Neue Noten 2022/05 – Musik für Streichende

Neue Noten von Arnulf Herrmann, Michel Petrossian, Michel Petrossian, Thomas Daniel Schlee und Aart Strootman


(nmz) -
Arnulf Herrmann (*1968): sweet little matrix [Spur und Abdrift] (2019) Streichquartettsatz über acht Takte aus der Cavatina aus Opus 130 von Ludwig van Beethoven +++ Michel Petrossian (*1973): Liber Secretorum Henoch (2018) für Streichquartett +++ Uroš Rojko (*1954): Two Violas (2020) für zwei Violen +++ Thomas Daniel Schlee (*1957): Viertes Streichquartett op. 86 +++ Aart Strootman (*1987): Anachronism #4 (2018) für vier Violen
Ein Artikel von Michael Zwenzner


Arnulf Herrmann (*1968): sweet little matrix [Spur und Abdrift] (2019) Streichquartettsatz über acht Takte aus der Cavatina aus Opus 130 von Ludwig van Beethoven
Edition Peters Leipzig EP 14479 (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Musik über Musik, die mit verschiedensten Distanzverhältnissen zur historischen Vorlage operiert und dabei auf durchaus spielfreudige Weise das Spannungsfeld zwischen strenger Konstruktion (kanonische Prinzipien) und starker Expressivität (zerrüttetes Melos, stockende Rhythmik) auslotet.

Form, Struktur
Rondoartige Form, deren wiederkehrender Abschnitt aus der textural und mikrotonal mehr oder weniger verfremdeten, rhythmisch unterschiedlich perspektivierten Cavatina besteht. Drumherum gruppieren sich in regelloser und kontrastreicher Manier satztechnisch jeweils homogene Episoden.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Partitur
Dauer: ca. 10 min.
sehr schwer

Kommentar
Dieser Satz erweist einer der ausdrucksstärksten Passagen der Musikgeschichte seine Reverenz und zehrt von der schwer errungenen, umso tieferen Schönheit des späten Beethoven – obwohl dessen Klageton auf hoch-artifizielle Weise weiter musikalisch aufgefächert und gleichsam seziert wird.


Michel Petrossian (*1973): Liber Secretorum Henoch (2018) für Streichquartett
Edition Gravis Neuss, eg 2653 (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Polyphonisch-rhapsodischer Stil tastender Expressivität und wechselhafter Stimmungslage, dessen durch Vierteltöne, Glissandi und artikulatorische Effekte moderat angereicherte atonale Harmonik die klassischen Tugenden „stimmlich“ perfekt aufeinander abgestimmten Quartettspiels einfordert.

Form, Struktur
Sonatensatz-verwandte Form mit Exposition, Überleitung, Durchführung, kurzer Cello-Kadenz und mit dem Gestus einer offenen Frage endendem Epilog. Typische Melodie-, Kreisel-, Pendel-, Gleit-Bewegungen werden teils imitatorisch zu immer neuen Texturen (meist im 6/8-Metrum) verwoben.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Notation
Dauer: ca. 8 min.
sehr schwer

Kommentar
Eine Äthiopien-Reise inspirierte zu dieser musikalisch feinen, im expressiven Gehalt enigmatischen Annäherung an das apokryphe, altäthiopisch abgefasste 1. Buch Henoch, dessen Namensgeber bei lebendigem Leib in den Himmel entrückt wurde. Was er dabei sah, könnte hier zu hören sein…


Uroš Rojko (*1954): Two Violas (2020) für zwei Violen
Verlag Neue Musik Berlin NM 3214 (zwei Spielpartituren)

Stilrichtung, allg. Charakter
Gestisch „kaleidophonischer“ Stil mit einer großen Bandbreite und Intensität des Ausdrucks (vom Wilden, Schroffen, Obsessiven über das Nervöse, Zwanghafte, Disparate bis hin zum Ätherischen, Zarten), dies in rhythmisch stets intrikat verflochtener, klanglich reibungsvoller Zweistimmigkeit.

