Neue Wege, auch im Umgang mit Kritik

Elementare Musikpädagogik vom Kindergarten bis in die Grundschule: erste Evaluationsergebnisse zum Projekt MUBIKIN


(nmz) -
„Können wir Ihnen etwas vorsingen?“– „Möchten Sie noch ein Lied hören? Einen Kanon?“ Wenn gleich in mehreren Kindergärten und Grundschulen die Erzieherinnen und fachfremden Lehrerinnen bei Interviewgesprächen derartige Vorschläge machen, wenn dann die spontan angefragten Kinder mit leuchtenden Augen aufspringen und gekonnt ihre Lieder präsentieren, dann ist man offenbar zu einer besonderen Zeit an einem besonderen Ort.
Ein Artikel von Andreas Lehmann-Wermser, Lina Hammel, Valerie Krupp-Schleußner

In Nürnberg haben sich vor vier Jahren auf Initiative von zwei Stiftungen – der Bouhon-Stiftung und der Stiftung Persönlichkeit – unterschiedliche Akteure zu einem in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichen Programm zusammengeschlossen. Wie andere Programme auch will MUBIKIN (Musikalische Bildung für Kinder und Jugendliche in Nürnberg) Kindern und Jugendlichen einen aktiven Zugang zur Musik eröffnen. Und wie an anderen Orten sollen dabei vor allem auch Kinder aus bildungsfernen und/oder sozial schwachen Familien erreicht werden. 

Das Besondere an MUBIKIN liegt aber zum einen darin, dass der Unterricht schon im Kindergarten beginnt und über vier Jahre hinweg bis zum Ende der zweiten Klasse konzeptionell und kontinuierlich gedacht ist, zum anderen darin, dass das Programm seinen Schwerpunkt in der Elementaren Musikpädagogik (EMP) hat. Die EMP verbindet musikalische und persönlichkeitsbezogene Zielsetzungen und setzt inhaltlich einen Schwerpunkt auf elementares Musizieren mit Stimme, Instrumenten, anderen Klangerzeugern sowie Bewegung (vgl. AEMP 2014). Mit der musikalischen Früherziehung und der Grundausbildung offeriert sie Konzepte, die speziell auf Kinder im Vor- und Grundschulalter ausgerichtet sind und die für die Grundschule Neuland eröffnen. Die bisher etwa 20 beteiligten Elementaren Musikpädagoginnen der städtischen Musikschule Nürnberg kommen wöchentlich in Kindergärten und Schulen, um dort im Tandem mit einer Erzieherin beziehungsweise einer Grundschullehrerin den MUBIKIN-Unterricht durchzuführen.

Organisatorisch ist neu, dass neben den Stiftungen die Musikschule (als Ausführende im Programm), die Hochschule für Musik und die Universität als Anbieter für Fortbildungen sowie die Stadt Nürnberg als Trägerin zusammen agieren. Schon für die Teilnahme müssen sich Grundschulen gemeinsam mit allen Kindergärten im Sprengel bewerben, um die Kontinuität über vier Jahre zu gewährleisten. Maßnahmen zum Qualitätsmanagement (Jahresgespräche, Evaluationen, Fortbildungen) sind in das Programm integriert.

2013/14 wurden im Rahmen einer Evaluation 166 Personen zur Programmdurchführung und zu den Ergebnissen befragt (Lehmann-Wermser et al. 2014). Die Grafik zeigt, dass die Erzieherinnen, Lehrerinnen und Musikschullehrerinnen viele positive Wirkungen des Programms wahrnehmen, sowohl im musikalischen als auch im außermusikalischen Bereich, was in den begleitenden Interviews ebenfalls deutlich wurde.

Zwei Zitate von Grundschullehrerinnen sollen das veranschaulichen: „Ich habe jetzt eine dritte Klasse übernommen und man merkt total den Unterschied. Die sind besser. Wie sie singen: Sie singen wunderbar! Wenn ich einen Rhythmus reingebe, dann können sie ihn sofort nachklatschen. Das sind Dinge, die waren vorher nicht da. Da musste man ganz hart arbeiten. Und man konnte nicht wirklich mit dem Stoff der dritten Klasse weitermachen, sondern musste wieder von vorne anfangen.“ „Die Schüler sind offener und die Gewaltbereitschaft hat nachgelassen, innerhalb der Klasse und auch sonst. Sie lernen still zu sitzen, sie lernen ruhig zu werden, sie lernen, nicht gleich drauf loszugehen. Bei einigen Rabauken hat man es gemerkt.“

Nicht nur die Kinder lernen viel bei MUBIKIN, wie Interviews und Fragebögen zeigen: „Man kriegt einfach Ideen, wie man Instrumente einführen kann, ohne dass die Kinder gleich wild drauf los trommeln“, berichtet beispielsweise eine Erzieherin. Der Mittelwert für die Bewertung des eigenen Lernzuwachses durch die Teilnahme am Tandemunterricht lag für die befragten Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen auf einer vierstufigen Skala mit 3,73 sehr hoch. Damit lernen die Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen im Tandemunterricht sogar noch mehr als in den in Blöcken durchgeführten MUBIKIN-Fortbildungen, deren Lerneffekt sie aber ebenfalls als hoch bewerten (MW 3,5). Die Evaluation hat allerdings auch deutlich gemacht, wo Verbesserungsbedarf besteht: Die Fortbildungen, die für Grundschul- und Kindergartenpersonal getrennt organisiert sind, waren nicht aufeinander abgestimmt. Darüber hinaus waren die Musikschullehrenden nicht darüber informiert, welche Inhalte ihren jeweiligen Tandempartnerinnen in den Fortbildungen vermittelt wurden.

