Nicht arbeitslos, sondern vom Arbeitsverbot betroffen

Umfrage vom TKV München und Bayern zur beruflichen und wirtschaftlichen Situation der Mitglieder in der Corona-Krise


(nmz) -
Im Mai und Juni 2020 führte der Vorstand der Münchner Tonkünstler eine Umfrage zur aktuellen Corona-Situation durch, der sich der Tonkünstlerverband Bayern e.V. mit seinen zwölf weiteren regionalen Verbänden anschloss.
Ein Artikel von Theresa Henkel

Anliegen der Umfrage ist es, ein möglichst umfassendes Bild über die beruflichen Probleme und über die entstandenen finanziellen Einbußen der Teilnehmer*innen an der Umfrage durch die Corona-Krise zu erhalten. Die Ergebnisse dieser Umfrage sollen einen Beitrag dazu leisten, einerseits einen Überblick über die Annahme der verschiedenen Hilfspakete zu erhalten, andererseits geeignete Anschlussmaßnahmen zur Abfederung von Einnahmeneinbußen anzustoßen und politisch weiterhin tätig zu sein.

Mehr als 100 der insgesamt über 1.000 Münchner Tonkünstler nahmen an der Umfrage teil (9 Prozent). Bayernweit lag die Beteiligung mit 420 Rückantworten von insgesamt etwa 1.800 Mitglieder etwas höher (23 Prozent).

Gerade hinsichtlich der Inanspruchnahme unterschiedlicher Hilfspakte sind markante Unterschiede im Vergleich Tonkünstler*innen in der Großstadt München/Umland und in den anderen Regionalverbänden festzustellen. So wurde die Corona-Soforthilfe außerhalb Münchens nur von 25 Prozent der Befragten in Anspruch genommen (und nur 15 Prozent bewilligt), etwas weniger als die Hälfte (44 Prozent) in der bayerischen Landeshauptstadt. Einen Antrag auf das Künstlerhilfsprogramm stellten Mitglieder der 12 Regionalverbände außerhalb Münchens lediglich 16 Prozent (3,1 Prozent wurden bewilligt), in München/Umland immerhin 24 Prozent der Umfrage-Teilnehmer*innen. In beiden Fällen wurden alle Anträge der Tonkünstler München bewilligt. Das ALGII/Sozialschutz-Paket und auch die Unterstützung der GVL, der Deutschen Orchester-Stiftung, der GEMA oder anderer Stellen spielten bei den Teilnehmer*innen der Umfrage eine marginale Rolle. Die erheblichen regionalen Differenzen in der Antragstellung sind wohl damit zu erklären, dass ein weit höherer Anteil der Befragten in den Regionen sowohl freiberuflich als auch angestellt sind (31 Prozent), wogegen die Tonkünstler München zu 83 Prozent rein freiberuflich tätig sind und nur insgesamt 5 Prozent freiberuflich und angestellt sind.

Die Benachteiligung der Soloselbstständigen in der Musik beschreiben die Münchner Tonkünstler*innen in der Umfrage sehr detailliert, da die Stundenhonorare häufig niedriger seien als die der Festangestellten. Gerade auch die Lebens- und Berufssituation freiberuflicher Musiker*innen entspricht nicht den jeweiligen Antragsbedingungen der Hilfsprogramme, weil beispielsweise die enge Verflechtung von beruflichen und privaten Lebenshaltungskosten kaum darzustellen sei: „Die Mietübernahme […] für meinen Probenraum wurde bewilligt, aber die Kosten für eine (für Aufnahmen dringend benötigte) Klavierstimmung wurden abgelehnt […] Die ,Deckelung‘ der Hilfe bei 3.000 Euro ist unrealistisch – in einer Stadt wie München kann man derzeit kaum überleben.“ Trotz Bewilligung aller eingegangenen Anträge beanstanden aber gerade die Befragten aus München die Situation im Freistaat, da in anderen Bundesländern wie Berlin, NRW, Saarland oder Baden-Württemberg schneller und unbürokratischer geholfen wird: „Ich war besonders sauer über die Konditionen der ersten Soforthilfe-Maßnahme, die Sachen mit den Fixkosten, die ich als Musiker fast nicht habe, und die Antwort der Politik, erst mal auf Hartz IV zu verweisen. Wir sind ja nicht arbeitslos, sondern von einem Arbeitsverbot betroffen!“