Form, Struktur
Fünf teils kompakte, mehr- oder kleinteilige Sätze, in verschiedenen Kombinationen fokussiert auf gleitende, repetitive (1&4), polyphone, prozessuale, einfrierende (2&5) oder impulsive, dabei im Tempo instabile (1&3) Bewegungsformen bei über weite Strecken stabiler Metrik und Harmonik.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Notation mit grafischen Elementen für Glissandi, im 4. Satz gesonderte Systeme für arco- und pizzicato-Aktionen
Dauer: ca. 26 (8,5 + 6,5 + 5 + 1,5 + 4,0) min.
sehr schwer

Kommentar
Trotz neutralen Titels eine hoch anspruchsvolle (kleine Zitate aus Beethoven-Quartetten und einer Sinfonie verweisen auf die Referenz), ästhetisch charakteristische Würdigung der Bratsche, deren kammermusikalisches, klangliches, expressives Potenzial fern üblicher Kantabilität ausgelotet wird.


Thomas Daniel Schlee (*1957): Viertes Streichquartett op. 86 (2014-15)
Bärenreiter Kassel BA 11067 (Partitur), BA 11067-22 (Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Tief der Wiener Tradition verpflichteter Quartettsatz im dissonant-polyphonen Stil mit freitonaler, teils zwölftöniger Melodiebildung. Der weitgehend ruhige, in Artikulation und Ausdruck gemäßigte Verlauf erfährt nur wenige energische Eingriffe und wird zum Ende hin immer inniger, wehmütiger.

Form, Struktur
Einsätzige Form, deren erster Hauptteil (von reinem C-Dur ausgehend) drei verschiedene Tempo- und Ausdruckssphären (Largo – più mosso – Energico) aufeinander bezieht. Bis zum fünfminütigen (!) Bratschen-Finale folgt ein ausgedehnter, teils thematisch gearbeiteter Prozess der Beruhigung.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Partiturnotation
Dauer: ca. 22 min.
 schwer

Kommentar
Retrospektive, von mir in Teilen auch anachronistisch empfundene Musik mit einigen Längen zu Beginn, mit denen allerdings die bewegende Abschiedsatmosphäre des zweiten Teils, einhergehend mit viel melodischem Schmelz und überraschendem Schlussmonolog, durchaus zu versöhnen weiß.


Aart Strootman (*1987): Anachronism #4 (2018) für vier Violen (mit mikrotonaler Skordatur der A-Saiten)
Deuss Music Den Haag, ohne Ed.nr. (Partitur und Stimmensatz), zu bestellen über Deussmusic.com

Stilrichtung, allg. Charakter
Postminimalismus mit sowohl reduktiven als auch repetitiven Aspekten, angesiedelt zwischen dem abstrakten Formenspiel einer rhythmisch unscharfen, mächtig an- und abschwellenden Pizzicato-Kaskade und eines groovy begleiteten, tonal gefassten, permutativ verhackstückten Mozart-Themas.

Form, Struktur
Zwei kontrastierende Teile (1. über einer stabilen Tonachse mikrotonal und kanonisch aufgefächerte progrediente Abwärtsbewegung; 2. kreisendes Melos, Flageolettklänge, Crescendo-Doppelgriffe, obstinate Rhythmik in wechselnder Rollenverteilung) mit kurzer „senza misura“-Überleitung.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Durch soziale Interaktion, proportionale oder absolute Dauernnotation gesteuerte Koordination der Stimmen, die im 1. Teil auf je zwei Systemen für A- und D-Saite notiert sind.
Dauer: ca. 7 min.
 schwer

Kommentar
Laut Strootman eines mehrerer experimenteller Stücke, in denen je eine überlieferte musikalische Praxis auf zeitgenössische Weise verwendet wird, hier – ausgehend von einem Thema aus Mozarts Doppelkonzert KV 364 – das Spiel mit Skordatur. Die Viola als multiples Wesen: ziemlich bizarr!

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