„Neue Musik entwickelt sich zur meistgeförderten Sparte“: Hortensia Völckers im Gespräch


(nmz) -
2008 startete das Förderprojekt Netzwerk Neue Musik der Kulturstiftung des Bundes. Ziel ist die Stärkung der Präsenz Neuer Musik im Kulturleben, um die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu erhöhen und neues Publikum zu gewinnen. Die neue musikzeitung bat die Künstlerische Direktorin der Stiftung, Hortensia Völckers, um eine Zwischenbilanz.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Welches Feedback hat Sie hier in der Zentrale nach zweieinhalb Jahren Laufzeit des Programms erreicht?

Hortensia Völckers: Mich erreichen jetzt viele positive Nachrichten. Oft sind die Absender verwundert darüber, dass das Netzwerk  schon so viel in den verschiedenen Städten bewirkt hat. Viele Projekte sind in Gang gekommen, trotz der Schwierigkeiten, die mit neuen Partnerschaften und den vielen Mitfinanzierungen verbunden sind.

Anfangs sahen manche im NNM nur eine Fortsetzung  ihrer bisherigen Aktivitäten – nur finanziell besser ausgestattet. Dass unsere Initiative unterschiedliche Gruppen, Künstler und Institutionen zu neuen Kooperationen anstiften wollte, wurde nicht von allen Partnern auf Anhieb verstanden. Wenn die lokalen Netzwerke aber ihre Zusammenarbeit nicht ausbauen und neue Arten der Kooperation organisieren, sehe ich ganz große Schwierigkeiten für ihr Weiterbestehen nach dem Engagement der Kulturstiftung des Bundes. Die dezentrale und lokale Ausprägung der Projekte ist offensichtlich eine Hürde für die überregionale Presseberichterstattung. Das finde ich bedauerlich. Denn es sind immerhin 22 Millionen Euro, die mobilisiert worden sind, wovon zwölf von der Kulturstiftung des Bundes kommen, der Rest von Ländern, Kommunen und den rund 250 Partnern. Das gehört wesentlich zur Netzwerk-Idee.

nmz: Dass aber die Förderungen der KSB grundsätzlich nicht auf Nachhaltigkeit angelegt sind, scheint zunehmend ein Problem für die Kommunen zu sein?

Völckers: Das sehen wir ganz anders: Selbstverständlich zielen die Förderprogramme auf Nachhaltigkeit. Die von uns mit initiierten Aktivitäten sollten nach dem Ausscheiden der KSB weiter existieren und sich entfalten. Wir hoffen, dass die Netzwerke in den Stand versetzt werden, so klug und aktiv in einer Kommune zu agieren, dass sie auf Dauer unverzichtbar sind. 

nmz:  Sounding D, das vom 25. August bis zum 12. September 2010 in ganz Deutschland stattfindet, verschlingt beinahe 10 Prozent der gesamten Fördermittel der Bundeskulturstiftung. Ist das nötig?

Völckers: Das Netzwerk mit seinen 15 Orten und 250 Partnern ist eine lokal-kleinteilige Vernetzungsarbeit. Das ist der Grund, warum keine zentrale Sichtbarkeit entsteht. Sounding D soll eine zentrale gemeinsame Veranstaltung sein, es ist aber kein Feuerwerk, das an einem Tag ohne jeden Zusammenhang und ohne Vermittlung abgefeuert wird, sondern im Gegenteil: ein sorgfältig vorbereitetes Vorhaben. Hier sollen die lokalen Netzwerke vor Ort Präsentationen machen und dann auf Reisen gehen. In der Mitte Deutschlands kommen dann alle 15 zusammen.

Ich finde, das ist eine zauberhafte Idee, einen derart historischen Ort wie die Wartburg mit Neuer Musik zu konfrontieren, insbesondere auch mit performativen Konzepten, für die etwa die Arbeiten des Schweizer Komponisten Daniel Ott stehen. 

nmz: Ist sounding D nicht genau die oberflächliche Event-Kultur, gegen die das Netzwerk antrat?

Völckers: Ganz im Gegenteil. Sounding D wurde von Bojan Budisavljevic und seinem Team in enger Zusammenarbeit mit den Netzwerken und verschiedenen anderen Künstlern so konzipiert, dass sich das Projekt erstmals als Ganzes bei dieser Veranstaltung Gehör verschafft. Sounding D soll ein Wahrnehmungsproblem beheben. So ein riesiges Projekt braucht bundesweite Öffentlichkeit. Außerdem: Seit wann sind Konzerte von Schönberg, Xenakis, Stockhausen und Mason an Orten wie der Bach-Kirche St. Georgen, dem Festsaal der Wartburg oder dem Rokokosaal des Stadtschlosses in Eisenach oberflächliche Events?

nmz: Wenn in Italien das Dekret von Sandro Bondi Gesetz wird, stehen dort Einstellungsstopps bei Orchestern, Streichungen in den hausinternen Verträgen der einzelnen Theater und Einsparungen bis zu einem Drittel der staatlichen Mittel bevor. Droht das bald auch uns hier?