Während der Kontaktbeschränkungen führen die Befragten vor allem digitalen Unterricht durch (beide Verbände zirka 80 Prozent), wobei sich die Frage zu den Sicherheitsbedenken wie ein roter Faden durch die Corona-Pandemie zieht. Auch erleiden jeweils zwischen 50 und 60 Prozent der Befragten Honorarverluste, da kein Online-Unterricht gewünscht wird oder nicht möglich ist. Allerdings entstehen die Honorarverluste nicht nur durch fehlenden Online-Unterricht, sondern auch durch teilweises Nachholen des Unterrichts in den Ferien und am Wochenende, durch viele Absagen von erwachsenen Schülern oder durch erhöhte Stresssituationen von Schüler*innen privat oder beruflich.

Drei Viertel in den bayerischen Regionen und immerhin 60 Prozent in der Großstadt München rechnen mit weiter andauernden Einkommens-Einbußen. Dies fasst einer der Münchner Tonkünstler*innen so zusammen: „Ich denke nicht, dass ich vor Frühjahr 2021 wieder einen profitablen Konzertauftritt haben werde.“ Der Ausfall von Konzerten generiert freilich empfindliche Einbußen, weshalb einige Teilnehmer die finanzielle Abhängigkeit der Engagements überdenken oder eine Festanstellung an Musikschulen anstreben möchten. Deshalb zeigt sich auch insgesamt eine deutliche Tendenz dazu, das persönliche Erwerbsmodell umzustellen. Ein knappes Drittel der Befragten nennt als Option für die Zukunft, den MFE/EMP-Bereich zu überdenken und sich ein zusätzliches Standbein zu suchen. Aber auch Online-Unterricht zusätzlich zum Präsenzunterricht anbieten, Gruppenunterricht reduzieren sowie Modifikation der eigenen Organisation, vielseitigeres Angebot, Erarbeitung neuer Konzepte kommen bei einigen Befragten in Betracht.

Zum Schluss äußern sich die Teilnehmer*innen zu besonders eindrücklichen negativen wie positiven Erlebnissen und Erfahrungen im Kontext der Corona-Krise. Einerseits werden die schleppende und teils widersprüchliche Durchführung der Rettungspakete und Hilfsprogramme aus der Politik besonders kritisch gesehen. Auch die schlechte Außenwahrnehmung und der als gering eingestufte Stellenwert von Musiker*innen in der Gesellschaft frustrieren. Außerdem fühlen sich viele freiberufliche Musiker*innen aufgrund fehlender Ausfallhonorare oder unsicherer Terminverschiebungen nicht ausreichend wertgeschätzt; so zahlen beispielsweise katholische Kirchen oder auch Volkshochschulen und Privattheater keine Ausfallhonorare und zeigen zum Teil kein Verständnis in dieser Ausnahmesituation.

Andererseits sind viele Teilnehmer*­innen positiv von der Solidarität der Eltern gegenüber den Lehrer*innen überrascht und sehen ihren Online-Unterricht als Bereicherung an. 80 Prozent der Befragten erwähnen besonders die hervorragende Kommunikation mit den Tonkünstlerverbänden und sprechen ihnen einen großen Dank für die Informationspolitik aus. Darüber hinaus werden einige Anliegen politischer Natur genannt, die sich vor allem auf die Lobbyarbeit auf Bundesebene sowie den weiteren Ausbau der Zusammenarbeit mit anderen Interessensvertretungen und die stärkere Vernetzung mit anderen Musikverbänden konzentrieren. Ebenso werden Strategie- und Maßnahmenentwicklungen für weitere Unterstützungsprogramme als vorteilhaft erachtet.

Sie können die Details der Auswertungen online abrufen unter:
www.dtkvbayern.de
Die Tonkünstler München e.V. und der Tonkünstlerverband Bayern e.V. mit seinen Regionalverbänden dankt den Teilnehmern der Umfrage für ihre Mitarbeit und Unterstützung in ihrer Arbeit.

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