Nicht die Persönlichkeiten, Entdecker fehlen

Eine an Donaueschingen entbrannte Debatte über Festivals Neuer Musik


(nmz) -

Unser letzter Artikel zu den Donaueschinger Musiktagen „Wie klingt das neue Neue“ hat unter jungen Komponisten eine Welle von Debatten losgetreten. „Was ist überhaupt noch neu an der Neuen Musik“ hatte ich eingangs gefragt und war zum Resümee gelangt, dass es viele junge Komponisten heute nicht mehr wagen, sich aus dem Fenster zu lehnen oder hörbar mit eingefahrenen Kommunikationsstrukturen aufzuräumen. Diesen Zustand hätten die Musiktage zum Teil widergespiegelt.

Ein Artikel von Reinhard Schulz

Unser letzter Artikel zu den Donaueschinger Musiktagen „Wie klingt das neue Neue“ hat unter jungen Komponisten eine Welle von Debatten losgetreten. „Was ist überhaupt noch neu an der Neuen Musik“ hatte ich eingangs gefragt und war zum Resümee gelangt, dass es viele junge Komponisten heute nicht mehr wagen, sich aus dem Fenster zu lehnen oder hörbar mit eingefahrenen Kommunikationsstrukturen aufzuräumen. Diesen Zustand hätten die Musiktage zum Teil widergespiegelt.Nach der Lektüre schrieb der Komponist Pèter Köszeghy an den Komponisten Thomas Chr. Heyde (alles ist im Übrigen im Internet auf der Webseite www.donaueschingen.org nachzulesen): „…ich las in der neuesten Ausgabe der nmz einen Artikel. Da ging es um Donaueschingen und dass es zur Zeit keine Komponistenpersönlichkeiten mehr gäbe, die was Gutes machen würden. Ich fand das alles SEHR empörend, da wenn man weiß, was in Donaueschingen so läuft.“ Und die These wurde aufgestellt: „Es gibt schon große Persönlichkeiten!!! Man ist einfach zu FAUL, zu suchen!!! Es fehlt nicht an Persönlichkeiten, es fehlt an ENTDECKERN!!!“

Im Folgenden wurde ein offener Brief „Donaueschingen in der Kritik“ verfasst, der freilich weit über das Phänomen Donaueschingen hinausweist – hin zur gesamten Festivalkultur Neuer Musik. Dort kann man lesen: „Es ist nicht so, dass es keine zeitrelevanten Inhalte mehr gibt, die als Kompositionen ihren Ausdruck finden, aber man kann nicht erwarten, dass diese von Schülern oder Epigonen der derzeit entscheidungstragenden Personen kommen. Längst findet – und dies ist ein offenes Geheimnis – musikalische Innovation nicht mehr ausschließlich in den Hochschulen statt, längst sind andere Konzertreihen, Ensembles, Wettbewerbe – oft grenzüberschreitenden Charakters – repräsentativer für ‚Neues‘, als ihre bekannteren Pendants. Wenn sich außen die Strukturen ändern – und dies hat auch mit einem veränderten Bild eines historisch- und akademisch-institutionell stark determinierten Komponistenbilds zu tun –, dann müssen sich die Strukturen auch bei eben jenen ändern, die die Macht dazu in den Händen haben.“ Und das Resümee wird gezogen: „Zur Zeit herrschen Zustände, die nur noch als Mehrpersonenkult bezeichnet werden können und teilweise nichts mehr mit demokratischen Strukturen gemein haben. Die Funktionsweise gleicht denen geschlossener Gesellschaften, wo bestimmte Personen Entscheidungen fällen, die nicht nach Substanz, sondern nach Bekanntschaftsgrad oder Meinungsähnlichkeit selektiert werden: Man redet von Vielfalt und Freiheit, debattiert über die verschiedenen Grade des ‚Modernen‘, merkt aber nicht, dass die Gesprächspartner immer die gleichen sind.“