Ein Ziel der inzwischen geplanten gemeinsamen Fortbildungen ist die Verbesserung der Zusammenarbeit im Tandem. Denn wie in vielen anderen Kooperationsprojekten auch (vgl. z.B. Koordinationsstelle 2013) sehen die meisten Projektbeteiligten die Potentiale des Tandems noch nicht völlig ausgeschöpft. Nicht zuletzt liegt es an fehlenden Zeitfenstern für Absprachen, dass bisher nahezu ausschließlich die Musikschulkräfte die Vorbereitung und die federführende Durchführung des Unterrichts übernehmen. Während die Erzieherinnen und die Grundschullehrerinnen damit laut Fragebogen weitgehend auch einverstanden sind, wünschen sich die Musikschullehrenden mehr Beteiligung ihrer Tandempartnerinnen, wenigstens aber, dass sie wie die Kinder aktiv „mitmachen“ und nicht nur als „Aufpasserin und Beobachterin auf dem Stuhl“ sitzen.

Die dritte Stellschraube neben den Fortbildungen und dem Tandem, an der die Nürnberger im Nachgang der Evaluation drehen wollen, ist die Vernetzung von Kindergärten und Schulen, die „noch in den Babyschuhen steckt“. Die Bereitschaft dazu ist sowohl bei den Erzieherinnen als auch bei den Grundschullehrerinnen hoch: Beispielsweise gaben 73,4 Prozent an, dass sie sich wünschen, Materialien für den MUBIKIN-Unterricht mit den Kolleginnen der jeweils anderen Institution auszutauschen – während allerdings nur 27 Prozent aussagten, dass dies bereits getan werde. Geplant ist zum einen die Einführung eines Portfolios, in dem die Kinder ihre MUBIKIN-Erfahrungen sammeln und so die Kontinuität ihres Unterrichts dokumentieren. Das Portfolio verschafft so den Grundschullehrerinnen einen Überblick über die Kindergarten-Erfahrungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Zum anderen kündigten mehrere Kindergarten- und Schulleitungen im Anschluss an die Präsentation der Evaluationsergebnisse an, gemeinsame Veranstaltungskalender erstellen zu wollen.

Insgesamt wird deutlich, dass auch bei MUBIKIN jene Schwierigkeiten auftreten, die in vielen ähnlichen Programmen zu beobachten sind. Allerdings hat die Steuergruppe des Programms einen Qualitätszirkel entwickelt, innerhalb dessen die Akteure schnell und überlegt auf Evaluationsergebnisse reagieren können. Die Akteure jedenfalls sind bereit, für die musikalische Bildung von Nürnbergs Kindern neue Wege zu gehen und dafür viel zu investieren. Die Vergabe einer externen Evaluation, der beeindruckend offensive Umgang mit der darin geäußerten Kritik (http://mubikin.nuernberg.de) sowie die Arbeit an den Lösungen verspricht, dass MUBIKIN über die kommenden Jahre und auch bei Ausweitung des Programms auf weitere Schulsprengel die angestrebte Qualität erreichen und halten kann. Wichtige Anregungen für andere musikalische Kooperationsprojekte können die Verbindung von musikalischer Arbeit an Kindergärten und Grundschulen bieten, der Fokus auf die Elementare Musikpädagogik sowie die flankierenden Fortbildungsangebote.

Lina Hammel, Andreas Lehmann-Wermser und Valerie Krupp-Schleußner

Renate Reitinger, nmz-Redakteurin der Rubrik „Forum Musikpädagogik“, ist für die Hochschule für Musik Nürnberg Vertreterin in der Trägerversammlung von MUBIKIN.

Literatur

  • AEMP, Arbeitskreis Elementare Musikpädagogik (2014): Was ist Elementare Musikpädagogik? Online: http://www.a-emp.de/46.html (Zugriff 6.11.14).
  • Koordinationsstelle des BMBF-Forschungsschwerpunkts zu JeKi (Hg.) (2013): Empirische Bildungsforschung zu Jedem Kind ein Instrument. Ergebnisse des BMBF-Forschungsschwerpunkts zu den Aspekten Kooperation, Teilhabe und Teilnahme, Wirkung und Unterrichtsqualität. Bielefeld. Online verfügbar: http://www.jeki-forschungsprogramm…. (Zugriff 6.11.14)
  • Lehmann-Wermser, Andreas; Hammel, Lina; Krupp, Valerie (2014): Evaluation des Programms MUBIKIN in der Stadt Nürnberg. Unveröffentlichter Bericht. Kurzfassung online verfügbar: http://mubikin.nuernberg.de/downloa… (Zugriff 6.11.14)
  • MUBIKIN (2012): Neue Töne in Nürnberg – MUBIKIN ist da. Broschüre online verfügbar: http://mubikin.nuernberg.de/downloa… (Zugriff 6.11.14)

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