Völckers:  Nein. Gott sei Dank droht uns ein solches Horror-Szenarium nicht. Wir pflegen unsere Kulturlandschaft auf ganz andere Weise. Sicherlich steht uns eine schwere Zeit bevor. Wir werden uns gemeinsam sehr anstrengen müssen, um die Politik zu beraten und zu überzeugen, dass man mit der Schließung von Kultureinrichtungen keinen Haushalt saniert. Allerdings müssen wir die kommende Generation mit der Kunst vertraut machen und begeistern, damit sie in Zukunft die institutionelle Ausstattung und die Freiräume zur Entfaltung von zeitgenössischer Kunst mitträgt. Leider sind einige Faktoren zurzeit eher ungünstig. Die demographische Entwicklung ist nicht positiv. Man spricht von 20 Prozent weniger jungen Menschen bis 2025. Dazu kommt die schwere Finanzkrise, die die Kommunen in große finanzielle Schwierigkeiten gebracht hat. Ich hoffe sehr, dass die Kommunen in Zukunft durch neue Regelungen und finanzielle Hilfe wieder mehr Spielraum gewinnen, um gerade bei den freiwilligen Leistungen eine größere Gestaltungsfreiheit zu haben. Die Kulturszene hat bereits enorme Anstrengungen unternommen zu sparen, wo immer es geht, das muss berücksichtigt werden. Weitere große Einschnitte bedeuteten einen Bruch im Kultursystem. Dagegen sollten wir kämpfen, denn wir haben in Deutschland immer noch eine einmalige öffentliche Ausstattung. Das macht  uns weltweit keiner nach. Dabei sollte es bleiben.

nmz: Ein Blick in die Zukunft: Welche Rolle könnte der Komponist des 21. Jahrhunderts spielen?

Völckers: Nicht nur die Komponisten, sondern alle Musiker müssen sich noch mehr Gedanken darüber machen, wie sie junge Menschen für ihre Sache einnehmen.

Ich habe festgestellt, dass Vermittlung und Lehre bei jungen Musikern gegenüber dem Aufführungsbetrieb stiefmütterlich behandelt werden. Da müssen wir einen Kulturwandel einleiten, wenn wir dieses Erbe unbeschadet in die Zukunft mitnehmen möchten. Künstler haben in dieser Situation auch eine pädagogische und vermittelnde Verantwortung, der sie ein paar Stunden am Tag widmen müssten – das wäre meine Idee vom Künstler des 21. Jahrhunderts.

nmz: Welche Fördermaßnahmen im Feld Neuer Musik wird die BKS in der Zeit nach dem Netzwerk ergreifen?

Völckers: Ich glaube nicht, dass es nochmal so ein Programm geben wird, sondern etwas Neues, etwas Anderes, das wir noch nicht entwickelt haben. Auf jeden Fall haben sich die regulären Anträge für Musikprojekte bei der KSB verdreifacht. Das ist sehr erfreulich. Die Neue Musik entwickelt sich bei uns gerade zur  meistgeförderten Sparte neben den Ausstellungen.

Das Gespräch führte Andreas Kolb.

Sehen Sie den nmzMedia Film zum sounding-D-Auftakt und lesen Sie auch die Umfrage unter den Kulturreferaten der teilnehmenden Städte, in der Zusammenfassung und in den Einzelstatements aus:
Freiburg
Hamburg
Kiel
Stuttgart
Augsburg

Backnang
Passau
Saarbrücken
Mainz
Dresden

Dossier: 
Netzwerk Neue Musik

Zwischen den Zeilen

Was hier zwischen den Zeilen steht, ist mitunter interessanter als das, was Frau Völckers “offiziell” sagt. Gerade die zeitlich begrenzte Förderung ist für mich eines der Hauptprobleme des Netzwerkes - das fördert bei den meisten eher eine Art Piranha-Mentalität: “so lange es was gibt, stürzen wir uns drauf”. Und genauso lief es auch immer ab.
Auch wenn es vielleicht “zauberhaft” ist, Schönberg und Stockhausen in der Wartburg aufzuführen, was wir eigentlich brauchen ist ein kontinuierliches Angehen der Vermittlungsprobleme, die Frau Völckers vollkommen richtig anspricht, und da ist es mit einem großen Verpuffen von kurzzeitiger Aktivität nicht getan. Vielleicht wäre also weniger, aber dafür dauerhafter, mehr gewesen.


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