Never Give Up

Überzeugend: Händels „Ariodante“ in Stuttgart


(nmz) -
In Stuttgart wütet ein Fiesling: Er heißt Polinesso und kippt beinahe das verfaulte englische Theater- und Gesellschaftsmodell des ersten Drittels vom 18. Jahrhundert. Anlass ist der Plan des machtgeilen Polinesso, der mittels einer sexuellen Intrige das Glück des zur Herrschaft bestimmten Tronfolgers von Schottland zu zerstören trachtet und damit das künftige Königspaar an den Rand des Todes treibt. Polinesso selbst will König sein und die Königstochter besitzen. Ausgehend von der klugen Inszenierung dieses Opernstoffs wäre es spätestens jetzt nicht nur eine gemeine, sondern eine echte Teufelstat, wenn dem Stuttgarter Opernhaus samt Chor nicht am 7. Mai die Auszeichnung „International Opera Award“ verliehen würde – gerade wegen dieser jüngsten Premiere von Händels „Ariodante“. Nominiert sind neben Stuttgart die Häuser in Houston, Lyon, Vlaanderen, das Royal Opera House und das Teatro alla Scala.
Ein Artikel von Burkhard Baltzer

Der „Ariodante“-Stoff ist in der Zeit vor Händel oft bedacht, bearbeitet und neu drapiert worden. Händel selber stützte sich auf ein Libretto von Antonio Salvi (1694 -1724) und dessen musikalische Umsetzung von Giacomo Antonio Perti. Er konnte sich zudem auf zwei weitere Vertonungen aus dem 17. Jahrhundert beziehen. Wie so oft dreht sich alles im Kern um grauenvolle Konventionen und die Wirkmächtigkeit der Liebe. Letztere gewinnt mit etlichen Fragezeichen nach drei Akten und fast drei langen Stunden, weil wirklich jede Empfindung auf der Gefühlsskala in ausschweifenden Wiederholungen gedehnt und besungen wird. Da das musikalisch aber überzeugend vom Staatsorchester und seinen Experten für alte Musik sowie zu grandioser Höchstform wachsenden Solistinnen und Solisten unter Leitung von Giuliano Carella gelingt, ist der Abend bis auf ein paar Wackler im ersten Akt insgesamt ein Fest. Zudem wartet die Regie mit subtilen Ideen auf, um das Liebesringen von Ritter Ariodante, dem Thronfolger, und Ginevra, der Tochter des Königs, schlüssig und beinahe unaufdringlich ins Heute zu holen. Großen Anteil daran hat die darstellerische Glaubwürdigkeit des Solistenensembles, von denen stellvertretend  Diana Haller (als Ariodante präsent in jeder stimmlichen und burschikosen wie verzweifelten Nuance) und Ana Durlovski als Ginevra (die der Haller nicht nachsteht) genannt seien. Die Historie wird dabei nie vergessen.

Wie geht das? Jossi Wieler und Sergio Morabito (Regie und Dramaturgie) haben gleichermaßen sinnlich gearbeitet und nach Zeitbezügen zur Vergangenheit gesucht. Begleitet von Videoankündigungen, lässt Nina Mechow das höfische Personal in hipper baumwollner Trainingskluft samt Kapuzenshirts nacheinander auf die Bühne laufen. Standards der Verkleidungskultur heute: Mode-Codes, zu denen bis zum Haupthaar hochrasierte Köpfe, Scheitel und Kinnbärte gehören, so als ginge man durch die Fashion-Ghettos von Cliquen und Communities in unseren Großstädten. Anfangs wundert die folgende „Entblätterung“ zu Individuen und Charakteren bei der Verlobung von Ariodante und Ginevra, auf der es locker zugeht. Denn auch die Tanzeinlagen haben so gar nichts Höfisches, sonder erinnern eher an Disko-Freistil, beziehungsweise Ariodante müht sich, den Höflingen Michael Jacksons Moonwalk beizubringen. Gleichzeitig verstört eine absenkbare und bewegliche Stage-Gerüstkonstruktion für Licht, Verstärkung und sonstige Bühnentechnik. Rätselhaft  auch der in das Metall  gefräste Slogan „Never Give Up“, der zuallererst an eine Catch-Veranstaltung denken lässt. Tatsächlich wird später eine Arena aufgebaut. Und auf der geht gegen Ende hin denn auch der Fiesling Polinesso k.o. – mit ihm sein Plan, sich zum Retter Schottlands zu stilisieren und den Thron zu übernehmen. Zum Abschluss werden alle zu Puppen des Ancien Régime, starr und steif verkleidet in entsetzlichen Kostümen und Perücken, während Christophe Dumaux, der Polinesso, mit Zitaten aus Rousseaus kritischen Theaterschriften die Rolle der SchauspielerInnen in einer verlogen-bigotten Gesellschaft geißelt.  Diese radikale Grundierung erinnert wohl jeden an die heutigen Heilsbringer, die erst mit Worten bomben und dann Terroristen für Anschläge verdingen. Bravos und ein paar Buhs, aber nach fast jeder Arie Applaus.  

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