Diesen offenen Brief, der mit einem Aufruf zur Unterschrift und zu weiteren Statements verbunden war, haben mittlerweile eine stattliche Anzahl von Komponisten und andere musikalisch Tätige unterzeichnet; teilweise wurden kritisch weiterführende Anmerkungen hinzugefügt. (Claus-Steffen Mahnkopf notierte: „Donaueschingen ist nicht (mehr) der Spiegel der Moderne, à la Häusler, sondern der Spiegel seiner selbst.“ Und Georg Hajdu merkte an: „Aber man sollte dabei deutlich sehen, dass Donaueschingen Symptom und nicht Ursache einer Erkrankung des deutschen Kultursystems ist; und man sollte sich auch mit den Ursachen beschäftigen, die sehr viel mit einem tiefgehenden Wandel einer Nation zu tun haben, die einmal die führende Kulturnation gewesen ist und längst zum Mittelmaß gehört.“)
Die Klagen sind nicht neu (manchmal wurden sie auch erhoben, um selbst einmal in Donaueschingen oder anderswo aufgeführt zu werden), doch die Heftigkeit, mit der sie hier geführt werden, zeigt an, dass bei vielen jüngeren Komponisten ein starkes Misstrauen gegenüber der etablierten Festivalkultur besteht. Der Rahmen der geboten wird, reicht nicht hin, um den neuen Inhalten Raum zu geben. Aber ich muss meine Frage wiederholen: „Wo sind die neuen Inhalte – und wer packt sie an?“ Natürlich sehe ich, dass unsere Welt genug an Stoff bietet, was einer künstlerischen Reflexion bedürfte. Aber ich sehe, dass vor allem bei jüngeren Komponisten, und natürlich nicht bei allen, eine gewisse Verunsicherung bei der Wahl der Mittel besteht. Ich möchte auf den Steirischen Herbst in Graz verweisen. Dort hat längst elektronische Club-Kultur Einzug in die Programme gefunden; in den letzten beiden Jahren verstärkt. Die Ergebnisse kamen meines Erachtens kaum über Entertainment auf abgehobenem Niveau oder über den Spaß am Spiel mit Internet- oder Computer-Bauklötzen hinaus.

Dennoch sind solche Ansätze wichtig und es mag durchaus sein, dass heutige Musikverlagsstrukturen oder das Künstler-Management, die ihre Interessen den Festivals für Neue Musik zu oktroyieren versuchen. Als Organisator steckt man immer in der Klemme zwischen den eigenen ästhetischen Prämissen, die man beherzt und mutig vertreten kann, und den quasi-demokratischen Verpflichtungen gegenüber anderen Interessen, die auf ein Gießkannenprinzip hinauslaufen. Und es ist fast gesetzmäßig, dass zwischen solchen Klammern die Tendenz zur Erstarrung von Strukturen wächst. Hier ist es immer wieder Aufgabe der Kritik (die nicht auf Musikkritiker beschränkt bleiben darf), auf solche Stag-nationen hinzuweisen, Änderungen, Häutungen zu erzwingen – oder, wenn dies nicht fruchtet, neue Orte zu suchen oder aufzutun. Am besten wird dies möglich sein, wenn man auf neue, stichhaltige Ansätze verweisen kann, denen die alten Präsentationsräume nicht mehr genügen. Womit wir wieder bei den jungen Komponisten sind. Die Klage, dass die Jungen nichts mehr bringen, ist vermutlich so alt, wie es Generationswechsel gibt. Manchmal hatten die Alten mit ihrem Befund Recht, meistens Gott sei Dank wurden sie von den Kindern eines Besseren (auch wenn sie es nicht einsehen wollten) belehrt.

Wir wollen in der nmz in unserer nächsten Ausgabe diesen Fragen anhand des offenen Briefs und der Reaktionen darauf nachgehen: Haben sich die Festivals Neuer Musik überlebt? Wo gibt es Ausblicke, neue Möglichkeiten, Reformation oder Revolution? Wie entdecken wir Entdecker?

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