich Bildung und Kultur.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Vor diesem Hintergrund bekommt der erste gemeinsame Bundeskongress Musikunterricht der beiden großen schulmusikpädagogischen Bundesverbände, des Verbandes deutscher Schulmusiker (VDS) und des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS), eine neue Bedeutung. Auch wenn Schule Ländersache ist: ausfallender Musikunterricht, schwindende Bedeutung desselben gegenüber den MINT-Fächern, Aufgehen in so genannte ästhetische Fächer und Schulzeitverknappung sind keine Länderphänomene, sondern bundesweit zu beobachten. Was spricht also gegen die Fixierung nationaler Bildungsstandards bei gegebener Gestaltungsfreiheit durch die Länder, wie sie sich auch Thüringens Kultusminister Christoph Matschie auf einer Podiumsdiskussion „Bildung – Musik – Kultur“ vorstellen konnte? Einzig, dass man musikalische Kreativität nicht so einfach standardisieren kann: Bundesweite Bildungsziele würden da sicher mehr Gestaltungsspielräume lassen. Wichtiger als eine Standardisierung ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems – ein Umzug von Nord nach Süd oder von West nach Ost sollte bei Schulkindern keine Schäden verursachen.

Der erste Bundeskongress Musikunterricht fand mediale Beachtung wie noch keiner seiner Vorgänger. Das hatte zwei Gründe: Zum einen ist er inzwischen nicht nur größter musikpädagogischer Kongress im deutschsprachigen Raum, sondern überhaupt der größte Musikkongress mit insgesamt um die 2.000 Beteiligten. Und zweitens war es nicht nur ein Fachkongress – mit Diskussionen über Feinheiten des Klassenmusizierens kommt man nicht auf die Titelseite der Thüringischen Allgemeinen –, es war auch ein politischer Kongress: Es ging um nicht mehr und nicht weniger als um die Zukunft des Schulfaches Musik.

Die gelungene Vereinigung ihrer Kongresse zu einem gemeinsamen ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Fusion von VDS und AfS, sozusagen Wasser auf die Mühlen der Fusionsbefürworter. Auch wenn der Prozess der Verschmelzung nach diesem bemerkenswerten Kongress irreversibel scheint, der Weg dahin ist noch ein steiniger:  Größtes Hindernis sind dabei die Bundesstruktur des AfS und die Landesstrukturen des VDS mit 16 Chefs. Sollen nur die Bundesverbände fusionieren? Das wäre ein zahnloser Tiger. Auch ein fusionierter Verband muss in Zukunft beides erfüllen: Er muss aus einem starken Bundesverband und 16 starken Landesverbänden bestehen. Das  ist unabdingbar, weil es unserem föderalen System entspricht. 

In der Schweiz soll der Bundesverfassungsartikel für einen besseren Pflichtunterricht und in der Freizeit für einen erschwinglichen Zugang zu Musikschulen sorgen. Themen also wie sie auch  hierzulande seit JeKi und Ganztagsschule ganz oben auf der kulturpolitischen Agenda stehen. Vielleicht sollte der neu fusionierte Verband als erstes 16 Volksabstimmungen über den Verfassungsrang der Jugendmusikförderung initiieren? Warum nicht. Sparen am Musikunterricht wäre dann nicht mehr ganz so einfach. 

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